Digitalisierte Glaubenspraxis

Von „Meta“ bis „Punkt Omega“ weiterentwickeln

Wo ist Transzendenz im Zeitalter der Digitalisierung und „Nexistenz“? Überwiegen Gefahren oder Chancen in der Nutzung des Netzes durch Christen beziehungsweise in der Verkündigung?
Papst bei Bischofssynode
Foto: dpa | Kontemplation 2.0? Auch in der Kirche ist die digitale Welle wohl nicht mehr zu stoppen.

Seit einiger Zeit gibt sich der Facebook-Konzern Mark Zuckerbergs den Obernamen „Meta“. An Metaphysik oder Transzendenz wird dabei wohl nicht gedacht worden sein, aber irgendwie zieht ja die globale Vernetzung einen Meta-Schirm über Milliarden Teilnehmer. Das alles umspannende Internet mit seinen riesigen Daten-Clouds könnte dem Hirn des Evolutions-Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin, der von kosmologisch-anthropologischen Sphären und vom „göttlichen Bereich“ (Milieu divin) sprach, entsprungen sein. Wird die digitale Entwicklung aber dann zu Gott als „Punkt Omega“ führen oder atheistisch zu „Der Herr der Welt“ (Robert Hugh Benson) und „Homo Deus“ (Yuval Noah Harari)?

Die Digitalisierung in Verbindung mit Internet und social-media hat zu einer Transformation der Kommunikation und des medialen Miteinanders geführt, die nur der Einführung des Druckes durch Gutenberg im Zeitalter von Humanismus und Renaissance vergleichbar ist. Noch ist nicht ausgelotet und erkannt, was die digitale Revolution für die Gesellschaft und den Menschen dauerhaft im Guten oder Schlechten bewirkt hat. Mitten im Umbruch lässt sich das Geschehene noch nicht reflektieren, aber jeder in der Gegenwart lebende Mensch ist direkt oder indirekt davon betroffen. Durch Präsenz im Internet und den bekannten Plattformen hinterlässt jeder „user“ eine Spur, die der Algorithmierung von Daten dient. So entsteht eine „Netzexistenz“, die einmal Gespeichertes kaum wieder hergibt und löschbar macht.

„Jede kluge, glaubwürdige und seriöse Selbstäußerung im Netz
kann jedoch auf Höheres hinweisen und aufmerksam machen.
Viele tun das als Missionare des digitalen Zeitalters und es gelingt ihnen oft sehr gut“

Die fast normal gewordene „Gesellschaft der Daten“ in der digitalen Transformation der gesamten sozialen Ordnung, in der der Schutz der Privatsphäre immer schwächer wird, hat in der Politik zu eigenen Digitalministerien geführt und den Begriff der „Nexistenz“ aufgebracht. Die Soziologin Gesa Lindemann (Oldenburg) stellte mit Blick auf das bisherige philosophisch-biblisch-theologische Verständnis von menschlicher Freiheit und Existenz die These auf: „Mit der Durchsetzung der Netztechnologie wird die Ära dieser individuellen Freiheit zu Ende gehen. Denn wir treten ein in die Ära der ,Totalöffentlichkeit in der Matrix der digitalen Raumzeit‘, deren Selbstverständlichkeit auf der Verschränkung von Leib und Nexistenz beruht.“

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Im Communio-Themenheft „Digitalisierung und Kirche“ (Mai/Juni 2022) hat der katholische Theologe Stephan Plettscher diese Entwicklung beschrieben und ihr anhand des Gleichnisses vom verlorenen Sohn oder barmherzigen Vaters (Lukas 15, 11-32) die befreiende christliche Botschaft mit echter Begegnung und der Möglichkeit des Vergessens gegenübergestellt. Im digitalen Zeitalter definiert und erfährt sich der Mensch in Raum und Zeit anders, vor allem gibt es keine unbefangenen Momentaufnahmen mehr, da jedes Ereignis zeitenthoben so lange existiert, wie es gespeichert bleibt. Jede „Nexistenz“ kann mehrere Avatare oder Fake-Profile anlegen, um sich der Erkennbarkeit zu entziehen oder in der Masse unterzugehen.

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Gefahr wachsenden Anpassungsdrucks durch Überfülle

Dabei ergibt sich die Gefährdung der freien Selbstdarstellung des Individuums. „Das Individuum unterwirft sich aufgrund des Zweifels an seiner Selbstdarstellungskompetenz den Normalitätserwartungen der Allgemeingesellschaft“. Digitalisierung und Vernetzung in so genannten sozialen Medien fallen also unter das für die Freiheit und Originalität des Menschen bedrohliche Phänomen der Vermassung, wie es bedeutende Soziologen wie Gustav Le Bon, Ortega y Gasset und David Riesman im 20. Jahrhundert beschrieben haben. Im Anschluss an Gesa Lindemann kommt Plettscher zu dem Ergebnis: „Die Verheißung menschlicher Freiheit, die dem Begriff der Digitalisierung zugrunde liegt, entpuppt sich als Trugschluss, da der Mensch im digitalen Zeitalter durch seine Daten immer stärker determiniert wird. Ein wirklicher freiheitlicher Neubeginn ist im Kosmos ewiger Präsenz und ständig lebendiger Erinnerung nicht mehr möglich“.

Damit ist aber nun auch der Raum und die Offenheit für Transzendenz dem im Netz gefangenen Menschen verschlossen. Wirklichen freiheitlichen Neubeginn kann es also nur durch strenge digitale Aszese geben. Digital gibt es viele nützliche Informationen, sogar Livestreams von Gottesdiensten, aber für „außengeleitete Charaktere“ , um einen Ausdruck des amerikanischen Soziologen David Riesman zu gebrauchen, keine wirkliche Gebets-, Gottes-, Natur- und Menschenerfahrung. Diese sind und bleiben – wenn sie denn noch geschehen – immer noch analog. Sie sind im Bild Riesmans innengeleitete und durch gute religiöse Überlieferungen auch traditionsgeleitete Erfahrungen.

Christen sollen das Netz klug nutzen

Menschen mit kontemplativer Berufung, etwa in Orden und Klöstern, werden ihren Umgang mit dem Internet daher sehr gut reflektieren müssen um nicht in eine oberflächliche Zerstreuung, die dem Evangelium widerspricht, abzugleiten. Digitales kann hinführend sein, ein Mittel, aber nie ein Zweck. Es darf die Wirklichkeit und die durchscheinende Transzendenz des Göttlichen nicht verstellen oder von ihr ablenken. Jede kluge, glaubwürdige und seriöse Selbstäußerung im Netz kann jedoch auf Höheres hinweisen und aufmerksam machen. Viele tun das als Missionare des digitalen Zeitalters und es gelingt ihnen oft sehr gut. Man denke etwa an Bischof Robert Barron (Minneapolis/USA) und seinen Blog „Word on Fire“ oder Netzaktivitäten des Passauer Bischofs Stefan Oster. Wirkliche Erfahrung von Transzendenz und Gebet gibt es aber nur bei ausgeschaltetem Smartphone und PC.

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