Unsere Daten leben ewig

Werden wir von Google überwacht und von Facebook ferngesteuert? Werden auf Erden in naher Zukunft Roboter regieren und superintelligente Systeme Gott spielen? Die 20. Ökumenische Sommerakademie in Kremsmünster warf Schlaglichter auf die digitale Revolution. Von Stephan Baier
Creation of Adam by Michelangelo, Sistine Chapel, Rome
Foto: Ricardo varas (43117675)

Sind wir auf dem Weg in eine neue Diktatur, in der Google, Facebook und andere globale Monopolisten jeden von uns besser kennen als das Finanzamt, staatliche Geheimdienste und der eigene Ehepartner? Werden wir Menschen für die selbstlernende Superintelligenz bald irrelevant sein? Solche Angst erregenden Zukunftsvisionen entwarfen im traditionsreichen oberösterreichischen Benediktinerkloster Kremsmünster nicht paranoide Verschwörungstheoretiker, sondern Wissenschaftler von Format. Der evangelische Pfarrer und Theologe Werner Thiede sprach vom „digitalen Turmbau zu Babel“, der alles verändere – „die Tragweite ist unabsehbar“. Die Digitalisierung verführe zum Totalitären und zur massenhaften Akzeptanz vermehrter Unfreiheit. Längst werde erstaunlich bereitwillig akzeptiert, dass lernfähige Algorithmen die menschliche Intelligenz überholen, dass nicht nur selbstlenkende Autos, sondern auch militärische Killerroboter im Einsatz sind. Süchtig machende Smartphones und Computerspiele sind laut Thiede nur der Anfang: „Gelingt es kleinen Gruppen von Menschen, die künstliche Intelligenz zu kontrollieren und damit die Weltherrschaft zu erringen?“

Der Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen zeigte sich überzeugt: „Was gemacht werden kann, wird gemacht.“ China setze künstliche Intelligenz ein, um Menschen flächendeckend zu erfassen und zu bewerten. In den Smart-Cities der Zukunft werde nicht nur der Straßenverkehr, sondern auch das Sozialverhalten der Bürger überwacht werden. Die Rücksicht auf Verlierer der Digitalisierung schwinde, der Drang zur Selbstoptimierung steige. Dadurch verändere sich das Menschenbild: Der Leistungsdrang münde in vermeintliche Selbsterlösung. „Statt an die Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen wird jetzt an seine Maschinen-Ähnlichkeit gedacht.“ Die neue Daten-Ideologie sei eine Religion, die letztlich digitale Unsterblichkeit verheiße. Statt segnende Roboter einzusetzen und Internet-Gottesdienste anzubieten, sollten die Kirchen mutig über die Risiken der Digitalisierung – von Cybermobbing und Internetkriminalität bis zur Abschaffung der Freiheit – aufklären, so Thiede.

Mit derlei Alarmismus konnte der Geschäftsführer der „Ars Electronica Linz“, Gerfried Stocker, wenig anfangen. Die Dimension der Digitalisierung wollte auch er nicht kleinreden: 4,2 Milliarden Menschen sind im Internet; jede Sekunde werden es 8,5 mehr. 5,2 Milliarden besitzen ein Smartphone. 2,2 Milliarden nutzen Facebook. Welche Macht das Mark Zuckerberg in die Hände spielt für die Überwachung wie für die Manipulation von Massen, ist auch Stocker klar, der Zuckerberg als „Präsident der Welt“ bezeichnete. Die Vorteile der rasanten Entwicklung im Bereich künstlicher Intelligenz sieht er in der Effizienzsteigerung und Optimierung, etwa in den Bereichen Produktion, Verwaltung und Nutzung von Ressourcen. Bereits heute würden in den USA Richter von künstlicher Intelligenz beraten, der Alltag von Journalisten sei von lernfähigen Algorithmen zu erledigen.

Wie problematisch ist es, wenn globale Technologie-Giganten unsere Daten sammeln und auswerten? Längst ist bekannt, dass Facebook aus allem, was wir liken oder posten, unser Psychogramm erstellt. Dabei gehe es nicht um unsere Vergangenheit, erläuterte die Geschäftsführerin von „Teramark Technologies“, Yvonne Hofstetter, nicht um den Seitensprung von gestern, sondern um die Zukunft. Unter der Nutzeroberfläche laufe eine riesige Börse mit Käufern und Verkäufern. Facebook verkaufe unsere Daten, verfolge uns sogar wenn wir offline sind. In Chicago würden aus digital gewonnenen Profilen bereits Gefährderlisten für die Polizei erstellt – und damit Menschen diskriminiert, die sich bisher keiner Straftat schuldig machten. Hofstetter sieht darin einen Anschlag auf den Rechtsstaat und die Freiheit. Manipulation diene nicht nur dem Markt, sondern auch politischen Mächten: Bei der jünsten US-Präsidentenwahl hätten Gruppen, die dem russischen Geheimdienst zuzurechnen sind, die Wahlsysteme in 20 Bundesstaaten gehackt. Fake-Accounts würden erstellt, auf denen Roboter Lügen posten und teilen. Die IT-Monopole hätten längst eine größere Macht als jeder mitteleuropäische Staat, befand die Expertin.

Der eigentliche Bruch aber betreffe das Menschenbild: Silicon Valley sehe den Menschen als ultimative Maschine und biologischen Algorithmus, während das europäische Menschenbild auf dessen Würde beruhe. China, das alle Bürger digital vermesse und benote, ja an den Pranger stelle, sieht Hofstetter als aufstrebende Macht der Digitalisierung. Ihr Fazit: Europa müsse seine eigene digitale Welt schaffen, die den eigenen Werten entspricht – jenen von Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde.

Roboter würden in Europa als Feinde gesehen, in den USA als Diener, in China als Kollegen und in Japan als Freunde, zitierte der Linzer Ethiker Michael Fuchs einen Experten. Zunächst seien sie aber eine Stufe von Technik und würden nicht in der Absicht hergestellt, Menschen zu gleichen. Wo menschliche Arbeit zu gefährlich ist, seien Roboter – sauerstoffunabhängig und ohne Schmerzempfinden – aufgrund ihrer Unähnlichkeit hilfreich. Doch Roboter entschärfen nicht nur Minen, sondern werden in der Kreditvergabe wie in der Altenpflege eingesetzt. Jede Personalisierung lehnt Fuchs ab: Roboter hätten keine Moralität und keine Rechte. „Wir haben also keine Pflichten gegenüber Robotern, aber gegenüber Menschen, die mit Robotern und selbstlernenden Systemen zu tun haben.“ So stärke der Einsatz von Pflegerobotern die Selbstständigkeit von Pflegebedürftigen, doch würden diese auch getäuscht. Dann nämlich, wenn der Roboter Emotionalität und Individualität simuliert. Selbstlernende Systeme seien keine moralischen Wesen und hätten keine Gefühle.

Was die Durchdringung nicht nur der Arbeitswelt, sondern auch des Privatlebens mit künstlicher Intelligenz für das Menschenbild bedeutet, wollte der in Luzern lehrende Ethiker Peter Kirchschläger wissen: Kommt es zu einer Verschmelzung von Mensch und Maschine, die etwa damit beginnt, dass uns Chips mit Kreditkartenfunktion implantiert werden? Wie verändern Versuche der Optimierung unseren Blick auf den Menschen? Die „superintelligenten Systeme“, die sich selbst – ohne menschlichen Input – aufgrund eigener und fremder Fehler weiterentwickeln, überragen die menschliche Intelligenz hinsichtlich Informationsverarbeitung und Erinnerungsfähigkeit. Roboter erledigen vieles (bis zu chirurgischen Eingriffen) präziser als Menschen, erleichtern menschliche Arbeit nicht nur, sondern ersetzen Arbeitskräfte. Die Folge sei, dass immer weniger Menschen an einer immer effizienteren Wertschöpfungskette teilhaben, so Kirchschläger. Weiter gedacht: „Was passiert, wenn wir Menschen für die Superintelligenz so irrelevant werden, wie die Ameise heute für uns?“ Werden die global vernetzten superintelligenten Systeme die Menschen dann unterdrücken – oder bloß ignorieren?

Kirchschläger geht davon aus, dass solche Systeme in der Lage sind, Regeln zu entwickeln, die ihrer Effizienz oder ihrem Vorteil dienen, sich aber nicht selbst Moralgesetze geben können. „Maschinen haben kein Gewissen und keine Freiheit, also keine Moralfähigkeit.“ Deshalb müsse man ihnen ethische Prinzipien beibringen. Die Verantwortung bleibe also beim Menschen. Heute liege die Entscheidungskompetenz bei großen Technologiekonzernen, die der Marktlogik des Geldverdienens folgten. Stattdessen sollten die politischen Institutionen rechtliche Rahmenbedingungen schaffen.

„Wir waren 20 Jahre damit beschäftigt, diese neuen Kulturtechniken zu lernen. Seit fünf Jahren sind wir dabei, zu überlegen, was sie bedeuten“, meinte in Kremsmünster die evangelische Theologin Johanna Haberer. Auch die Kirchen hätten die Entwicklung anfangs bejubelt und seien „in dieser neuen Anderswelt etabliert“. Doch es habe sich als Illusion erwiesen, dass im Internet einfach die Bürger am Wort seien oder dass Schwarmintelligenz alle Probleme löse. So spiele Facebook mit unserer Sehnsucht nach Anerkennung und sozialer Bestätigung. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien machten abhängig und süchtig, sie veränderten die Arbeitsweise der Wissenschaft und die Beziehungen zwischen den Menschen. Wahrnehmung und Denken gingen heute durch räumliche und zeitliche Entgrenzung „weniger in die Tiefe, sondern in die Breite“.

Haberer sprach von einer „Metamorphose der Weltgesellschaft“ mit „eklatanten Manipulationspotenzialen“. Kommunikation werde verstärkt, beschleunigt, unverbindlich, flüchtig und reflexhaft. An die Stelle des Nachdenkens trete die Aktion – und damit eine neue Gereiztheit, die Differenzierung verhindere. Durch die neuen Technologien könnten wir zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten präsent und aktiv sein, doch sei Allgegenwart theologisch Gott vorbehalten. Haberer warnte vor der Destabilisierung von Gesellschaften durch Desinformation und vor der Demontage Andersdenkender. Sie warb zugleich für „eine neue Kultur der Bedachtheit und der intimen Räume“. Es brauche Zeiten der Nicht-Erreichbarkeit, das Recht auf Geheimnisse, die Anerkennung in der Offline-Welt und eine Selbstbeobachtung im Kommunikationsverhalten.

Auch Kirchenverantwortliche kamen bei der Tagung im Benediktinerstift Kremsmünster zu Wort. Der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic warnte vor „elektronischer Gewalt“, etwa durch Belästigungen, Beleidigungen, Cybermobbing und gezielte Verletzung der Privatsphäre, aber auch vor falschen Lehren und schismatischen Bewegungen. „Ich bin nicht mehr Herr meiner selbst“, fasste der Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl seine ersten Erfahrungen zusammen. Als Facebook-User frage er sich selbstkritisch, ob es ihm „um Selbstdarstellung oder um Verkündigung“ gehe. Der Linzer Bischof Manfred Scheuer warnte vor einer Traumwelt und neuen Süchten. „Welches Menschenbild steckt hinter dem Internet und der Computertechnologie?“, fragte Bischof Scheuer und plädierte für eine Unterscheidung der Geister.

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