Ungewissheit des Todes

„Scheintot“: Ausstellung im Berliner Museum der Charité. Von Ingo Langner
Ein Sarg, der beim Scheintot lebenserhaltene Einrichtungen hat, 1843.
Foto: Museum | Ein Sarg, der beim Scheintot lebenserhaltene Einrichtungen hat, 1843.

Vier Tage war Lazarus bereits tot, als Jesus ihn auferweckte. So steht es im Evangelium nach Johannes. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Leichnam bereits zu faulen begonnen. Nicht ohne Grund reagiert Marta, die Schwester des Verstorbenen, auf Jesu Aufforderung „Nehmt den Stein weg!“, mit dem Satz: „Herr, er riecht aber schon.“ Womit sie sagen wollte, dass Lazarus‘ Tod zweifelsfrei feststand.

Wir erinnern deshalb an diesen Dialog, weil er ins Zentrum einer Ausstellung führt, die am 20. April im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité eröffnet worden ist. Sie heißt „Scheintot. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“.

Wann ist der Mensch tot? Wie ist die Grenzlinie zwischen Leben und Tod zu definieren? Wie wandelt sich diese Definition in der historischen Entwicklung? Diese elementaren und für jedermann wahrhaft existenziellen Fragen sind Ausgangspunkt dieser Ausstellung, die mit einer Fülle von Objekten gespickt ist und nun die vertrackte Causa überaus anschaulich zu illustrieren vermag.

Vertrackt ist die Angelegenheit deswegen, weil von der Antike bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein die Sachlage sehr einfach war; oder zumindest zu sein schien. Einige tausend Jahre lang war ein Mensch dann tot, wenn kein Herzschlag oder kein Puls mehr zu fühlen war. Wenn eine Flaumfeder minutenlang bewegungslos auf dem Munde verharrte, konnten die Hinterbliebenen davon ausgehen, dass sein Atem erloschen war. Jetzt waren sie sicher, es mit einem Toten zu tun zu haben. Weil sie gewiss sein konnten, dass man dereinst auch bei ihrem Ende die gleiche Sorgfalt würde walten lassen, war die allgemein menschliche Furcht, lebendig begraben zu werden, die Ausnahme und nicht die Regel.

Diese Stimmungslage änderte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts grundlegend. Scheinbar wie aus dem Nichts verschwand die Gelassenheit der Menschen vor dem Unausweichlichen. Stattdessen grassierte jetzt massenhaft die Furcht, lebendig begraben zu werden. Aber warum? Welche Ursache könnte dieser fundamentale Mentalitätswechsel gehabt haben?

Wer die Geschichte kennt, weiß, dass Mitte des 18. Jahrhunderts die Ideen der säkularen Aufklärung aufkamen, sich deswegen uralte religiöse Gewissheiten auflösten und in der Französischen Revolution von 1789 der Atheismus zur Staatsideologie erhoben wurde. Statt an Gott zu glauben, begannen die Menschen, eine Göttin der Vernunft anzubeten. Die war das goldene Kalb der ersten Revolutionsjahre, und ist es, soviel kann wohl gesagt werden, in kaum modifizierter Gestalt, bis in unsere Gegenwart geblieben.

Professor Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, bestätigt unsere Annahme, dass hier die tiefere Ursache für den erstaunlichen Sinneswandel der Menschen und ihre Angst vor dem Scheintod zu suchen ist: „Bis zur Aufklärung war es der Pfarrer, der den Tod eines Menschen feststellte. Doch dann wurde diese Aufgabe den Ärzten überlassen. Weil diese rein naturwissenschaftlich dachten, wollten sie nun wissenschaftlich exakt wissen, wann genau der Tod eintritt. Ironischerweise gelang ihnen genau das aber nicht. Denn die Bestimmung des Todeszeitpunktes ist eine kulturelle Übereinkunft, und das ist sie bis heute geblieben.“

Offenbar sind der Glaubensverlust und die Angst davor, in einem begrabenen Sarg wieder aufzuwachen und nun qualvoll zugrunde zu gehen, die zwei Seiten einer Medaille. Der man nun, wie die Ausstellung „Scheintot“ anschaulich zeigt, mit allerlei Neuerungen beikommen wollte.

1792 wird auf dem Jacobsfriedhof in Weimar das erste Leichenhaus gebaut. „Vitae dubiae asylum“, Haus des zweifelhaften Lebens, steht über dem Eingang. Dorthinein wurde der Tote nun solange gelegt, bis einer, wie die biblische Marta, sagen kann: „Er riecht schon.“ Doch damit nicht genug. Zahlreiche Wissenschaftler und Ärzte versuchen jetzt, mit aus heutiger Sicht bizarren Experimenten eine definitiv todsichere Methode gegen die Unsicherheit zu erkunden. Erfinder jedweden Ranges dachten sich Rettungsmethoden aus, mit denen der lebendig Begrabene sein fatales Schicksal anzeigen und gerettet werden konnte. Von den Schriftstellern, die umfangreich Lyrik und Prosa zum grusligen Thema verfassten, gehört Edgar Allen Poe heute zu den bekanntesten.

Auch den am 14. August 1956 im kommunistisch regierten Ost-Berlin gestorbenen Dramatiker Bertolt Brecht trieb die Angst um, lebendig begraben zu werden. Sein Biograf Werner Mittenzwei schreibt, Brecht habe testamentarisch verfügt, dass, sollte er je medizinisch für tot erklärt werden, man ihm sicherheitshalber die Herzschlagader öffnen müsse. Dies soll von einem Arzt der Charité dann auch tatsächlich ausgeführt worden sein.

Seit der 1958 in Ludwigshafen am Rhein geborene Thomas Schnalke im Jahr 2000 auf die Professur für Geschichte der Medizin und Medizinische Museologie an der Medizinischen Fakultät Charité der Humboldt-Universität zu Berlin berufen wurde und damit auch die mit der Professur verbundene Leitung des Berliner Medizinhistorischen Museums übernahm, hat das auf der pathologisch-anatomischen Sammlung des Berliner Arztes, Sozialmediziners und Politikers Rudolf Virchow (1821–1902) begründete Museum immer wieder Ausstellungen gezeigt, die über einen positivistisch-szientistischen Tellerrand herausragen.

Die hier besprochene Ausstellung gehört mit Sicherheit dazu. Wer sich anhand von zahlreichen medizinischen Artefakten (wie zum Beispiel dem Herzstichmesser, mit dem Ärzte bei Todesfeststellung den finalen Herzstich vollziehen und damit jeden Zweifel ausräumen) und nachgebauten Objekten (so das Model eines Sicherheitssarges von 1884, aus dem heraus der Beerdigte in der Oberwelt auf sich aufmerksam machen konnte) ein anschauliches Bild vom Scheintod, der Angst davor und der menschlichen Phantasie, ihm zu entgehen, machen will, der sollte sie nicht versäumen. Interessant sind auch sicherlich die medizinischen Vorträge zum Thema, die während des Ausstellungszeitraums einmal im Monat stattfinden sollen.

„Scheintot. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“. Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, geöffnet bis 18. November 2018.

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