Mann & Frau

Unendliche Beziehungsgeschichten müssen erarbeitet werden

Paare können sich trennen, doch die unstillbare Sehnsucht nach Begegnung bleibt.
„Adam und Eva“-Maler Lucas Cranach der Ältere
Foto: wiki | Ob mit oder ohne Apfel: im Menschen ist eine Sehnsucht angelegt. Das wusste wohl auch schon der „Adam und Eva“-Maler Lucas Cranach der Ältere.wiki

Unsere Freiheit ist heute so grenzenlos wie noch nie. Wer Beziehungen knüpfen will, dem steht nicht nur die nächste Umgebung, sondern die ganze Welt offen. Ob real oder digital, der Freundschaft sind keine Grenzen gesetzt. Wir können den Beruf wählen, der uns interessiert, entscheiden, ob wir einen Mann oder eine Frau heiraten, sogar ob wir ein Mann oder eine Frau sind. Man möchte meinen, dass angesichts einer derart unbeschränkten Auswahl auch das persönliche Glück keine Grenzen mehr kennen sollte.

Aber die unbarmherzig genauen Zahlen der Statistiken sprechen eine andere Sprache. 2021 wurden 357 800 Ehen geschlossen und 142 800 Ehen geschieden. Die Anzahl derer, die sich gar nicht erst vornehmen, auf Dauer zusammenzubleiben und sich ohne dass dies von irgendwem irgendwo gezählt wurde, wieder getrennt haben, ist hier nicht erfasst. Und auch der Zufriedenheitspegel derer, die sich nach durchschnittlich 14, 5 Jahren voneinander trennen um mit einem oder einer anderen das Glück zu suchen, wurde nicht ermittelt.

„Wer im Herzen Jesu verwurzelt ist,
den kann keine noch so schwierige irdische Beziehung enttäuschen,
der kann auch besser damit leben,
wenn er die große Liebe hier und jetzt noch nicht gefunden hat“

Dass er aber nicht den Wunschträumen derer entspricht, die der Meinung sind, dass beim nächsten Mann oder der nächsten Frau definitiv alles anders würde, ist inzwischen bekannt. Tatsächlich steigt die Berichterstattung über die offener werdenden Zeugnisse derjenigen, die einräumen, dass ihr Leben nach der Trennung – sei es die erste, zweite, dritte oder vierte – nicht unbedingt in die Kategorie jener wunderbaren Leichtigkeit des Seins fällt, die in den Träumen von einem neuen Leben so greifbar nahe schien. Die Selbstverwirklichung, die uns geradezu als Pflicht nahegelegt wird, ist zu einer Falle geworden, weil wir sie auf eine falsche Weise verstehen und uns, anstatt uns zu dem Menschen zu entwickeln, als den Gott uns gemeint hat und die uns von ihm geschenkten Talente zu entfalten, eher nach einem gesellschaftlich fremdbestimmten Modell in einer Art und Weise zu „stylen“ gelernt haben, die uns weder erfüllt, noch glücklich macht.

Wirft man einen genaueren Blick in die Beziehungskiste, stellt man fest, dass es mit der Bindungsfähigkeit überhaupt zu hapern scheint. Nicht nur Ehen und Familien sind krisengeschüttelt, auch Freundschaften, die diesen Namen verdienen und nicht nur eine Zahl auf einem Facebook-Account sind, haben offenbar Seltenheitswert. Zugleich ist die Sehnsucht nach Begegnung ungebrochen. Kein Wunder, denn sie ist dem Menschen natürlich. Wie sehr bringt der Ausruf Adams nach der Erschaffung Evas trefflich zum Ausdruck: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ und er „nannte seine Frau Eva (Leben)“ und er erkannte sie, heißt es im zweiten und dritten Kapitel des Buches Genesis. Erkannt werden ist ein Stichwort, das eine nähere Betrachtung verdient. Denn hier verbirgt sich der Schlüssel der Sehnsucht nach Begegnung, die heute auf so vielen Ebenen waltet und deren Erfüllung so selten gelingt. Vielleicht liegt es daran, dass wir den richtigen Blick verloren haben und auf die falsche Weise suchen. Denn so schmerzlich das ist – wir müssen bei all unserem Tun in Betracht ziehen, dass wir die perfekte Liebe, nach der wir uns so sehr sehnen, vielleicht nicht finden werden.

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Schwächung durch Teilung

Worum es dabei geht, lässt Platon in seinem fiktiven Dialog im Symposion von den Komödiendichter Aristophanes erzählen, der die Aufgabe übertragen bekommen hat, zu erklären, warum er Liebesgott Eros eine so große Macht und das nach ihm genannte Begehren so unüberwindlich scheint. Die Menschen, so erzählt Aristophanes, waren ursprünglich Kugelwesen, die, weil sie gemeinsam sehr stark waren, nicht nur über eine große Kraft, sondern auch über ebensolchen Mut verfügten, der zum Wagemut entartete, der sie dazu verlockte, sich einen Weg in den Himmel zu bahnen und die Götter anzugreifen.

Die beschlossen daraufhin, die Menschen durch Teilung zu schwächen. Und nicht nur dies, die getrennten Teile wurden vermischt, sodass jeder Mensch sich fortan unvollständig fühlte und nach der ihm gemäßen Ergänzung sehnte. Dass man die nicht immer findet, ist offenkundig, auch dass der Mensch, den man vor allen und über alles liebt einem vielleicht zu einem Zeitpunkt begegnet, in dem man bereits andere Bindungen eingegangen ist, die zu lösen weder fair noch richtig wäre. Was daraus folgt ist einerseits frustrierend, andererseits schenkt es aber auch eine Perspektive.

Erfüllung auf Erden zu finden ist schwierig

Denn wenn klar ist, dass man auf der Ebene der irdischen Wirklichkeit keine garantierte Erfüllung findet, öffnet das den zunächst gedanklichen und schließlich auch realen Raum für die Sehnsucht nach dem ganz anderen, nach jener Liebe, die alles Begreifen übersteigt und die zu empfangen uns tatsächlich, was erstaunlich wenig bekannt ist und deshalb unbegreiflich selten erlebt wird, jederzeit möglich ist. Diese Liebe, die nicht Eros, sondern Caritas heißt und die ihre Quelle im für uns durchbohrten Herzen Jesu hat, ist eine zutiefst persönliche, eine, in der jeder einzelne erkannt und bis auf den Grund durchliebt angenommen wird. Nun wird der geneigte Leser sich vielleicht fragen, was um alles in der Welt uns denn hindert, uns dieser Quelle auf schnellstem Weg zu nähern. Denn eigentlich sollte uns doch kein Weg zu weit sein, um uns dorthin aufzumachen, wo die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht wartet.

Die Antwort auf diese Frage, die zugleich der Schlüssel ist, der die Tür zu jenem Begegnungsraum ist, dem Herzen Jesu, in dem er uns eine Wohnung bereitet hat, in der wir immer bei ihm sein können, ist in jenem Wort zu finden, das auch im Buch Genesis für die gelungene, schöpferische Begegnung zwischen Adam und Eva verwendet wird: erkannt werden. Es bezeichnet unsere Sehnsucht, aber auch unseren Schmerz. Denn wenn wir ganz und gar erkannt werden, werden wir, so sehr wir es uns auch wünschen, nicht nur mit unserem Potenzial, sondern auch mit dem gesehen, was uns hindert, diese in uns liegenden Möglichkeiten, die mehr oder weniger verborgenen Talente zu entfalten. Mit einem Satz: wer erkannt wird, erkennt seine Sünde.

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Sünde ist immer ein Mangel an Liebe

Diese Konfrontation mit den eigenen Fehlern und Schwächen ist immer unangenehm. Denn wer möchte schon im hellen Licht der Liebe wahrnehmen, wie sehr ihm genau das fehlt, was er ersehnt. Denn die Sünde ist im Letzten immer ein Mangel an Liebe. Manchmal ist es aber nicht nur unangenehm, mit dem konfrontiert zu werden, was einem fehlt, es erscheint unerträglich. Und dann wenden wir uns von der wahren Liebe, die uns unweigerlich mit unserem wahren Kern in Berührung bringt ab und suchen in Surrogaten das, was unser Sehnen niemals auf Dauer stillen kann. Auf diesen Umwegen entsteht dann unweigerlich neuer Schmerz. Zum einen, weil die Sehnsucht nach Liebe niemals aufhört und zum anderen, weil die Sünden, die nicht ans Licht kommen, die nicht bereut und vergeben werden, in uns schwären und nicht selten ein Verbleiben im Zustand der Sünde auch neue Sünden hervorruft.

Deshalb wäre es eigentlich, so mühsam es auch scheint, am logischsten, wenn wir direkt in die offenen Arme des Vaters laufen würden, zu denen es von jedem Ort der Welt aus gleich weit ist und, in seiner Liebe geborgen das Leben neu wagen würden. Denn wer im Herzen Jesu verwurzelt ist, den kann keine noch so schwierige irdische Beziehung enttäuschen, der kann auch besser damit leben, wenn er die große Liebe hier und jetzt noch nicht gefunden hat. Denn er ist von einer Liebe erfüllt, die, wie Paulus den Korinthern (1. Korinther 13) geschrieben hat, alles übersteigt, weil sie langmütig und gütig ist, weil sie nicht ihren Vorteil sucht, alles erträgt, allem standhält und vor allem, weil sie niemals aufhört.

Zugehen auf das Herz Jesu

Beim Erlernen dieser Liebe lohnt es sich, nicht allein auf das Herz Jesu zuzugehen, sondern die Hilfe derer in Anspruch zu nehmen, die vor uns diesen Weg gegangen sind. Denn unsere spirituellen Vorfahren, die Heiligen, wissen, wo es lang geht. Zugleich sind sie ein unerschöpfliches, von der Philia, der Freundesliebe bewegtes Reservoir an Coaches für ein gelingendes Leben, in dem sich für jeden Charakter der richtige Wegbegleiter findet. Sie wiederzuentdecken könnte sich als großer Gewinn und eine ebensolche Liebesgeschichte erweisen.

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