Berlin

Vergessene Systemrelevanz

Die Bundesregierung fordert zusätzliche 90 000 Krippenplätze. Dabei ignoriert die sozialistische Denkweise der Regierenden Familie und Kindeswohl.
Kitas
Foto: Rolf Vennenbernd (dpa) | Ohne mehr Personal und mehr Qualität werden Krippen und Kitas zu Parkplätzen oder Verwahranstalten.

Die Kita-Betreuung ist systemrelevant. Das hat Familienministerin Franziska Giffey letzte Woche sozusagen offiziell verkündet und dabei auch offenbart, was daran so wichtig sei: „Kindertagesbetreuung ist systemrelevant, nicht nur für die Kinder und ihre Eltern, sondern auch für die Wirtschaft.“ Von der Systemrelevanz der Familie war wieder nicht die Rede.

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Anlass für diese Einstufung war die Vorstellung einer Studie des Robert-Koch-Instituts über das Infektionsgeschehen in Krippen, Horten, Kindergärten. Demnach wurden an 56 890 Kitas und Horten im Zeitraum Februar bis Ende September lediglich 79 Infektionsausbrüche mit insgesamt 381 Covid-19-Fällen festgestellt. Von diesen 381 Fällen waren gerade mal 27 Prozent unter fünf Jahre alt, zwei Drittel waren 15 Jahre und älter (Horte). Mehr als 12 000 Kitas übermitteln wöchentlich dem Institut ihren aktuellen Stand. Die vom Familien-, sowie vom Gesundheitsministerium finanzierte Studie wird bis Ende 2021 fortgesetzt, um eine breite Datengrundlage für künftige Maßnahmen zu gewinnen.

Ein Ergebnis dürfte dauerhaft bestätigt werden: Bei den Ausbrüchen seien es überwiegend Erwachsene gewesen, die das Virus in die Kitas gebracht hätten, bei entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen brauchen Kitas nicht geschlossen werden. Die präventiven Schließungen aus dem Frühjahr waren rückblickend also nicht nötig. Das wirkliche Problem für die Kinderbetreuung in Corona-Zeiten ist der erhöhte Personalbedarf. Schon vorher war die Hälfte aller Einrichtungen seit längerer Zeit unterbesetzt, die Einhaltung der Corona-Regeln in Kitas erfordert aber mehr Personal. Offen ist, ob die Ausweitung des Home-Office dazu führen wird, dass weniger Kinder in Kitas gehen. Das ist eine Preisfrage und eine Frage des gesetzlichen Anspruchs auf Heimarbeit.

Bund plant zusätzliche 90 000 Krippenplätze

Kritisch in mehrfacher Hinsicht ist die Betreuung für Unter-Drei-Jährige. Zurzeit besuchen rund 34 Prozent oder 820 000 U-3-Kinder eine Krippe. Die Bundesregierung will die Zahl noch erhöhen, geplant sind zusätzliche 90 000 Krippenplätze. Die Große Koalition geht von einem Bedarf von knapp 50 Prozent aus, eingedenk, dass etwa ein Drittel der Kinder und zwar im ersten Lebensjahr wegen des Elterngelds zuhause betreut wird. Am liebsten möchte man auf das DDR-Niveau hinaus, also deutlich mehr als 90 Prozent, damit möglichst viele junge Frauen nur eine kleine Babypause einlegen und dann der Produktion wieder zur Verfügung stehen. So ähnlich sahen das auch schon Karl Marx und Friedrich Engels.

Darin liegt die zweite Offenbarung sozialistischer Denkweisen. Denn zur Familienvergessenheit gesellt sich hier die Kindeswohlvergessenheit. Nach diesem kollektivistischen Denken kann Vater Staat alles besser. Ignoriert werden die Bindungsbedürfnisse kleiner Kinder und die schon lange wissenschaftlich nachweisbare Erkenntnis, dass Bindung der Bildung vorausgeht. Das haben die Entwicklungspsychologie, die Hirn- und die Bindungsforschung ausgiebig gezeigt. Demnach ist eine sichere Bindung gefährdet, wenn die außerfamiliäre Betreuung zu früh beginnt, die Trennung von den Eltern zu lange andauert, die Erzieher und die Gruppen in den Kitas zu oft und zu schnell wechseln. Eine kindeswohlorientierte Politik müsste hier gerade jetzt unter den Corona-Bedingungen gegensteuern. Instrumente gibt es („Corona-Elterngeld“, Betreuungsgeld), man bräuchte sie nur ausbauen. Das aber scheitert an der fehlenden und auch nicht gewollten Einsicht, dass nicht nur institutionelle, sondern auch familiäre Kinderbetreuung systemrelevant ist.

Parkplätze und Verwahranstalten

Mehr noch: Es stellt sich die Frage, ob Kitas wirklich systemrelevante Wirkung entfalten können, wenn das Personal fehlt, was sich bei vielen Erzieherinnen schon wegen der chronischen Überforderung auch auf die Qualität niederschlägt. Es sind eigentlich die alten Probleme, die schon zu Beginn der Krippenoffensive verdrängt wurden: Mehr Personal und mehr Qualität sind die Voraussetzung für mehr Plätze. Ohne das werden Krippen und Kitas zu Parkplätzen oder Verwahranstalten. Mit Bildung hat das nicht mehr viel zu tun. Darin aber steckt das wirklich Systemrelevante der Kitas.

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