„Wahr ist, was uns verbindet“

Friedenspreis: Die Rede von Aleida und Jan Assmann in der Paulskirche ließ viele Fragen offen. Von Alexander Riebel
Buchmesse Frankfurt: Paar Jan und Aleida Assmann
Foto: dpa | Das in der Paulskirche geehrte Paar Jan und Aleida Assmann.

Diesmal war die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels weniger theoretisch und sprachlich ausgefeilt als sonst. Die Veranstaltung wirkte sogar ein wenig lustlos, obwohl die Anhängerschaft von Aleida und Jan Assmann groß ist. Das Forscherpaar vom Bodensee plädiert schon lange für universelle Menschenrechte sowie für einen besseren Umgang mit natürlichen und ökonomischen Ressourcen. Aleida Assmann hat jetzt sogar einen Band herausgegeben, in dem sie die Erweiterung der Menschenrechte durch Menschenpflichten fordert – Empathie sei steuerbar.

Jan Assmann ist deutscher Ägyptologe, Religionswissenschaftler und Emeritus der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, seine Frau Aleida Anglistin, Ägyptologin und Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Ihre Preisrede haben sie abwechselnd vorgetragen. Den Friedenspeis bezeichnete Jan Assmann als „Ehrenbürgerbrief im Heimatland, das keine nationalen Grenzen hat“. Grenzenlose Öffentlichkeit ist den Preisträgern wichtig, die res publica literaria. Doch wodurch entsteht Öffentlichkeit, die anders als in den Messehallen der Buchmesse ein gemeinsames Interesse und Anteilnahme hat? Die Paulskirche sei solch ein Symbol gemeinsamen Interesses und daher die notwendige Ergänzung zur Buchmesse.

Bereits für Friedenpreisträger Karl Jaspers und seine Laudatorin Hannah Arendt sei das Reich der Humanitas Heimat gewesen, also das geistige Reich jenseits der Ländergrenzen. Öffentlichkeit sei das Gegenteil von privat, meinte Aleida Assmann, und so müsse Schweigen immer gebrochen werden, auch bei Missbrauch. Dass sie sich hier nicht genauer erklärte, wie das Brechen dieses Schweigens zu verstehen sei, durch den Eingriff des Staates etwa oder durch Druck auf den Papst, blieb völlig offen und das war symptomatisch für die ganze Veranstaltung. Vieles blieb in Andeutungen und in subjektiver Perspektive verborgen. Der Öffentlichkeit diente das gerade nicht. So auch, wenn dem Gedanken der Nation damit widersprochen wird, dass Identität durch Erinnern und Wandel der Werte entstehe. Wenn sich der Kern der Werte aber wandelt, welche Identität soll dann noch feststellbar sein? Oder wie es in der Laudatio des Freundes der Familie, des Amerikanisten Professor Hans Ulrich Gumbrecht, hieß, dass es einen Zusammenhang zwischen den großen Monotheismen und dem Totalitarismus gebe – das Wissen darüber „sollte uns schützen“. Dieses alte Theorem des Forscherpaares wurde einfach wie eine Selbstverständlichkeit in den Raum der Paulskirche geworfen – eine Manipulation der Öffentlichkeit. Richtig ist aber, dass es eben doch einen Grundkonsens über die Kultur geben muss, wie die Kulturwissenschaftlerin doch noch sagte, über die Gewaltenteilung oder die Macht der Medien: „Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument.“ Was aber bedeutet das Argument, wenn Aleida Assmann beinahe im gleichen Atemzug sagt, dass Bilder beinahe beliebig umgepixelt werden können und die Überprüfbarkeit von Wahrheit zunehmend in Frage steht? So auch, weil Gesichter und Tonspuren von Medien so verbunden werden können, dass bald jedem alles in den Mund gelegt werden könne. Was zählt dann noch das Argument? Dennoch, das Forscherpaar hält das „kulturelle Gedächtnis“ hoch – wann wird auch das umgeschrieben werden? Karl Jaspers habe schon die Vision eines neuen Europas mit der Überwindung der Überheblichkeit gehabt, erklärte Jan Assmann. Europa als globale Vision der Menschheit und der Idee der Achsenzeit, in der wir auf Augenhöhe mit Buddha, Laotse, Konfuzius, Homer oder Platon stehen. Wollte Assmann auf so etwas wie das Weltethos abzielen? Auch das blieb unklar.

Kultur sei eben das „vielstimmige Gespräch über Generationen hinweg“. Noch einmal mit Jaspers war denn auch das Fazit: „Wahr ist, was uns verbindet.“

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