Von einer Revolution erfasst

Europa soll verändert werden – dabei wird im Wesentlichen auf drei Instrumente zurückgegriffen: Opferrolle, Begriffsumkehrung und Schuldzuweisung. Christen müssen sich dagegen wehren. Von Cornelia Kaminski
Prague Pride Parade
Foto: dpa | Europa hat sich auch visuell verändert. Es ist bunter geworden und respektloser. Dieser Teilnehmer einer Gay Parade in Prag amüsiert sich mit Schleier.

Europa befindet sich in einer Krise. Von der Euphorie, die dazu führte, dass selbst ein Eurovision Song Contest mit einem Schlager zu den Maastrichter Verträgen (1990: „Insieme“ von Toto Cotugnio) gewonnen werden konnte, ist nicht viel übrig geblieben. Wer aber genau hinschaut, bemerkt, dass Europa nicht in einer Krise steckt, sondern von einer Revolution erfasst ist, die nichts anderes als das vollständige Ende des Europas, so wie es seit Jahrhunderten bestanden hat, bedeuten könnte.

Wie alle Umwälzungen eines Systems erfasst eine revolutionäre Bewegung zunächst nur Teile einer Gesellschaft. Vor jedem weiteren Schritt gilt es innezuhalten, um das bisher Erreichte zu bedenken und andererseits zu überlegen, wie weit der nächste Schritt getrieben werden kann, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen.

In Europa lag nach den Diktaturen vor allem in den Ländern das Feld brach, in denen der Faschismus sich vollständig entfalten konnte. In Deutschland erkannten die Verfasser des Grundgesetzes vor 70 Jahren, dass nur eine Verfassung, die nun die Menschenrechte – ein Jahr zuvor von der UNO deklariert – vollumfänglich berücksichtigt, auf lange Sicht eine stabile Demokratie garantieren konnte. Doch schon die erfolgreiche sexuelle Revolution der Sechziger leitete eine Entwicklung ein, die nach und nach an dieser politischen Grundordnung, die die Deutschen sich 1949 gegeben hatten, rüttelte.

Wer vernebelt, taugt nicht als Leuchtturm

Die teilweise Freigabe der Abtreibung in den siebziger Jahren folgte logisch auf diesen erfolgreichen ersten Schritt. Um die Aufweichung des zweiten Grundgesetzartikels – „Jeder hat das Recht auf Leben“ – durchsetzen zu können, wurden Opfer stilisiert. Im Falle der Abtreibung war das die ungewollt schwangere Frau. Dass jede Abtreibung ein Menschenleben kostet, ist zwar ein Faktum, durfte aber nicht erwähnt werden. Stattdessen diente die gebetsmühlenartig wiederholte, nie belegte Behauptung, illegale Abtreibungen kosteten millionenfach Frauenleben dazu, Bilder von Opfern in den Köpfen entstehen zu lassen, die es möglich machten, einem Teil der Menschen das Recht auf Leben zu entziehen. Die katholischen Bischöfe leisteten zwar Widerstand, waren aber nach der unseligen Königsteiner Erklärung nicht mehr glaubwürdig: Wenn Frauen bei der Einnahme der Pille ihrem Gewissen statt dem Papst folgen dürfen, warum nicht auch bei Abtreibungen? Wer die Botschaft vernebelt, taugt nicht als Leuchtturm.

Dass die Aufweichung des Menschenrechts auf Leben schnell Auswirkungen auch auf geborene Menschen haben würde, war absehbar. Warum auch sollte eine Gesellschaft alte Menschen leben lassen, die ihr eine Last sind, wenn eben diese Menschen schon Jahre vorher ungeborene Kinder getötet haben – mit der gleichen Begründung? Es entstand das Bild des leidenden, an Schläuchen angeschlossenen Menschen, den es zu erlösen gilt: die Opfer. Schuld laden die auf sich, die dessen Leid hinauszögern wollen, womit erstmals Ärzte mit ihrer „Apparatemedizin“ kollektiv zu Schuldigen gemacht wurden. Ärzte hatten sich die Hände schmutzig gemacht, als sie einwilligten, Abtreibungen in ihren Leistungskatalog aufzunehmen. Sie hätten ihre zuwendenden Hände durch Vertrauen auf Technik ersetzt, hieß es. Die tatsächliche, individuelle Schuld spielte dabei keine Rolle – es reichte aus, zu einer Gruppe zu gehören, die im Verdacht stand, schuldig geworden zu sein. Wer seine Hände so beschäftigt, hat keine mahnende Hand mehr frei.

Das Repertoire der Revolutionstaktik wurde um ein zusätzliches Instrument erweitert: die Umkehrung der Begriffe. Hatten die Väter des Grundgesetzes unter der unantastbaren Menschenwürde vor allem dies verstanden, dass nämlich gerade diese Würde ihn vor dem Zugriff anderer zu schützen hat, so wurde nun der Begriff der Würde in dieser Bedeutung vollständig umgekehrt. Würde, so heißt es seither, hat nur der Mensch, der ein Recht auf den Zugriff des anderen hat. Nichts anderes bedeutet das Recht auf ein freiwilliges Lebensende, das so freiwillig allzu oft ja gar nicht ist. Damit war ein weiterer Pfeiler unserer gesellschaftlichen Grundordnung zerstört: der Generationenvertrag.

Mit den Instrumenten Begriffsumkehrung, Opferrolle und Schuldzuweisung, die sich als äußerst effektiv erwiesen hatten, konnten nun Pfeiler eingerissen werden, die die tragenden Säulen des christlichen Abendlandes, das Europa nun einmal ist, darstellen. Bei der sogenannten „Ehe für Alle“ (auch das eine Begriffsumkehrung: in Wahrheit ging es um eine Partnerschaft für Wenige) waren die Opfer die kinderlosen gleichgeschlechtlichen Paare. Da sich lesbische Paare den Kinderwunsch leicht selbst erfüllen können, wurde das Adoptionsrecht vor allem von schwulen Männern erfochten. Womit auch klar war, wer zum Schweigen gebracht werden musste: die Mütter. Die Frauen also, die wissen, dass eine unvergleichliche Beziehung zwischen ihnen und dem Baby, das in ihnen herangewachsen ist, besteht, die die Mühsal von Schwangerschaft und Geburt hingenommen haben, weil sie selbstlos lieben können. Frauen, die sich dessen bewusst waren und ihre Kinder daher selbst betreuen wollten, galten als Heimchen am Herd und wurden beschuldigt, ihren Kindern die notwendige frühkindliche Bildung vorzuenthalten. Kleinkinder in der Krippe abzuliefern wurde eine Selbstverständlichkeit, wer das nicht tat, wurde mit dem Vorwurf, keine gute Mutter zu sein, zum Schweigen gebracht. Eine Frau aber, die von dieser besonderen Mutter-Kind-Bindung nichts mehr weiß, die ihr Baby in einer Tageseinrichtung abgibt, die die Lüge glaubt, dort sei das Krabbelkind genauso gut betreut wie von ihr selbst, kann einem schwulen Elternpaar argumentativ rein gar nichts mehr entgegensetzen. Wer die Wahrheit nicht kennt, kann sie nicht verteidigen.

Das volle Adoptionsrecht für verheiratete Homosexuelle zieht in derselben Logik, wie Abtreibungen die Folge der uneingeschränkt ausgelebten Sexualität sind, Leihmutterschaft und Eizellspende nach sich. Auch bei den Forderungen nach Legalisierung dieser frauenverachtenden Reproduktionstechniken für homosexuelle Männer und narzisstische Frauen, funktionieren die beschriebenen Taktiken: nicht die versklavten Leihmütter und Eizellspenderinnen, sondern die schwulen Paare sind die Opfer. Wieder sind es Ärzte, die vor den dramatischen gesundheitlichen Folgen für Frauen warnen müssten – und schweigen, weil sie selbst jahrzehntelang mit Pille, Abtreibung und In Vitro-Fertilisation eben diese Frauengesundheit gefährdet haben.

Vergleichsweise unbemerkt, da nicht von Bundestagsdebatten flankiert, ging parallel zu den genannten Entwicklungen der Umbau des Menschenbildes vonstatten. Die einfache Wahrheit, dass das Leben auf dieser Erde dem grundlegenden Ordnungsprinzip der zwei Geschlechter folgt, wurde von der Genderideologie zunächst in Frage gestellt, dann auf den Kopf. Man sollte meinen, dass derartiger wissenschaftlicher Unsinn keinerlei Chance auf Durchsetzung hat. Wie kann eine Theorie, deren offensichtliche Falschheit uns tagtäglich vor Augen geführt wird, dennoch so Fuß fassen, dass sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens von ihr erfasst werden? Es konnte gelingen, weil die oben beschriebenen Taktiken bis zur Vollendung beherrscht und eingesetzt wurden und die Institution, die stets für sich in Anspruch genommen hat, die Wahrheit zu verkünden, durch die Verstrickung in Missbrauchsskandale vollständig zum Schweigen gebracht worden war. Es konnte auch deswegen gelingen, weil Begriffe nicht nur in ihrer Bedeutung umgekehrt wurden, sondern weil, wie wir nun wissen, Mainstreammedien konsequent Sprache mittels Framing verändern. Zu glauben, dass die öffentlich-rechtlichen Medien lediglich für das leidige Thema GEZ-Gebühren ein solches Framingkonzept in den Schubladen haben, ist leichtfertig. Angesichts der Einheitlichkeit in den Medien, mit der von „reproduktiven Rechten“ statt „Abtreibung“, von „sogenannten Lebensschützern“ statt „Menschenrechtlern“, von „Ehe für Alle“ statt Homo-“Ehe“ die Rede ist, kann kaum davon ausgegangen werden, dass nicht auch hier ein Konsenspapier vorliegt.

Eine Revolution ist erst erfolgreich, wenn sie die nachfolgenden Generationen voll umfänglich erfasst. Die Entfremdung zwischen Mutter und Kind, die Zerstörung der personalen Identität durch die Genderideologie sind erste Schritte dorthin. Mit dem Digitalisierungspakt droht die Auflösung einer weiteren Institution, die unsere Kinder vor der totalen Vereinnahmung durch das anschwellende Chaos schützen konnte.

Ein guter Lehrer mit einer Tafel und einem Stück Kreide entzieht sich und seine Schüler der digitalen Kontrolle. Er kann vieles geraderücken, was zerstört wurde. Wer den Lehrer durch Tablets ersetzt, gibt auch die Zukunft unseres christlichen Abendlandes in die Hände derjenigen, die sich keinen Deut für dessen Erhalt interessieren. Wieder werden Schuldige benannt – rückständige Lehrer, die der Bildung im Weg stehen. Wieder wird mittels Sprache manipuliert – statt Technisierung heißt es Digitalisierung. Wieder sind die Opfer klar: die Kinder, denen die Vorzüge der Tabletbeschulung vorenthalten werden.

Wir wurden dermaßen verwirrt, dass wir nicht mehr wissen, ob wir Männlein oder Weiblein sind. Und doch ist es an uns, die Zukunft unserer Kinder zu retten. Es wird Zeit, dass wir aufwachen, die Mechanismen rechtzeitig erkennen und protestieren. In einer Zeit, in der führende Kirchenvertreter nicht erkennen, dass das Haus brennt, in dem wir wohnen, dass das christliche Abendland die Heimat unserer Kinder ist, haben wir als Christen diese Aufgabe zu übernehmen, und zwar jeder Einzelne von uns. Nicht damit nachfolgende Generationen nicht fragen, warum habt ihr euch nicht gewehrt. Sondern damit es nachfolgende Generationen in Europa überhaupt noch gibt.

Die Autorin ist stellvertretende Vorsitzende der „Aktion Lebensrecht für Alle“ (AlfA).

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