Wiederaufbau von Notre-Dame

Von Künstlern und Erbauern

Kathedralenbauer am Werk: Zum Fest der Unbefleckten Empfängnis 2024 soll Notre-Dame de Paris in neuem Glanz erstrahlen.
Restauration von Notre-Dame
Foto: Patrick Zachmann – Magnum Photos | Eine Restauratorin ist an der berühmten Chorschranke aus dem frühen 14. Jahrhundert beschäftigt.

Wer am Seine-Ufer an der  Île de la Cité vorbeispaziert, kann seit einigen Tagen große Veränderungen an der Kathedrale Notre-Dame de Paris beobachten. Dreieinhalb Jahre nach dem Brand des berühmten Gotteshauses und nach einer langen Phase der statischen Absicherung wird es spannend. Vor Kurzem haben Steinmetze und Maurer das Gewölbe des nördlichen Seitenschiffs fertiggestellt und aus der Mitte der Kathedrale ragt jetzt ein 600 Tonnen schweres Gerüst. Lehrbögen aus Holz wurden Anfang Dezember auf einer Plattform in 26 Metern Höhe vom Boden der Kathedrale installiert. Auf ihnen entsteht das steinerne Mittelgewölbe, dessen Vorgänger der große Brand von 2019 komplett zerstört hat. Ab nächstem Jahr wird der neue Vierungsturm daraus emporwachsen. Damit rückt das ehrgeizige Ziel der Fertigstellung der Restaurierungsarbeiten bis Ende 2024 endlich in greifbare Nähe, nachdem verschiedene Rückschläge, unter anderem die Corona-Pandemie, die Arbeiten zwischenzeitlich verzögert hatten.

Zeitreise ins Hochmittelalter

Mit den Gerüsten umgibt eine insgesamt 1.200 Tonnen schwere Kathedrale aus Eisen vorübergehend die uralten Mauern. Die massiven Stützkonstruktionen aus Metall lassen erahnen, welch übermenschliche Leistung der Kathedralenbau im Mittelalter gewesen ist. Die riesige Baustelle im Herzen der Stadt nimmt den Betrachter mit auf eine einzigartige Zeitreise in die Phase der Erbauung gotischer Kathedralen. Die Gemeinschaft der Erbauer, die vor Ort und in Betrieben in ganz Frankreich am Werk sind, umfasst heute wie damals Zimmerleute und Schreiner, Maurer und Steinmetze, Maler, Glasermeister, Metallarbeiter und viele mehr. Seit diesem Sommer befindet sich eine Steinmetzloge auf dem Vorplatz von Notre-Dame. Dort restaurieren Bildhauer Skulpturen oder ersetzen solche, die dem Brand oder dem Lauf der Zeit zum Opfer gefallen sind.

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Das Feuer zerstörte vor allem den Dachstuhl und das Gewölbe des Hauptschiffs, das Gewölbe des nördlichen Querschiffs und den Vierungsturm, der am Abend des 14. April 2019 unter den Augen der fassungslosen Weltöffentlichkeit in die Tiefe stürzte. Nur der Wagemut einiger Feuerwehrleute rettete die Glockentürme. Kunstschätze und eine der wichtigsten Reliquien der Christenheit, die Dornenkrone Christi, konnten noch während des Brandes in Sicherheit gebracht werden. Dank der Geistesgegenwart der Feuerwehr blieb auch die große Orgel von Feuer- und Wasserschäden bewahrt und muss nur vom Bleistaub befreit werden. Als Folge des Feuers wird zum ersten Mal in ihrer Geschichte der gesamte Innenraum der Kathedrale gereinigt und restauriert, einschließlich der 24 Kapellen: Das sind 42.000 Quadratmeter Wandfläche plus Kirchenfenster und Kunstwerke. Dazu gehört etwa die berühmte Chorschranke aus dem frühen 14. Jahrhundert oder der 25 Meter lange, eine Tonne schwere Teppich des Chorraums.

Die Kathedrale ist Staatseigentum

Bauherr von Wiederaufbau und Restaurierung ist eine per Gesetz am 28. Juli 2019 ins Leben gerufene öffentliche Einrichtung, die von General Jean-Louis Georgelin als Repräsentant des Präsidenten der Republik geleitet wird. Das liegt nicht nur daran, dass Notre-Dame ein Wahrzeichen ist, das fest zur Identität Frankreichs gehört. Seit dem Gesetz von 1905 zur Trennung von Kirche und Staat ist die Kathedrale - wie fast alle französischen Sakralbauten - Staatseigentum.

Weit über die katholische Welt hinaus erfreut sich die Pariser Kathedrale und ihr Schicksal fortgesetzter Aufmerksamkeit. Zwölf Millionen Besucher zog das Bauwerk jährlich an und gehört damit zu den meistbesuchten Orten Europas. Das nationale und internationale Interesse zeigt sich auch in dem hohen Spendenaufkommen: 340.000 Spender aus 150 Ländern brachten insgesamt 846 Millionen Euro zusammen. 550 Millionen Euro kostet die gesamte Restaurierung, der Rest fließt in den Ausbau der unmittelbaren Umgebung von Notre-Dame. Im März dieses Jahres erzählte der Kinofilm "Notre-Dame brûle" (Notre-Dame brennt) die Ereignisse der Katastrophe nach, eine Netflix-Miniserie läuft seit Oktober. Im Februar 2023 eröffnet das neue Kulturzentrum "Espace Notre-Dame" direkt unter dem Vorplatz der Kathedrale. Auch dort wird in Zukunft die immersive Virtual-Reality-Tour durch die Geschichte der Kathedrale zu besichtigen sein, die bereits seit einem Jahr im Geschäftsviertel La Défense ihren festen Platz hat. Eine neue Ausstellung wird außerdem die Etappen des Wiederaufbaus und die verschiedenen Berufsfelder und Techniken, die an der Restauration beteiligt sind, beleuchten.

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Nicht zuletzt eine Bemerkung Emmanuel Macrons hatte zu wilden Ideen und Vermutungen über eine Modernisierung des Gotteshauses geführt. Heute ist klar, dass der Bau wörtlich bis in die letzte Spitze originalgetreu restauriert wird. Größere Sorgen als die staatliche Einrichtung zur Restaurierung Notre-Dames macht vielen Katholiken das Erzbistum Paris, das als Nutznießerin der Kathedrale für deren liturgische Ausgestaltung zuständig ist. Vor genau einem Jahr hatte sich ein breiter Protest gegen Pläne zur Umgestaltung formiert. Kritiker monierten insbesondere die Einrichtung eines Rundgangs für Touristen entlang thematisch gestalteter Seitenkapellen mit moderner Kunst und Klang- und Lichteffekten.

Ort des Gebets und der Besichtigung

Vergangene Woche erklärte der Pariser Erzbischof Laurent Ulrich erneut seinen Wunsch, Notre-Dame so auszugestalten, dass das Gotteshaus den Bedürfnissen der Pariser Gläubigen, Pilger und Touristen entspreche. Er tritt damit Ängsten entgegen, Notre-Dame könne ein Museum werden. Die Kathedrale solle vor allem wieder ein Ort des Gebetes und des liturgischen Lebens für das Bistum werden. Darüber hinaus wolle er aber auch eine Möglichkeit finden, für Besucher und Touristen "nicht nur das Gebäude, sondern auch den tieferen Sinn einer Kathedralkirche erfahrbar zu machen". Ein künstlerisches Komitee berät den Erzbischof bei der Auswahl des Künstlers, der nächstes Jahr Altar, Ambo, Kathedra, Tabernakel und Taufbecken entwerfen wird. Die Bistumsstiftung Fondation Notre-Dame sammelt die noch fehlenden drei Millionen Euro für die Finanzierung der liturgischen Ausgestaltung.

Das Jahr 1163 markiert die Grundsteinlegung von Notre-Dame de Paris, einem der frühesten gotischen Kirchengebäude Frankreichs. Fast 200 Jahre lang dauerte der Bau, der aber erst im 19. Jahrhundert mit der Errichtung des Vierungsturms durch den Architekten Eugène Viollet-le-Duc seinen wirklichen Abschluss fand. Heute wächst das Gebäude wie damals gleichzeitig in die Höhe und nach innen, sichtbar und doch geheimnisvoll verborgen. Während Notre-Dame ihren Betrachtern im Moment nach außen nur Stahl und Stein präsentiert, entsteht in ihrem Inneren etwas Wunderbares. Unsichtbar für die Augen der Öffentlichkeit bringen die größten Meister ihrer Zünfte das Gotteshaus wieder zum Leuchten. Notre-Dame wird so selbst zum Sinnbild der Gottesmutter, die den Heiland unter ihrem Herzen trägt. Eine wahrhaft adventliche Arbeit, deren Schönheit offenbar wird, sobald der Schleier aus Stein und Metall sich hebt. Darf man den Worten des Bauherrn glauben, so wird das am 8. Dezember 2024 der Fall sein, am Fest der Unbefleckten Empfängnis.


Die sozialen Medien der öffentlichen Einrichtung bieten unter @rebatirnotredamedeparis laufend detaillierte Einblicke in den Wiederaufbau von Notre-Dame.

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