Verantwortung als Zivilisationsethik

Ehrung in der Geburtsstadt des Philosophen Hans Jonas soll sein Werk lebendig halten. Von Urs Buhlmann
Hans Jonas
Foto: dpa | Menschliche Existenz ist in ihrem Sein Sorge, was der Verantwortung ihren Grund gibt: Hans Jonas.
Hans Jonas
Foto: dpa | Menschliche Existenz ist in ihrem Sein Sorge, was der Verantwortung ihren Grund gibt: Hans Jonas.

Festakt in Mönchengladbachs schmuckem Museum Abteiberg: Der langjährige Ärztliche Direktor der Rheinischen Landesklinik in der Stadt, Ralf Seidel, wurde mit dem Rheinlandtaler, der Kultur-Auszeichnung des Landschaftsverbandes Rheinland ausgezeichnet, wie Götz George alias Kommissar Schimanski und Hanns Dieter Hüsch vor ihm.

Blochs „Prinzip Hoffnung“ war für Jonas naiv

Nicht nur sein Engagement für den Museumsverein, der den 1982 von Hans Hollein errichteten Bau und seine Sammlung der klassischen Moderne zu unterstützen trachtet, brachte dem Psychiater und Philosophen Seidel die begehrte Auszeichnung ein, sondern auch sein Engagement als Gründer und langjähriger Vorsitzender der 1996 ins Leben gerufenen Hans Jonas-Gesellschaft. Sie will das Werk des in Mönchengladbach geborenen Philosophen (1903–1993) lebendig halten und fruchtbar machen.

Immer wieder kam Helmut Schmidt auf das von Jonas propagierte „Prinzip Verantwortung“ zu sprechen, über das er in einem 1997 von Ralf und Roman Seidel herausgegebenen Sammelband schrieb: „Jonas hat betont, dass er mit seinem Prinzip Verantwortung anknüpft an den kategorischen Imperativ Kants, der sich als Goldene Regel in den meisten Religionen der Welt findet. Jonas versucht, Kant aus der Gegenwartsperspektive in die Zukunft zu verlängern. Die Menschen sollen so handeln, dass sie vor der Zukunft und damit auch vor dem zukünftigen Lebensraum der Menschen bestehen können.“

Jonas, Spross einer alteingesessenen Familie des gehobenen Bürgertums, sah sich 1933 zur Auswanderung nach Palästina veranlasst, entsetzt darüber, dass der von ihm verehrte Martin Heidegger – bei dem er eine epochemachende Dissertation über den Begriff der Gnosis verfasst hatte – zur „anderen Seite“ übergegangen war. Der am Ende seines Lebens mit seiner Geburtsstadt versöhnte und zum Ehrenbürger Mönchengladbachs ernannte Jonas wurde schließlich Professor an der berühmten New School for Social Research in New York, nahm Wohnung in der Vorstadt New Rochelle, wie sein Freund, der katholische Philosoph Dietrich von Hildebrandt.

Bei der Überreichung der Auszeichnung an seinen niederrheinischen Herold Ralf Seidel betonte Karin Schmitt-Promny von der Landschaftsversammlung Rheinland, die Verantwortung für 9,7 Millionen Rheinländer auf dem Gebiet der Jugend-, Behindertenhilfe, Psychiatrie und Kultur trägt, dass das „Prinzip Verantwortung“ auch als Antwort auf Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ konzipiert war, dem Jonas Naivität unterstellte.

Die Ethik für die technische Zivilisation ist noch aktuell

In Zeiten des Klimawandels und seiner ersten spürbaren Auswirkungen wird man dem Philosophen aus Mönchengladbach nüchternen Weitblick attestieren können. Seidel: „Jonas musste bei seinem Versuch, eine Ethik für die technologische Zivilisation zu entwerfen, vom Leben seinen Ausgang nehmen. Das gab ihm die Möglichkeit, die Dinge zu sehen, wie sie in Werden und Vergehen ,wirklich‘ sind. Dass menschliche Existenz in ihrem Sein Sorge ist, gibt der Verantwortung ihren Grund. Dieses Leben ist ein weites, verletzliches Leben, das tragischen Konflikten gegenüber offenbleibt.“ Und es ist der Wurzelgrund für eine reiche Philosophie.

Der mit dem Rheinlandtaler geehrte Seidel berichtete, wie er zu Jonas durch die Aufarbeitung des vielfachen Mordes an den in psychiatrischen Anstalten untergebrachten und als „minderwertig“ angesehenen Patienten in der NS-Zeit kam: Verantwortung zu übernehmen kann man sich nicht aussuchen.

Es ging lebendiger zu als bei Wittgenstein

Jonas habe ihm als Leiter einer großen psychiatrischen Klinik geholfen, eine ethische Leitlinie zu finden, wenn er als Psychiater seinen Patienten notwendig Freiheitsrechte nehmen musste. Seidel: „Bei Jonas ist das Leben wirklich lebendig. Das unterscheidet ihn sehr angenehm von der kühlen analytischen Richtung im Gefolge Wittgensteins.“ Welch ein Zufall, dass am Tag der Ehrung von Ralf Seidel in derselben Stadt an die ebenfalls aus Mönchengladbach gebürtige Fotografin Lisel Haas, die Nichte von Hans Jonas, erinnerte wurde.

Auch sie musste emigrieren und wurde dann in Birmingham zur bekannten Fotokünstlerin und Bühnenbildnerin. Ihr eindringliches Porträt des seinerzeit in Mönchengladbach engagierten Schauspielers Ferdinand Marian, der auf Geheiß Goebbels – auch dieser ein Sohn des zu Mönchengladbach gehörenden Rheydt – die Filmrolle des „Jud Süß“ spielen musste, bleibt in Erinnerung. Welch ein Reichtum an Talent und Wissen die Austreibung und Ermordung der jüdischen Deutschen zerstört hat, kann man da nur klagend und beschämt rufen. Doch erreicht uns im Werk von Hans Jonas das Erbe der deutsch-jüdischen Tradition und lenkt damit den Blick auf eine Kultur, der wir alle entstammen.

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