Verletzung, Verbitterung, Vergebung – eine neue Perspektive

Der Tabu-Brecher „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ tagt am 10. Oktober in Wien

Im Herbst 2007 sorgte ein Grazer Kongress unter dem Leitwort „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP) für Furore. Religion und Glaube nicht als entfremdend und neurotisierend, sondern grundsätzlich als einen Beitrag zur psychischen Gesundheit zu deuten, stellte einen Tabubruch dar. 1 200 Mediziner, Psychologen, Psychotherapeuten, Theologen, Philosophen und Seelsorger versammelten sich damals an der Universität Graz, um auf akademischer Ebene Schnittmengen wie Grenzen auszuloten. Anfeindungen von außen, mediale Störfeuer und verwirrte Zwischenrufe gab es rund um den hochkarätigen Kongress allerdings auch.

Dass der Grazer RPP-Kongress mehrfache Fortsetzung fand, ist vor allem dem mittlerweile in Wien tätigen Psychiater und Psychotherapeuten Raphael Bonelli, dem Grazer Universitätsprofessor für Medizinische Psychologie, Walter Pieringer und dem Grazer Krankenhausseelsorger Bernd Oberdorfer zu danken. Im Herbst 2008 stellten sich Fachleute aus der Psycho-Szene, Theologen und Philosophen an der Grazer Universität – wiederum tabufrei – der Frage, ob Schuld nicht doch mehr sei als ein Gefühl. Im Mai dieses Jahres folgte eine vom bekannten Schweizer Paartherapeuten angeregte Fachtagung über „Liturgie und Psyche“: passenderweise diesmal nicht in einem Hörsaal der Universität, sondern in dem von gregorianischer Schönheit getragenen Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald.

Nicht weniger provokativ und spannend als die drei bisherigen Kongresse verspricht die bevorstehende Fachtagung zu werden, die mit „Verletzung, Verbitterung, Vergebung“ überschrieben ist. Veranstalter sind diesmal neben Bonellis „Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ die Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien und die dortige Katholische Hochschulgemeinde. Das Programm der am Samstag, 10. Oktober, an der Technischen Universität Wien stattfindenden Tagung beruht auf der bewährten Vielfalt der Perspektiven: Neben den Psychiatern Bonelli und Pieringer sowie der Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz – alle drei sind feste Größen der RPP-Kongresse – sprechen der Berliner Psychiater Michael Linden, der den Begriff der „posttraumatischen Verbitterungsstörung“ in der Psychiatrie eingeführt hat, der Begründer der „Positiven Psychotherapie“ und Leiter der Internationalen Akademie für Positive und Transkulturelle Psychotherapie, Nossrat Peseschkian, und der deutsche Religionspsychologe Sebastian Murken.

Der im Iran geborene Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie, Nossrat Peseschkian, wird über die Ursachen der Traumatisierung sprechen. Er meint, dass psychische Störungen nicht zwingend von erschütternden Erlebnissen herrühren, sondern oft von „Mikrotraumen“, die potenzierend wirken: „Unsere Persönlichkeit wird von Mikrotraumen geprägt. Sie zu erkennen, zu vermeiden und entsprechend mit ihnen umzugehen, sind wesentliche Voraussetzungen präventiver Psychotherapie.“ Der Religionswissenschaftler und Psychotherapeut Sebastian Murken will positive und negative Aspekte religiöser Bewältigungsstrategien analysieren und „aus einer kulturtheoretischen Metaperspektive“ betrachten. Walter Pieringer, Vorstand der Universitätsklinik für medizinische Psychologie und Psychotherapie in Graz, wird die psychotherapeutische Bedeutung der Vergebung unter die Lupe nehmen. Ihm geht es etwa um die Frage, „wie weit neben emotionsgeleiteter Selbsterkenntnis und realer sozialer Auseinandersetzung auch leibliche Grenzerfahrung Voraussetzung für Verzeihung und Vergebung sind“.

Der Verbitterungs-Forscher Michael Linden will eine „Weisheitstherapie“ als Psychotherapie der Verbitterung vorstellen: „Weisheit kann definiert werden als eine Fähigkeit zur Lösung unlösbarer Lebensprobleme. Ähnlich wie Selbstsicherheit handelt es sich um ein mehrdimensionales Konstrukt mit Elementen wie der Fähigkeit zum Perspektivwechsel, der Fähigkeit zur Handlungssteuerung unter einer Nachhaltigkeitsperspektive“. Dies sei eine „Option zur Behandlung psychischer Störungen, die im Kontext belastender Lebensereignisse aufgetreten sind“. Verletzung gehöre zum Menschen als Mängelwesen, meint die Dresdener Philosophin Gerl-Falkovitz. Verletzung führe aber dann zu einer seelischen Lähmung, wenn die Antwort zur Verbitterung wird. „Anstelle der falschen Antwort durch Verbitterung heilt die Wunde durch Vergebung.“

Noch nie wurde die von Linden wissenschaftlich beschriebene Diagnose der „posttraumatischen Verbitterungsstörung“ bei einem wissenschaftlichen Kongress mit dem Thema Vergebung verknüpft, so Raphael Bonelli im Gespräch mit dieser Zeitung. Diese Verknüpfung sei das eigentlich Neue und Spannende der Tagung am 10. Oktober.

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