Tradition

Wahrhaftiger Weihnachten feiern

Schon wieder ein Weihnachtsfest, über das Corona seine langen Schatten wirft. Verdunkelt von Einschränkungen und Einsamkeit. Oder vielleicht doch nicht? Wie zwischen äußeren Zwängen und inneren Spaltungen die Weihnachtsbotschaft umso strahlender aufleuchten kann.
Familien empfangen an einem der neun Abende die Posada-Prozession
Foto: Raúl Garza | Um die Herbergssuche geht es auch in der mexikanischen Weihnachtstradition der „Posadas“, die in den neun Tagen vor Weihnachten stattfinden.

Auch dieses Jahr stehen Familien wieder vor der großen Herausforderung, trotz der Pandemie ein fröhliches Weihnachtsfest zu feiern. Vieles darf nicht so sein wie gewohnt: In den Kirchen gelten weiterhin Maskenpflicht und zahlenmäßige Beschränkungen, mancherorts sogar 2G. Familienfeiern werden auch dieses Mal nur in kleinerem Rahmen möglich sein. Abweisung und Einsamkeit sind Erfahrungen, die auch schon für Kinder zu den Erfahrungen der letzten Monate gehören. Hinzu kommen für viele Menschen finanzielle Sorgen, die sich durch die Pandemie verschärft haben. Spaltungen rund um die Impffrage ziehen sich bis tief in die Familien hinein. Angst, Verunsicherung und Frust wollen keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen lassen. Leicht schleicht sich die Versuchung ein, entmutigt in ein vermeintlich „abgespecktes“ Weihnachtsfest zu gehen. Wie können Familien die Herausforderungen nutzen, um dieses Jahr die Weihnachtsbotschaft noch tiefer zu verinnerlichen und bewusster zu feiern?

Dem ersten Weihnachten näherkommen

Zunächst müsse man als Familie achtsam sein und gut hinhorchen, was in der Welt rundherum passiert, und was in die Familie hineingelassen wird: „Wo müssen wir ganz bewusst die Türe schließen, damit sich der Geist der Angst, der Einsamkeit, der Zwietracht und des Grolls nicht bei uns daheim ausbreitet?“, fragt Manuela Fletschberger. Die vierfache Mutter ist Redakteurin des Müttermagazins „Sonne im Haus“ und Autorin des Advent-Lesebuchs „Gemeinsam durch den Advent“ für Familien mit Kindern. Im aufmerksamen Hinhören liege die Chance, sich wieder ganz bewusst auf das Wesentliche zu fokussieren. „Wie war denn das erste Weihnachten der Erdengeschichte? Beschaulich und gemütlich, heimelig und ruhig? Es war eine Zeit voller Mühsal und Sorge – eine lange und beschwerliche Reise mit einer Schwangeren, Maria, die vergebliche Suche nach der Herberge, Christi Geburt in einem kalten Stall. In der derzeitigen Lage können wir uns von unsrem Gemüt her viel realistischer und viel näher in das Weihnachtsgeschehen hineinversetzen. Dies kann besonders uns Müttern und Vätern helfen, diese Zeit im rechten Licht zu sehen, um uns über alles Schwierige und Mühsame hinweg die Freude über die Ankunft des Sohnes Gottes nicht nehmen zu lassen.“ Nur so könne diese Freude auch an die Kinder weitergegeben werden.

Bewusste Planung in der Weihnachtszeit

Maria Büchsenmeister ist Mutter von 12 Kindern und Familientrainerin. In vorweihnachtlichen Familienmanagement-Kursen gibt sie Tipps, wie eine bewusste Planung zu einer besinnlichen Weihnachtszeit verhelfen kann. Auch für sie steht und fällt das gelungene Weihnachtsfest mit der inneren Vorbereitung der Eltern: „Vor allem Mütter sind vor Weihnachten in Gefahr, über das Materielle den Inhalt des Festes zu vergessen. Als Väter und Mütter ist es wichtig, sich selbst innerlich täglich auf Weihnachten vorzubereiten.“ Nur so könne man auch bei den Kindern die Innerlichkeit wecken. „Wenn man über dem Backen, Putzen und Einkaufen die innere Vorbereitung vergisst, besteht die Gefahr der innerlichen Leere. Dann bringt auch die äußere Festlichkeit nicht die tiefe Weihnachtsfreude.“

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Angesichts eines äußerlich eingeschränkten Weihnachtsfestes lohnt es sich, den Kern christlicher Festkultur in den Blick zu nehmen, um das Verhältnis von Geistlichem und Materiellem zugunsten eines gelungenen Festes neu auszuloten. „Alle christlichen Feste verknüpfen Himmel und Erde, Spiritualität und Materialität“, erklärt Guido Rodheudt, Pfarrer in Sankt Gertrud, Herzogenrath. „Der Anlass, den wir feiern, ist immer der ewige Gott, der Mensch geworden ist und durch seine Fleischwerdung die materielle Welt geheiligt hat. Wir dürfen die irdischen Dinge und die Natur gebrauchen, um das Ziel der Ewigkeit zu erreichen. Die guten Dinge der Schöpfung dürfen wir, ohne sie zu verabsolutieren, so nutzen, dass sie uns einen Vorgeschmack auf das Glück des Himmels geben.“ Das rechte Maß der Weihnachtsfeierei ergebe sich aus der Grundhaltung, die auch das Jahr über in der Familie gelebt werde. Das rechte Maß halten müsse sich als roter Faden durch das Leben ziehen. Dann sei es möglich, das Weihnachtsfest gebührend herauszuheben, ohne die materiellen Aspekte – oder deren Fehlen – überzubewerten. So erhalte auch der heute inflationär gebrauchte Begriff der Nachhaltigkeit seinen christlichen Sinn, so Rodheudt: „Nachhaltigkeit präsentiert sich oft als profane Spielart der Ewigkeit. Natürlich ist die Bewahrung der Schöpfung göttlicher Auftrag an uns. Aber wir sollen uns nicht so einrichten, als sei die Schöpfung unser endgültiger Aufenthaltsort. Nachhaltigkeit bedeutet für uns: Wir sind nicht für immer auf dieser Welt, sondern wir müssen uns ausrichten an den Dingen, die nicht vergehen.“

Für Manuela Fletschberger hilft die tägliche Katechese durch Tun und Reden, die Kinder auf das Eigentliche des Weihnachtsfestes hinzuführen und der Gefahr zu entgehen, am Materiellen, vielleicht aber auch am Frust und der Entbehrung in Pandemiezeiten hängen zu bleiben. „Es hilft, am Familientisch die Frage in die Runde zu werfen: Was ist dir an Weihnachten eigentlich wichtig? Kinder sind da sehr mitteilungsfreudig. Man kann dann bewusst darauf hinlenken, worum es an Weihnachten wirklich geht, was die Geschenke bedeuten und warum wir uns beschenken.“ Bei der gemeinsamen Vorbereitung und dem Feiern könne man Kinder bewusst in das Geschehen mit hineinnehmen und auch die Symbole ausdeuten. „Wenn man gemeinsam um den Christbaum sitzt, kann man zum Beispiel erklären, woher die Tradition kommt und was sie bedeutet. Da muss man sich als Eltern natürlich auch vorbereiten, um mit den Kindern darüber ins Gespräch zu kommen.“

Das Fest gestalten

Sorgfältige Planung hilft, um Weihnachten trotz aller Widrigkeiten festlich zu gestalten. Dies helfe auch, das Materielle maßvoll in den Dienst der geistlichen „Nachhaltigkeit“ zu stellen, nämlich den Kindern nachhaltige Erinnerungen und Eindrücke mitzugeben. Es beginne damit, die Anzahl und den Moment der Geschenke am Weihnachtsabend oder -morgen zu planen, so Maria Büchsenmeister. „Allein der Plan hilft schon, dass man das Thema Geschenke schnell abhaken kann. Es macht den Kopf frei, wenn das Thema keine Endlosschleife wird.“ Es sei dabei nicht nur sparsam und ökologisch, sich auf wenige, qualitätvolle Geschenke zu beschränken, sondern gebe den Geschenken auch den richtigen Platz im gesamten Fest. „Geschenke an Weihnachten sind wichtig, denn sie unterstreichen den Anlass des Festes. Nur muss eben die äußere Schönheit den Inhalt des Festes widerspiegeln.“

Für Pfarrer Rodheudt ist die Einsamkeit eine Erfahrung, die in diesen Tagen nicht nur Alleinstehende zu machen haben. „Wir erleben dieses Jahr mit den 3G- und 2G-Regeln eine kollektive Herbergssuche. Die einen dürfen herein, die anderen müssen draußen bleiben. Vielleicht stellt dies den Kern des Weihnachtsfestes besonders heraus, denn das Abgewiesensein ist eine Erfahrung der Heiligen Nacht. Bei seinem Eintritt in die Welt hat das Göttliche Wort um seine Existenzberechtigung gekämpft. Heruntergebrochen auf das Humane ist das eine Erfahrung, die wir tatsächlich auch spüren.“ Eine Hauptaufgabe von Christen sei es dieses Jahr ganz besonders, Möglichkeiten zu finden, dass keiner an Weihnachten alleine bleiben müsse.

 

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