Vom unsichtbaren Humus des Verfassungsbaumes

Gerade in „bunten“ Gesellschaften erhält die Frage nach Maßstäben des gesellschaftlichen Zusammenhalts einen hohen Stellenwert. Die Verfassungswerte sind von leitkulturellen Vorgaben nicht zu trennen. Von Felix Dirsch
Hitze im Norden
Foto: Foto: | Ist der Baum gesund, freut sich der Mensch – das gilt auch metaphorisch hinsichtlich der Verfassung.dpa

Leitkultur ist für die meinungsdominante Klasse Leidkultur. Stoßen eher konservativ Gesinnte eine entsprechende Debatte an, gehen die Reaktionen zumeist sogar noch über die üblichen Abwehrreflexe hinaus, nicht selten sind sie an Bösartigkeit kaum zu überbieten. Bereits im Jahr 2000 fasste der Islamwissenschaftler mit syrischen Wurzeln, Bassam Tibi, entsprechende Kontroversen in einem Artikel zusammen, der überschrieben ist: „Die neurotische Nation“. Das ist noch freundlich ausgedrückt.

Doch die gehässigen Invektiven ändern nichts daran, dass die forcierte islamische Einwanderung weitere Diskussionen darüber erzwingen wird, wer auf welcher Grundlage welche Normen zu setzen in der Lage sein wird und mit welcher Legitimation. Tibi, der streitbare Anhänger der europäischen Überlieferung, weicht vor seinen Kritikern nicht zurück. Er reizt sie sogar, indem er der Neuauflage eines älteren Buches einen zuspitzenden Untertitel gibt: „Europäisierung statt Islamisierung“. Er weiß, dass die Entfremdung der meisten Intellektuellen von der Herkunftskultur, in Deutschland geschichtsbedingt besonders ausgeprägt, ein Identitätsvakuum hervorbringt. Dieses will er mit Argumenten füllen. Er nennt als inhaltliche Eckpfeiler säkulare Demokratie, Menschenrechte, den Primat der Vernunft sowie Trennung von Politik und Religion. Ein Konsens mit einem Teil der Eliten ist durchaus möglich, sofern sich diese nicht als explizite Vertreter eines kulturrelativistischen Multikulturalismus betrachten.

In den ablehnenden Stellungnahmen liegt allerdings ein nachvollziehbarer Kern: Das Wort „Kultur“, verstanden als „Inbegriff von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und allen übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat“ (E.B. Taylor), überaus umfassend. Oft dient es nur zur Artikulation von Gemeinplätzen. Umstritten ist auch die Frage: Wer soll leiten? Immerhin gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Der Verfassungspatriotismus fungiert als eine Art verschämte Leitkultur, die nicht so genannt werden will.

Dennoch dringt verbreitetes Insistieren auf die Normen des Grundgesetzes nicht tief genug, sind sie doch ein Produkt des westlich-abendländischen Geistes. Einer der besonnenen Teilnehmer an der Auseinandersetzung in den 2 000er Jahren, der frühere Verfassungsrichter Paul Kirchhof, hat das schöne Bild vom Verfassungsbaum verwendet. Das Grundgesetz ist demnach nicht zufällig vom Himmel gefallen, sondern wurzelt im Humus einer spezifischen Kulturentwicklung. Der Stamm bringt viele Verästelungen hervor. Zu den basalen Voraussetzungen gehören Christentum, Erkenntnisse der Aufklärung, die in Deutschland tendenziell religionsfreundliche Züge trägt, humanistische Impulse, die europäische Integration und einiges mehr. Die Fundamentalnorm der Menschenwürde ist universalistisch ausgerichtet, in ihren Ursprüngen aber partikularistisch. Aufklärung und Christentum sind als geistesgeschichtlicher Hintergrund notwendig. Daran ändert auch die von Hans Joas („Sind die Menschenrechte westlich?“) herausgestellte Tatsache nichts, dass Sklaverei und Folter die längste Zeit über im Westen kaum auf Widerspruch gestoßen sind.

Inwiefern kommt dem Christentum leitkulturelle Funktion zu oder sollte ihm zumindest zukommen? Diese Frage impliziert durchaus praktische Schlussfolgerungen, wird doch über das Kreuz in Behörden diskutiert, aber nicht über außerchristliche Symbole in entsprechenden Einrichtungen. Zweifellos hat das Christentum eine traditionsbedingt größere Ausstrahlung auf die säkulare Kultur als andere Religionen. Der Kalender der Festtage gibt darüber Aufschluss. Längst haben Kulturrelativisten daran Anstoß genommen und fordern eine äquivalente Regelung für Muslime. Nimmt man das multikulturelle Postulat ernst, muss man dieses Zugeständnis auch anderen Glaubensgemeinschaften machen, und von ihnen gibt es bekanntlich viele.

Gewiss ist einzuräumen, dass es einen festgeschriebenen Vorrang der Kirchen, anders als in früheren Staatskirchentümern, bei grundsätzlicher Trennung von Staat und Kirche nicht geben kann. Wie sind die christlichen Einflüsse zu charakterisieren?

Bereits die jüdische Bibel zeigt eine Entgötterung der Welt, deren Entleerung von allem Numinosen und damit eine Freisetzung des Profanen. Der christliche Glaube setzt die grundsätzliche Unterscheidung des Weltlichen vom Geistlichen, von „Heil und Herrschaft“ (Jan Assmann), fort. Ein derartiges Auseinandertreten ist dem Islam von Anfang an fremd. Hier wird eine Verschmelzung von Religion und Politik praktiziert, die bis heute einen wesentlichen Stellenwert einnimmt. Beim Evangelisten Matthäus heißt es hingegen an einer charakteristischen Stelle (22, 21): „...gebt dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist“.

Die frühen Christen praktizierten dementsprechend Loyalität gegenüber den politischen Herrschern, lehnten aber die Verehrung des Kaisers als Gott dezidiert ab. Der hl. Augustinus – ganz auf biblischer Linie – trennte Civitas dei und Civitas terrena. Eine nachhaltige Folge der augustinischen Doktrin war die Zwei-Schwerter-Lehre, die bereits früh (Ende des fünften Jahrhunderts) den Gegensatz zum byzantinischen Caesaropapismus belegte. Zwar gab es auch im Westen immer wieder Rückfälle in die Vermischung von Geistlichem und Weltlichem. Jedoch kam der Bruch von „Heil und Herrschaft“ immer wieder zum Vorschein, so auch im hohen Mittelalter (Investiturstreit!) und im späten Mittelalter (Nominalismus!).

Bei Luther wurde aus diesen Vorgaben seine – außerordentlich wirkmächtige – Zwei-Reiche-Lehre. Er schied Inneres, Religiöses, Gewissensbezogenes von der äußeren Herrschaft. Letztere wird von der strengen Hand der Obrigkeit ausgeübt. Bereits in der Aufklärung machte sich eine Autonomisierung des weltlichen Bereiches bemerkbar. Ein Indiz hierfür ist das Aufkommen des Deismus in Kreisen der Gebildeten, der eine neue Sicht des herkömmlichen Gottesglaubens bedeutete. Nicht wenige aufgeklärte Intellektuelle (Voltaire, Diderot, Rousseau et cetera) plädierten für eine Loslösung von Glaubenstraditionen. Hegel verband im frühen 19. Jahrhundert ein letztes Mal in einem großen Entwurf die Grundlagen des christlichen Glaubens mit der Epoche der Aufklärung, indem er die Aufklärung als praktische Umsetzung jener Ansätze begriff, die vom Christentum stammen. Hegel brachte es pointiert auf den Punkt: Für ihn waren durch das Christentum alle frei geworden, während im Orient nur einer frei war, der Despot, und bei Griechen und Römern nur wenige. Vor dem Hintergrund der Philosophie Hegels wird deutlich, dass es nicht reicht, als Grundlage Europas die Aufklärung zu nennen, wie es der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder tat.

Die Freiheit gehört zur christlichen Kultur

Derartige Differenzierungsprozesse, von denen hier nur einige wichtige angeführt werden konnten, bedeuten jene berühmten „Voraussetzungen“, die 1967 der noch junge Staatsrechtslehrer Ernst Wolfgang Böckenförde, in einem längst berühmt gewordenen Wort, als nicht zu garantierende Bedingungen des freiheitlichen Staates herausarbeitete. So ist es kein Zufall, dass von 88 Staaten, die der amerikanische Think-thank „freedom house“ als freiheitlich einstuft, 79 eine christliche Kulturprägung aufweisen. All das mag sich abstrakt anhören, ist aber nichtsdestoweniger konkret.

Wohin fliehen muslimische Dissidenten, etwa Salman Rushdie, wenn sie in islamischen Theokratien nicht mehr erwünscht sind? Natürlich in Staaten, deren christliche Wurzeln (trotz Säkularisierung) noch erkennbar sind! Es bleibt die Frage: Was ist unter „jüdisch-christlicher“ Leitkultur zu verstehen? Gewiss können Errungenschaften der westlichen Zivilisation, etwa Rechtsstaat, Demokratie, Menschenwürde und -rechte oder Gewaltenteilung, nicht direkt aus der europäischen Religionsgeschichte abgeleitet werden. Es handelt sich um weltliche Einrichtungen, die – wie die Gegner des christlichen Glaubens nicht selten hervorheben – zum Teil gegen kirchlichen Widerstand durchgesetzt werden mussten. Dennoch stellen die Menschenrechte keine Erfindung der Neuzeit dar, sondern basieren auf einer Neufundierung oder -begründung des Naturrechts, das wesentlich vom Christentum geprägt und überliefert wurde.

Das Thema „Menschenrechte“ verdeutlicht, warum die christliche Leitkultur nur annähernd beschrieben werden kann. Zu oft vermischten sich in der Geistesgeschichte säkular-philosophische Einflüsse mit genuin christlichen. Das Christentum offenbarte früh innere Affinitäten zum säkular-weltlichen Sektor. So ist die wechselseitige Beziehung von Christentum und weltlicher Freiheit zu erklären. „Christliche Freiheit bedeutet ins Juristische übersetzt grundrechtliche Freiheit …“ (Christoph Link).

Die grundlegenden Werte von Freiheit und Gleichheit existierten auch in unterschiedlichen vorchristlichen Kulturen, vor allem in Rom oder Griechenland. Freilich bekamen sie in unserem Kulturkreis maßgebliche Formung durch das Christentum. Insbesondere ist die berühmte Stelle im Galaterbrief (5, 1) des Apostels Paulus zu erwähnen: „Christus hat uns zur Freiheit befreit“. Man hat mit Recht von der „Magna Charta der Freiheit“ gesprochen.

Im gleichen Brief bestimmt Paulus alle als eins „in Christo“ (3, 28). Gewiss ist hier keine Rechtsgleichheit gemeint, die für uns Moderne mehr oder weniger selbstverständlich ist. Das belegt auch der Philemon-Brief, in dem ein Sklavenhalter aufgefordert wird, seinen Knecht „brüderlich im Herrn“ zu behandeln. Freilich plädiert Paulus nicht für die Abschaffung der Sklaverei. Daneben existieren noch andere Quellen bezüglich einer einheitlichen Menschheit, vor allem Aussagen aus den Reihen der Stoa.

Es ist unstrittig, dass die erwähnten Voraussetzungen (Unterscheidungen des Geistlichen und des Weltlichen, Gleichheit, Freiheit et cetera) nicht direkt in der Moderne wirkten, sondern vielfach indirekt und gebrochen. Sie erhielten also einschneidende Veränderungen durch „säkulare“ Einflüsse. Das westliche Christentum musste durch Renaissance, Humanismus und Aufklärung hindurchgehen und präsentiert sich seit rund zwei Jahrhunderten in der spezifischen Gestalt als „Religion nach der Aufklärung“ (Hermann Lübbe). Diese Entwicklung prägt bis heute.

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