Jubiläumsausstellung

Von leuchtendem Wissen und geistlicher Kraft

Wie Bücher bei der Begegnung mit Christus helfen. Eine Ausstellung zu 200 Jahre Bibliothek des Bamberger Metropolitankapitels.
Privat gestaltetes Gebetbuch
Foto: Stühlmeyer | Ein privates Gebetbuch, das seinen Inhalt mit anderen Gebetbüchern gemeinsam hat, aber privat gestaltet ist.

Das Christentum gilt vielen ebenso wie das Judentum und der Islam als Buchreligion. Das ist falsch. Denn hier geht es tatsächlich nicht um das, was zwischen den beiden Deckeln des Neues Testamentes steht, sondern um die Begegnung mit Jesus Christus.

Obwohl das Christentum also im Kern eine Beziehungsreligion ist, spielen Bücher in seiner Geschichte eine große Rolle. Sie wurden erstellt, abgeschrieben, mit großer Sorgfalt überliefert und galten als Referenzwerke, anhand derer man überprüfen konnte, ob man im Hinblick auf die „Beziehungsgeschichte“ noch auf dem richtigen Weg war. Wenn irgendwo ein Bistum gegründet wird, kann man sich deshalb sicher sein, dass sich in dessen Zentrum, in der Bistumsstadt in der Nähe des Doms bald Bücher ansammeln werden. So war es auch im Bistum Bamberg, das auf den heiligen Kaiser Heinrich und dessen Frau, die heilige Kaiserin Kunigunde zurückgeht.

Eine Bitte des Kaisers, die man kaum ablehnen konnte

Heinrich war bekannt und ein wenig berüchtigt dafür, dass er im Zuge der Bistumsgründung auf seinen „Dienstreisen“ als Herrscher überall dort, wo er Station machte, Bücher als Geschenke für seine Neugründung erbat, um die Bibliothek des Domkapitels gut auszustatten. Das Vorhaben gelang, aber dann kam der Bamberger Büchersammlung die Säkularisation in die Quere, der neben Klöstern auch die Bibliothek des Domkapitels zum Opfer fiel. Dass sich die Umstände in Bamberg dennoch günstig fügten und dem Erzbistum schon bald eine neue Sammlung erlesener Bücher zur Verfügung stand, verdankt die Diözese Pius Brunnquell.

Der Dominikanerpater, der, wie so viele seiner Mitbrüder aus seinem Ordenshaus vertrieben worden war, hatte sein Leben als Weltpriester fortgesetzt und den Papst um Entpflichtung von seinem Armutsgelübde gebeten. Aus gutem Grund. Denn Brunnquell hatte – ihm im Bamberger Dominikanerkloster ad usum, also für den persönlichen Gebrauch überlassen – eine reiche und vielfältige Büchersammlung angelegt, die er, die wirren Umstände nutzend, nun in seinen Besitz übernahm und, weil er weise genug war, über sein persönliches Leben hinauszublicken und sich bewusst war, dass ein Bistum ohne Bücher wie eine Burg ohne Waffen ist, eben diese Sammlung dem Metropolitankapitel des Erzbistums vermacht.

„Wer die Ausstellungsräume betritt, taucht ein in die wunderbare Welt des Wissens,
in der Bücher kostbare Hotspots der Erkenntnis sind, über Generationen genutzt,
mit Randnotizen oder kostbaren Verzierungen versehen“

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Aus diesem Grund feiert die Bibliothek des Metropolitankapitels in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen und deren Leiterin Maria Kunzelmann hat aus diesem Anlass in Zusammenarbeit mit dem Dom- und Diözesanmuseum eine sehenswerte Ausstellung der erlesenen Schätze zusammengestellt, die Teil dieser wertvollen, inzwischen natürlich weitaus mehr als die damals von Pius Brunnquell gestifteten 4 000 Bände umfassenden Sammlung sind. Wer die Ausstellungsräume betritt, taucht ein in die wunderbare Welt des Wissens, in der Bücher kostbare Hotspots der Erkenntnis sind, über Generationen genutzt, mit Randnotizen oder kostbaren Verzierungen versehen, als Beutelbuch am Gürtel mitgeführt, um jederzeit in der Heiligen Schrift nach dem rechten Weg sehen zu können oder als personalisiertes Gebetbuch, über Jahrzehnte hinweg aufgeladen mit der je eigenen Spiritualität, sodass die Gebrauchsspuren auch für die nachfolgenden Generationen zu Wegweisern in die innere Tiefe werden.

Ein hochrangiges Beispiel für eine personalisierte Spiritualität auf künstlerischer Ebene ist das Gebetbuch von Robert Schwarz, eine Lithographie, deren ausdrucksstarke Bilder und Texte dem Betrachter unmittelbar in die Seele dringen. Inhaltlich setzt die Ausstellung mehrere Schwerpunkte. Da ist zum einen der historische Strang, der die Entwicklung des Wissens nachvollziehbar macht. Die Buchexponate wie der „Neunte Bibeldruck in hochdeutscher Sprache“, der auf die lange vor Luther und in Bamberg explizit nachvollziehbare Praxis volkssprachlicher liturgischer Formen verweist, das Kettenbuch aus der Oberen Pfarre, das den Wert der Bücher für die früheren Generationen begreiflich macht, oder das mit einem aussagekräftigen kostbaren Einband versehene Missale, das die Bamberger Jugend im Jahr 1953 ihrem Erzbischof Josef Schneider zum Beginn seines Dienstes überreichte, geben Einblicke in die bücherreiche Geschichte des Erzbistum

Manche Fragen in der Kirche sind uralt

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Dass schwierige Lebensfragen immer schon kritisch diskutiert wurden zeigt Pius Brunnquells Schrift „Beweise für die Unauflösbarkeit des Ehebandes“, mit der er auf eine Abhandlung des Bamberger Dogmatikprofessors Johann Josef Baltz reagiert, der eben die dogmatischen Ansprüche der Kirche relativierte. Dass es bei der Suche nach Wissen keineswegs allein um spirituelle Fragestellungen ging, sondern immer auch ein Blick über den Gartenzaun geworfen wurde, zeigen Exponate wie die Historia Animarum des Conrad Gessner, der die Geschichte der Tierwelt in Text und Bild nachvollzieht und von der in der Ausstellung die Abbildung eines prachtvollen Adlers zu sehen ist, dem eine im Zuge des eiligen Zuschlagens des Buches einst erschlagene Fliege ins Auge blickt.

Dass es im Hinblick auf Bücher auch um Konflikte gehen kann zeigt der Bereich der Bücher aus der Zeit des Nationalsozialismus, in dessen Zentrum die zensierte Festschrift für Erzbischof Jakobus von Hauck steht. Neben den Buchexponaten sind im Dom- und Diözesanmuseum auch Messgewänder und Bildwerke aus dem Bestand zu sehen, die wie in einem Spiegel die Wirkung der jeweils im Raum zu sehenden Bücher vertiefen und verstärken.

Das Stundenbuch des Thomas Morus als Highlight

Ein Highlight der Ausstellung ist zweifellos eine Zimelie der Bibliothek des Metropolitankapitels, das Stundenbuch des Thomas Morus, das auch nach seinem Martyrium unter dem englischen König Heinrich VIII. noch lange im Besitz seiner Familie geblieben und durch einen handschriftlichen Vermerk des Heiligen zugleich eine Berührungsreliquie ist. Dieses Exponat steht beispielhaft für das, was diese Ausstellung bietet: Geisterfüllte Materie oder materialisierter Geist, wie es Bibliothekar Pfarrer Christoph Müller in seinem lesenswerten Beitrag über die Gebetbuchsammlung der Bibliothek des Bamberger Metropolitankapitels im schön gestalteten Katalog, der diese noch bis zum 13. September zu sehende Ausstellung dauerhaft in Erinnerung hält, auf den Punkt bringt.


Die Ausstellung „Erlesen – 200 Jahre Bibliothek des Metropolitankapitels“ ist noch bis 13. September geöffnet.
Diözesanmuseum Bamberg, Domplatz 5, 96049 Bamberg. dioezesanmuseum-bamberg.de

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