Von Königen und Priestern

Die Erforschung der Sakralität christlicher Monarchen Europas führt zu überraschenden Einsichten. Von Sebastian Krockenberger
Ludwig der Fromme, Sohn Karls des Großen
Foto: IN | Ludwig der Fromme, Sohn Karls des Großen, zeigt deutlich die Insignien seines sakralen Herrschaftsverständnisses.

Nach Canossa gehen wir nicht“, erklärte 1872 Reichskanzler Otto von Bismarck im Reichstag während des Kulturkampfes mit der katholischen Kirche. Hinter der Redensart steckt ein epochales Ereignis. 1077 war Kaiser Heinrich IV. in die italienische Stadt Canossa gegangen, um beim dort weilenden Papst Gregor VII. durch einen Bußakt die Lösung des Kirchenbanns zu erwirken. Das Ereignis war der Höhepunkt des Investiturstreits, in welchem es um deutlich mehr ging als darum, ob der Papst oder der Kaiser die Bischöfe einsetzt.

Papst Gregor VII. betonte damals in aller Deutlichkeit, dass der Kaiser zu den Laien gehört und an deren Spitze steht. Das war im Mittelalter keine Selbstverständlichkeit. Laut des Mainzer Krönungsordos von 962, der die Blaupause für die kirchliche Herrscherweihe der römisch-deutschen Könige war, erklärten die salbenden Bischöfe während der Zeremonie, dass der gekrönte König Anteil habe am bischöflichen Dienst. Das meinte zum Beispiel, dass der Herrscher für das Seelenheil seiner Untertanen und deren sittlichen Wandel Verantwortung trage. Es war Aufgabe des Herrschers, für Verhältnisse auf Erden zu sorgen, in welchen die Menschen ihr Seelenheil erringen konnten. Noch 1825 besang der Schriftsteller Victor Hugo den neu gekrönten französischen König Karl X. als Priester und König.

Die sakrale Dimension der christlichen Monarchien in Europa ist Forschungsfeld des Mittelalter-Historikers Franz-Reiner Erkens, der den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Passau innehat. Sein besonderer Forschungsschwerpunkt ist das Frühmittelalter. Zu seinem 65. Geburtstag haben Kollegen aus der Neueren Geschichte 16 seiner Aufsätze und Fallstudien in einem Band unter dem Titel „Sachwalter Gottes“ gesammelt und im Verlag Duncker & Humblot herausgegeben. Zuvor waren die Texte zur Herrschersakralität verstreut an verschiedenen Orten erschienen. Ein sinnvolles und glückliches Unterfangen. Durch das Geschenk seiner Fakultätskollegen werden die Aufsätze Wissenschaftlern und einem interessierten Publikum leichter zugänglich gemacht. Der Band dokumentiert, wie Erkens den Forschungsgegenstand Herrschersakralität ausgehend vom Frankenreich und den ersten römisch-deutschen Kaisern im Laufe der Jahre erforschte.

Eine aufschlussreiche Erkenntnis ist dabei, dass die Herrschersakralität der christlichen Monarchen des Mittelalters nach dem Investiturstreit keinesfalls erledigt war. Erkens zeigt, wie sie mit anderer Gewichtung fortbestand. Erst nach dem Investiturstreit kam der Brauch auf, dass der Kaiser im Weihnachtsgottesdienst und bei der Krönungsmesse das Evangelium liest. Dabei war er gekleidet wie ein Priester, die Stola auf der Brust überkreuzt, angetan mit einem Pluviale, einem Rauchmantel. Unter der Kaiserkrone trug er eine Mitra. Auf Sigeln erscheint der Kaiser in dieser Kleidung.

Mit der Rezeption des römischen Rechts ab dem Hochmittelalter wurde der Herrscher auch als „Priester der Gerechtigkeit“ angesehen, eine Bezeichnung, die damals für die Richter verwendet wurde. Das Wort „sacer“, das einst für die antiken Kaiser verwendet wurde, kam wieder in Gebrauch. Galt der Kaiser für die Kirche nach dem Investiturstreit nicht mehr in herkömmlicher Weise als „sakral“, betonten die Herrscher nun umso mehr die Sakralität des Reichs. Die Rede vom „Heiligen Römischen Reich“ (sacrum Romanum imperium) kam auf. Zwischen Papst und Kaiser wurde die Distanz größer, das „sacrum imperium“ als politischer Arm Gottes auf Erden wurde der „sancta ecclesia“ zur Seite gestellt. Ausgehend vom biblischen Buch Daniel galt das Römische Reich als das letzte Reich, das den Weltuntergang aufhält.

Durch die Reformation wurde diese politische Reichstheologie nicht in Frage gestellt. Erst mit der Aufklärung wurde die Sakralität von Herrscher und Reich in den Hintergrund gedrängt. 1806 kam es dann zur Aufhebung des Reichs. Ein Nachhall der christlichen Herrschersakralität findet sich im Roman „Radetzkymarsch“, erschienen 1932, von Joseph Roth. Graf Chojnicki sagt dort mit Blick auf Österreich-Ungarn am Vorabend des Ersten Weltkrieges: „Die Monarchie, unsere Monarchie, ist begründet auf der Frömmigkeit; …. Unser Kaiser ist ein weltlicher Bruder des Papstes.“

In Frankreich und England erfuhr die Sakralität der Könige nach dem Investiturstreit sogar noch eine Steigerung. Den Königen wurde die Fähigkeit nachgesagt, die Skrofeln heilen zu können, was geradezu zum Merkmal der französischen Könige wurde. Skrofeln sind eine leicht heilende tuberkulöse Infektion, die unansehnliche Geschwülste im Gesicht und am Hals verursacht. 1825 wurde ein letztes Mal die Skrofeln-Heilung von Karl X. ausgeführt.

Um die französischen Könige herum entwickelt sich eine regelrechte „religion royale“. Das Salbungsöl sollte angeblich direkt aus dem Himmel stammen. Jeanne d'Arc legte großen Wert darauf, dass der französische König Karl VII. Krönung und Salbung in Reims empfing. In Großbritannien wurde noch 1953 bei Krönung und Salbung von Königin Elizabeth II. die jahrhundertealte Tradition der christlich-abendländischen Herrschersakralität sichtbar.

Verbreitet ist die Vorstellung, unter den Germanen hätte es ein eigenes Sakralkönigtum gegeben, dem ein vererbbares Königsheil zugrunde liege. Noch die Macht der Merowinger sei davon getragen wurden. Doch Erkens zeigt aus der jüngeren Forschung, dass dies so nicht mehr haltbar ist und zeichnet ein differenzierteres Bild. Antike und alttestamentliche Herrschaftsideen wurden von den Germanenstämmen rezipiert und prägten die Monarchien bis in die Neuzeit. Sakrale Ideen über Herrschaft, die bei den Germanen in verschiedenen Ausprägungen präsent waren, wurden unter römischen und christlichen Einflüssen zu monarchischen Herrschaftsstrukturen weiterentwickelt. Die mittelalterlichen Monarchien Europas sind gewissermaßen Ergebnis von römischem „State-Building“.

Einen weiteren Ideenkreis macht Erkens in Asien aus, der von China ausgehend noch heute zum Beispiel in der Sakralität des japanischen Kaisers sichtbar ist. In Afrika, Südamerika und dem islamischen Kulturraum sind darüber hinaus noch weitere Ideenkreise zu finden.

Herschersakralität bedeutet nach Erkens ein „besonderes Nahverhältnis“ des Herrschers zu Gott oder zum Numinosen. Nicht zu verwechseln mit Heiligkeit, die ein „individuell erworbener Zustand“ sei. Sakralität sei eine „eher amtsmäßige Qualität, vergleichbar mit der päpstlichen Amtsheiligkeit“. Dieses Nahverhältnis zum Göttlichen werde durch drei Elemente begründet: Gotterwähltheit des Herrschers, der Herrscher als Stellvertreter Gottes auf Erden und eine priesterliche Verantwortung des Herrschers für seine Untertanen vor Gott. Erkens betont dabei: „Kein christlicher Herrscher ist zugleich auch sakramente- spendender Priester gewesen.“ In heidnischer Zeit konnten Kult und Königtum zusammengehen, seit der Bekehrung zum Christentum sei dies nicht mehr möglich. Erkens zeigt aus der Geschichte des Frühmittelalters, dass die Salbung nicht konstitutiv für Herrschaft war. Heinrich I., König des Ostfrankenreichs, lehnte zum Beispiel 919 das Angebot einer Salbung ab.

Von verschiedenen Seiten wurden Einwände gegen das Konzept „Sakralkönigtum“ vorgetragen. Es sei eurozentristisch und der Sakralitätsbegriff käme aus dem Christentum. Er sei zu weit gefasst. „Faszination“ würde besser beschreiben, was mit „Sakralität“ gemeint ist. Doch Herrschersakralität kann überall auf der Welt gefunden werden. Wegen des reichen Befundes ist die Auswertung wissenschaftlich notwendig.

Erkens geht es um Begriffsschärfe. Er differenziert zwischen „Sakralkönigtum“, „Gottkönigtum“, „Gottesgnadentum“ und dem „Thaumaturgentum“ (Monarch mit Heilkräften). „Sakrales Königtum“ sei der „kategoriale Oberbegriff“. Sakral legitimierte Herrschaft ist für Erkens ein „weltweites und epochenübergreifendes Phänomen“, geradezu eine „anthropologische Konstante“, die in der Natur des Menschen angelegt zu sein scheint.

Franz-Reiner Erkens: „Sachwalter Gottes – Der Herrscher als christus domini, vicarius Christi und sacra majestas. Gesammelte Aufsätze“. Zum 65. Geburtstag herausgegeben von Martin Hille, Marc von Knorring und Hans-Christof Kraus unter Mitarbeit von Andreas Fohrer. Historische Forschungen (HF), Band 116. Duncker & Humblot 2017, 564 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-428-15222-3, EUR 119,90

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