Tagesposting

Vom Verlust der Unbekümmertheit

Der demokratische Diskurs ist belastet von ideologischen Tabus, die von den Apologeten bestimmter Themen mit verbissenem Eifer aggressiv verteidigt werden. Das kann für Vertreter abweichender Meinungen gefährlich werden.
Maulkorb
Foto: Hauke-Christian Dittrich (dpa) | Viele Menschen hängen sich aufgrund einer vergifteten Debattenkultur in Deutschland selbst einen Maulkorb um - man schweigt lieber anstatt, sich sozialer Ächtung auszusetzen.

Neulich war in der „Financial Times“ eine interessante Meldung zu lesen. Demnach hat nun jeder, der bei der Deutschen Bank arbeitet, eine App auf seinem Smartphone, die sämtliche Kommunikation überwacht, einschließlich privater Nachrichten auf SMS und WhatsApp. Als Katholik bin ich in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass kein Schritt, kein Satz, ja nicht einmal ein Gedanke geheim ist. Ich lebe jedenfalls schon immer so, als sei ständig eine Kamera auf mich gerichtet. Ich gehe ohnehin grundsätzlich davon aus, rund um die Uhr überwacht zu werden, von Google, von meinem Arbeitgeber.

Ich betrachte auch jeden noch so privat geäußerten Gedanken als veröffentlichbar. Das gibt es ein gewisses Gefühl der Freiheit. Ich habe nichts zu verstecken. Bislang war das so. Leider ändert sich das. In letzter Zeit erwische ich mich dabei, dass mir auch bei in privatem Kontext ausgesprochenen Worten eine gewisse Unbekümmertheit flöten geht. Erstmals in meiner Lebenszeit erlebe ich, dass gewisse Aussagen nicht nur anstößig wirken, sondern einen geradezu ins soziale Abseits befördern könnten. Ich hatte nie etwas gegen Anstößigkeit. Solange sie mit Takt gepaart ist. Ausschließlich Dinge zu äußern, die konsensfähig sind, ist langweilig. Aber wer will schon aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden?

„Der Zwang, still zu sein, möglichst mit dem Strom schwimmen,
keine Fragen zu stellen ist in Zeiten von Inklusion, Diversität und Toleranz
wichtigste Bürgerpflicht“

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Über manche Dinge grübele ich also nur noch im Stillen nach. Wenn ich die Dinge, über die ich nachdenke, nicht mehr aussprechen kann, fehlen mir dann allerdings die, die mir widersprechen und mich eines Besseren belehren. Ich würde zum Beispiel gerne laut darüber nachdenken, ob der Sturm auf das Kapitol, der zweifelsohne ein abscheulicher Anschlag auf die demokratischen Institutionen Amerikas war, mit den Maidan-Protesten im Winter 2013/2014 zu vergleichen ist. Damals wurde in Kiew eine demokratisch legitimierte Regierung gestürzt.

Weil die Straßenproteste gegen eine korrupte Regierung gerichtet waren, wurden die Putschisten von uns im Westen als „die Guten“ klassifiziert. Und das, obwohl eine der tragenden Kräfte dieses Umsturz die ultranationalistische, rechtsradikale Partei Swoboda war. Ich würde mich gerne korrigieren lassen. Ich würde mir gerne erklären lassen, warum sich diese beiden Ereignisse und warum sich QAnon und Swoboda nicht vergleichen lassen, warum das eine unsere Empörung und das andere unsere Unterstützung verdient. Aber das geht nicht, weil einen schon die unbekümmerte Frage zum Aussätzigen machen würde.

Es besteht die Gefahr, als Scheusal da zu stehen

Bei anderen Themen, wie etwa Transsexualität, ist es ähnlich. Ich würde gerne fragen, ob bei all dem gesellschaftlichen Enthusiasmus für individuelle Selbstbestimmung genug auf mögliche Nebenwirkungen von Geschlechtsumwandlungen hingewiesen wird. So ganz ohne sind solche Eingriffe ja vermutlich nicht. Aber allein die Frage lässt einen als transphobes Scheusal dastehen. Also hält man lieber die Klappe. Ich könnte noch weitere Beispiele nennen. Ich tue es nicht. Der Zwang, still zu sein, möglichst mit dem Strom schwimmen, keine Fragen zu stellen ist in Zeiten von Inklusion, Diversität und Toleranz wichtigste Bürgerpflicht.

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