Vor dem Abgrund

Venezuela erlebt nicht nur eine politische Krise. Es herrscht auch große materielle Not Von Michael Koder

Die Situation in Venezuela ist katastrophal: Die Inflation ist explodiert, sodass die heimische Währung nichts mehr wert ist. Die Hälfte aller Transaktionen wird in Dollar getätigt, jedoch benötigt man etwa für einen Liter Milch zwei durchschnittliche Monatseinkommen. Die Bevölkerung kann hauptsächlich nur noch durch Eigenanbau und Tauschhandel ärmlich überleben, kochen muss man mit Holz und oft gibt es nur eine Mahlzeit am Tag: Reis oder Gemüse.

Ebenso sind Medikamente unbezahlbar geworden; für eine Tagesdosis Antibiotika muss man ungefähr drei Monate arbeiten gehen. Die medizinische Versorgung ist so schlecht, dass die Malaria wieder ausgebrochen ist. So bleibt den Leuten oft nur die schreckliche Wahl zwischen Hunger oder Krankheit. Diese Zustände haben zu einer hohen Säuglings- und Müttersterblichkeit geführt; in einem Jahr sterben etwa 20 000 Neugeborene, ein Drittel der Mütter überlebt die Geburt wegen mangelnder medizinischer Versorgung nicht. Eine weitere Folge dieser Zustände ist eine erschreckende Kriminalität, die sich etwa in (meist straflos bleibenden) Raubmorden wegen eines Handys, einer Uhr oder auch nur eines Paars Schuhe äußert. Die Menschen können sich nicht einmal ein würdiges Begräbnis leisten, die Leichen müssen in Plastiksäcken im Hinterhof verscharrt werden.

Das wegen seiner Ölvorkommen eigentlich so reiche Land fördert nur mehr einen Bruchteil der ursprünglichen Ölmengen, der von der Regierung dann auch noch nach Kuba verkauft wird oder mit dem Schulden bei den Russen oder Chinesen bezahlt werden, anstatt das Öl dem eigenen Volk zu belassen. Die Venezolaner müssen sich daher vor allem am Land oft tagelang an Tankstellen anstellen. Immer wieder wird das Land von Stromausfällen geplagt, die von einem halben Tag bis zu einer Woche dauern können. Mittlerweile sind daher sechs Millionen Venezolaner aus dem Land geflüchtet, vor allem ins benachbarte Kolumbien, und haben viele Waisenkinder hinterlassen. Das Joch der Regierung lastet besonders auf jenen, die sich gegen das System stellen: das Militär sendet Tötungskommandos in die Dörfer, die selbst vor der Folter und Ermordung Jugendlicher nicht zurückschrecken. Hilfskonvois für das hungernde Land, die vom Oppositionsführer und Hoffnungsträger Juan Guaidó koordiniert waren, wurden beschossen und verbrannt.

Bei einem Vortrag in Österreich hat Jaime Villaroel, der Bischof der Diözese Carúpano, gegenüber der Tagespost die politische Entwicklung hin zu dieser Situation erläutert: Das demokratische System im Land in den 80ern von Korruption zerfressen und dadurch bei der Bevölkerung nicht mehr glaubwürdig. Infolgedessen kam Hugo Chávez an die Macht, zerstörte jedoch den fruchtbaren Produktionsapparat des Landes, indem er überall regierungstreue Funktionäre installierte. Darüber hinaus schloss er kritische Medien. Maduro setzte diese repressive Politik fort, sodass es mittlerweile um die dreihundert Gefangene gibt, die nur wegen ihrer politischen Einstellung festgehalten werden. Die Entscheidungen der sozialistischen Regierung werden mit Kuba abgesprochen. Erst vor wenigen Tagen, Anfang Januar, verhinderte die Regierung mithilfe des Militärs die Neuwahl des Parlamentspräsidiums, indem den Abgeordneten der Zutritt zum Parlament verwehrt wurde und sich daraufhin – ohne verfassungskonforme Wahl – der regierungstreue Luis Parra zum Parlamentspräsidenten erklärte. Die Abgeordneten der Opposition wichen in ein anderes Gebäude aus und wählten ihrerseits Juan Guaidó zum Präsidenten.

Ist die Kirche gegenüber solchen diktatorischen Entwicklungen machtlos? Keineswegs, so Bischof Villarroel. Er sieht eine wesentliche Aufgabe der Bischöfe darin, die geschilderten politischen Entwicklungen nicht unkommentiert zu lassen, sondern die wiederholten Verfassungsbrüche zu verurteilen und das 2015 vom Volk gewählte Parlament als letzte legitime demokratische Institution im Land zu benennen. Die Bischofskonferenz ruft in ihren Aussendungen die Politiker dazu auf, das Gemeinwohl vor individuelle Machtinteressen zu stellen, und erhebt konkrete politische Forderungen, etwa nach Neuwahlen unter bestimmten Bedingungen. Genauso wichtig wie diese politische Arbeit ist es aber für die Bischöfe, dem Volk in dieser schweren Stunde nahe zu sein. Die Regierung habe erfolglos versucht, einen Keil zwischen das Volk und die Bischöfe zu treiben, denn diese würden glaubwürdig handeln, so Villarroel. Sie und ihre Priester spenden in ihren Predigten Trost und säen Hoffnung, ermutigen zu Bildung und Arbeit, fördern den Aufbau von kleinen Unternehmen, versorgen die Menschen so weit wie möglich mit Essen und Medizin, erteilen Religionsunterricht in Pfarren und katholischen Schulen und spenden die Sakramente.

Durch diese Tätigkeiten ist die Kirche aber auch Gefahren ausgesetzt: Bischöfe und Priester werden im Auftrag der Regierung bedroht und eingeschüchtert. Auf Kirchenwänden ist immer wieder das Wort „muerte“ – „Tod“ zu lesen. „Tenemos miedo“, „wir haben Angst“, sagt der Bischof, doch über dieser stehe die Verantwortung und Sorge um sein Volk. Die Bischöfe, so Bischof Villaroel, seien geschlossen zum Martyrium bereit.

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