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Viele gerieren sich als Weltmeister des Guten

Im Mainstream gehört es beinahe zum guten Ton, sich von der WM in Katar zu distanzieren. Doch im stillen Kämmerlein wird die Realität eher anders aussehen.
Eintracht Braunschweig - SpVgg Greuther Fürth
Foto: Swen Pförtner (dpa) | Politisch korrekt: In deutschen Stadien wird zum Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar aufgerufen - so kann man sich zu den „Guten“ zählen.

Mit der Fußballweltmeisterschaft in Katar erreicht die Politisierung des Fußballs, der doch eigentlich die schönsten Nebensache der Welt sein soll, ein bisher nie dagewesenes Extrem. Dafür gibt es natürlich objektive Gründe, vor allem die absurde Entscheidung der FIFA, die Weltmeisterschaft überhaupt an Katar zu vergeben. Peinlich genug war dann auch die nachträgliche Verlegung in die Vorweihnachtszeit, weil sich offenbar niemand der Offiziellen vorstellen konnte, dass es im Sommer in Katar ziemlich heiß ist. Schließlich kamen kritische Vorberichte über Katar hinzu, vor allem die erschütternden Nachrichten über die Tausende von Arbeitern, die bei der Arbeit an den neu errichteten Stadien gestorben sind.

„Am Ende werden nur diejenigen die Spiele in Katar ‚boykottieren‘,
die sich ohnehin nicht für Fußball interessieren.
Und die von den ‚woken‘ Appellen eingeschüchterten Fans
werden den Spielen zusehen ‚als ob nicht‘“

Aber allmählich drängte sich noch ein zweites Protestthema in den Vordergrund: die „Homophobie“ der Machthaber von Katar. Damit haben Politische Korrektheit und Wokeness den Fußball erreicht. Schon vor der Weltmeisterschaft gab es dafür erste Anzeichen. So haben sich Fußballspieler mit Bekenntnisgesten wie dem Kniefall des George-Floyd-Kults präsentiert. Stadien wurden in Regenbogenfarben erleuchtet, im Anstoßkreis brachte man das Peace-Zeichen unter. So vermittelten die Medien bei Gelegenheit des Fußballspiels der guten Deutschen gegen die „homophoben“ Ungarn den Eindruck, eine hysterisch erregte Gesellschaft habe sich unter der Regenbogenflagge vereint. Für viele Fußballfans war das eine erste Lektion in Sachen betreutes Fernsehen.

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Kollektive Heuchelei zur „Selbstreinigung“

Dieser Bekenntniszwang ist ein reinigendes Ritual. Das „Virtue Signaling“, das öffentliche Zurschaustellen der eigenen Tugendhaftigkeit, funktioniert nämlich wie eine Waschanlage der Gesinnung. Dass sich dabei die ehemaligen Weltmeister des Bösen heute als die Weltmeister des Guten zeigen wollen, ist eine Spitzenleistung kollektiver Heuchelei. Da die deutsche Nationalmannschaft ihre Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Katar ja nicht abgesagt hat, muss etwas stattdessen geschehen. So hat die Lufthansa unsere Spieler mit großflächiger Diversity-Werbung auf dem Flugzeug nach Oman gebracht.

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Politisch Korrekte erleben Höhepunkte der Selbstdarstellung

Für die zuhause Gebliebenen gibt es im Wesentlichen drei Formen des „Virtue signaling“: nicht berichten, nicht zeigen und nicht zusehen. So hat die linksliberale österreichische Wochenzeitung „Falter“ einen Boykott der Berichterstattung über die WM angekündigt – wobei man sich allerdings fragen muss, ob es überhaupt einen Fan gibt, die sich ausgerechnet im „Falter“ über die WM informieren will. Politische korrekte Fans rollen in den deutschen Stadien Transparente mit dem Boykottgelöbnis aus. Einige Fußballkneipen wollen die Spiele nicht übertragen.

Heimlichtuerei um die Liveübertragungen

Und vom Fernsehen scheinbar zufällig ausgewählte Bürger geloben, bei der WM nicht zuzuschauen. Doch gemach. Am Ende werden nur diejenigen die Spiele in Katar „boykottieren“, die sich ohnehin nicht für Fußball interessieren. Und die von den „woken“ Appellen eingeschüchterten Fans werden den Spielen zusehen „als ob nicht“. Man möchte ihnen zurufen: Wer den Fußball politisiert, der hasst ihn. Genießt die Spiele. Denn Fußball ist rechtfertigungs- und begründungsunbedürftig.

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Themen & Autoren
Norbert Bolz Woke

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