Feuilleton

Vergnügen an Literatur

Misstrauen gegenüber der Verführung durch Sprache – Erinnerungen an den Germanisten Paul Stöcklein. Von Stefan Hartmann
Dietrich von Hildebrand, Philosoph
Foto: IN | Der Philosoph Dietrich von Hildebrand gehörte zu den prominentesten Lehrern von Paul Stöcklein.

Mit Worten umspringen – das heißt fast schon: mit seiner Seele umspringen“, sagte Paul Stöcklein in seiner Rede auf der Germanistentagung 1951 in Münster. Zehn Jahre später sprang der am Peter- und Pauls-Tag 1909 in Weiden geborene und aus einer Bamberger Familie stammende Germanist, in Würzburg über Platon promoviert und über „Wege zum späten Goethe“ nach dem Krieg habilitiert, durch Adornos kräftige Mithilfe aus der Saarbrücker Hochschulprovinz ans Frankfurter Dozentenpult – sogar im wörtlichen Sinne – beladen mit Papier zwei Stufen dorthin auf einmal nehmend. Oben angekommen ließ er in fröhlicher Wissenschaft die Literatur leben, in freier und auch anregender Rede, und was der nichtprofessorale Professor zu erzählen wusste, bewegte sich abseits des Üblichen.

Er gab den Zuhörern mehr zu entdecken als immer wieder Franz Kafka oder Gottfried Benn. Von den Romanen Joseph Roths erfuhr man etwas zu einer Zeit, da noch jedermann bei Roth an Eugen dachte. Stöcklein bewarb vor allem jene Schriftsteller, die das Journalistische und Essayistische mit dem Poetischen verbanden: den Goetheaner Carl Gustav Carus, Egon Friedell, Alfred Polgar, seinen Wiener Freund Friedrich Torberg und natürlich Karl Kraus. Die österreichische Literatur, damals noch im Schatten, war Stöckleins Vorliebe, die sein unermüdlicher Begeisterungswunsch auch in den Hörern weckte: für Ebner-Eschenbach, Stifter, Grillparzer, Raimund, Nestroy, Hofmannsthal.

„Wenn jemand Weisheit lehrt, siehe in sein Angesicht“

Er liebte die Atmosphäre des Wiener Kaffeehauses und konnte andere mit ihr anstecken. Was dem leserfreundlichen und manchmal fast schwatzhaften Germanisten zu Eichendorff einfiel, dem Wandergesellen mit der Laute unterm mondbeglänzten Baum, übertraf an enthusiastischer Genauigkeit alles, was sonst über den romantischen Freiherrn gesagt worden war. Die Rowohlt-Bildmonographie über ihn ist ein typischer Stöcklein-Text. Er liebte das Helle, das Heitere (das Wort stamme aus dem griechischen „aither“, gleich klarer Himmel, pflegte er anzumerken), eine eher teutonisch dunkle Literatur bedachte er mit Misstrauen.

Das Misstrauen gegen die Sprache und ihre Verführung zur Ungenauigkeit, gegen Ideologien und falsche „Weltanschauungen“ predigte er mit dem Eifer eines katholischen Freigeistes, vor allem, als die 68er Studenten auch seine Seminare mit ihrer kulturmarxistischen Fertigsprache zu sprengen suchten. Seit seinem ersten Münchener Studienjahr war Paul Stöcklein Schüler des Philosophen Dietrich von Hildebrand, von dem er den Claudius-Satz an seinen Sohn Johannes hörte: „Wenn dich jemand will Weisheit lehren, da siehe in sein Angesicht! Dünket er sich noch … lass ihn!“ Besonders jüdische Autoren wie Jakob Wassermann, Joseph Roth und Franz Werfel waren ihm „Literatur als Vergnügen und Erkenntnis“, wie ein zu seiner Emeritierung 1974 in Heidelberg erschienener Aufsatzband betitelt wurde.

1983 erschien in „Die Presse“ (Wien) der wieder aktuelle Essay „Woher der Hass? Ein vergessenes Kapitel von Joseph Roths Antisemitismusdeutung“, der auch Eingang fand in die Publikation „Einspruch gegen den Zeitgeist“ (Bonn 1992) mit Begegnungen und Reflexionen von 1930 bis 1990. Ins Licht des Persönlichen gestellt werden hier der Illustrator und Bühnenkünstler Emil Pretorius, der Nazi-Gegner Dietrich von Hildebrand, der Goethe-Kenner Ernst Beutler, Joseph Bernhart und der Feuilletonist Alfred Polgar. Einspruch erhoben wird gegen jenen Zeitgeist, der mit den „Jahren der Verführbarkeit“ 1933/34 und 1968/69 verbunden ist. Stöcklein war Zeuge der Demütigung Adornos, kämpfte sprachkritisch gegen den Gewaltjargon, der einige zum Terrorismus führte, gegen die Mode der Kleinschreibung und verfasste ein Gutachten gegen die hessischen Rahmenrichtlinien. Vom Gendersprech blieb er verschont. Seine späten Glossen und Artikel erschienen in William S. Schlamms und Otto von Habsburgs „Zeitbühne“, in der Herder-Reihe „Initiative“ oder in der internationalen katholischen Zeitschrift „Communio“.

Der Adorno-Protegé Stöcklein war ein „Konservativer, aber kein Reaktionär“ (Ulrich Sonnemann). „Die Konservativen sind heute zu konservativ“, bemerkte er in den 1980er Jahren. Was Europa und seine Literatur war, wird in Stöckleins Texten lebhaft und mit oft spitzem Humor vermittelt. Nach der Emeritierung 1974 wirkte er als Honorarprofessor in Salzburg in der Nähe des befreundeten Hildebrand-Schülers Balduin Schwarz und wohnte in Bayrisch Gmain. Zu seinen eigenen vielen Schülern pflegte er stets Kontakt. Später zog er mit seiner Frau in das heimatliche Bamberg, wo er am Markustag 1992 verstarb. Ältere Leser dieser Zeitung kennen die Würdigungen von Max Rößler. Ein letzter „Einspruch“ gilt in dem erwähnten Buch den „zeitbedingten Verkennungen des Emotionalen“ mit dem Arthur Schnitzler-Zitat: „Ich glaube deine Weisheit nur, wenn sie dir aus dem Herzen, deine Güte nur, wenn sie dir aus dem Verstand kommt.“ Im Fontane-Jahr 2019 ergänzt sich das Österreichische durch das Wort des Preußen, das Paul Stöcklein ebenso liebte: „O lerne denken mit dem Herzen/ Und lerne fühlen mit dem Geist.“

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