Über Universitäten in deutschem Sinn

Marktkonforme Ausbildung endet in Beliebigkeit: Was Friedrich Schleiermacher der Pädagogik noch zu sagen hat. Von Winfried Böhm

Der Titel dieses Beitrags hat nicht das Geringste mit nationalem Eigensinn oder gar mit verstecktem Populismus gemein. Er knüpft vielmehr an eine Schrift an, die anlässlich des Niedergangs der deutschen Universitäten nach den napoleonischen Kriegen, speziell nach der Besetzung der Universität Halle durch die französischen Truppen, verfasst wurde, und zwar als ein maßgebliches Gutachten im Hinblick auf die Gründung einer Universität in Berlin. Der Verfasser war nicht ein beliebiger Irgendwer, sondern der bedeutende protestantische Theologe und spätere Gründungsdekan der theologischen Fakultät Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher.

Mit seinen „Gelegentliche(n) Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn“ griff dieser massiv in jene Planungsdiskussion für eine preußische Landesuniversität ein, welche Kabinettsrat von Beyme 1806 auf königliches Geheiß hin ausgelöst und zu der er die herausragenden Gelehrten des Landes, insbesondere Philosophen, eingeladen hatte.

Wenn Schleiermacher von Universitäten in deutschem Sinn spricht, setzt er sich in einen erklärten Gegensatz zur französischen Universitätsreform, die unmittelbar vorher die akademische Allgemeinbildung abgeschafft, sich für einen strengen Bildungszentrismus entschieden und eine deutliche Berufsorientierung durchgesetzt hatte. Die frappierende Aktualität seines Gutachtens heute liegt in seinem Widerspruch zur jüngsten europäischen Hochschulreform nach dem sogenannten Bologna-Modell und zu dessen erklärter Ausrichtung des akademischen Studiums am Arbeitsmarkt und den dort abgefragten Kompetenzen.

Entschieden trat Schleiermacher dafür ein, dass sich eine Universität in deutschem Sinn nicht an den aktuellen Erfordernissen des Arbeitsmarktes orientieren und nicht um eine marktgerechte Ausbildung – heute neudeutsch „employability“ genannt – besorgt sein dürfe, sondern dass zu ihrer konkreten Ausgestaltung eine geklärte Idee von Universität nottut.

Die Universität ist in ihrem Wesenskern bedroht

Gewiss war und ist nicht nur in Deutschland die Rede von einer Idee der Universität, aber wo immer diese Rede aufkommt, hält man sie für eine typisch deutsche Sicht der Dinge. Man denke beispielsweise an José Ortega y Gasset im spanischen oder an Kardinal John Henry Newman im englischen Sprachraum. Dessen maßgebliches Buch über die Idee der Universität (aus katholischer Sicht) wurde von keiner Geringeren als von Edith Stein ins Deutsche übersetzt.

Als typisch deutsch – heute würde man wohl sagen: als deutsches „Alleinstellungsmerkmal“ – sah es Schleiermacher an, dass hierzulande nicht isoliert über die Universität allein diskutiert, sondern diese immer als Glied einer Dreistufigkeit gesehen und erörtert wird: Schule – Universität – Akademie. Formelhaft verkürzt und sprachlich an Hans Sachs erinnernd, heißt dieses typisch deutsche Stufenmodell: Die Schule als das Zusammensein der Meister mit ihren Lehrburschen, die Universität mit den Gesellen und die Akademie als die Versammlung der Meister unter sich. Frauen kamen in diesem Modell noch nicht vor, auch wenn Schleiermacher ausdrücklich hoffte, diese würden – allein schon aus demokratischen Gründen – in einer nicht allzu fernen Zukunft ebenfalls die Universitäten bevölkern.

In der These von dieser Dreistufigkeit der Bildung berührte sich Schleiermachers Entwurf eng mit den umfassenden Bildungsplänen, die zur gleichen Zeit Wilhelm von Humboldt vorlegte. Dabei ging es beiden Reformern nicht um die äußere Form der drei Institutionen, sondern um deren grundverschiedene Aufgaben und Funktionen. So sehr aber Humboldt und Schleiermacher die Einheit der Bildung betonten, so deutlich unterschieden sie zwischen drei jeweils anderen Arten von Unterricht.

Während der Elementarunterricht eigentlich noch kein Unterricht ist, denn er bereitet diesen erst vor, indem er die elementaren Kulturtechniken – Lesen und Schreiben, Zahl- und Maßverhältnisse, die Beherrschung der Muttersprache – vervollkommnet, liegt die Aufgabe des Schulunterrichts in der Vermittlung von Kenntnissen und Sachwissen. Schulunterricht hat es also in erster Linie mit Lernen zu tun und mit dem sogenannten Lernen des Lernens.

Im Hinblick auf die Universität ist zwar auch noch von Unterricht die Rede, aber so wie der Elementarunterricht noch kein Unterricht ist, so darf es der Universitätsunterricht nicht mehr sein. Denn in der Universität geht es nicht mehr darum, sich Wissensmassen einzuverleiben, sondern hier kehrt sich – und darin waren sich die neuhumanistischen Reformer von Schleiermacher und Humboldt bis zu Schelling und Fichte einig – die Perspektive vollkommen um. Der Universitätsunterricht hat den vormaligen Schüler in Stand zu setzen, jenseits des vielen Einzelwissens die Einheit der Wissenschaft selbst zu begreifen und, mehr noch, sie selbst schöpferisch hervorzubringen. Der Universitätsunterricht hat daher nicht wie die Schule die rezeptiven, sondern die produktiven Kräfte der Studierenden in Anspruch zu nehmen. Dass die Studierenden lernen, in jedem Denken sich der Grundgesetze der Wissenschaft bewusst zu werden und eben dadurch das Vermögen selbst zu forschen, zu erfinden und darzustellen allmählich in sich herauszuarbeiten, ist das eigentliche „Geschäft der Universität“. Und noch ein zweiter fundamentaler Unterschied wird zwischen Schule und Universität aufgewiesen. Von den Sophisten im Altertum über alle Reichs- und Staatengründer – die restaurativen ebenso wie die revolutionären – und einschließlich aller religiösen und Sozialreformer bis zu den gegenwärtigen Schulreformprojekten von OECD und Weltbank war die Schule zu keiner Zeit eine reine Bildungsinstitution im Dienste der menschlichen Person, sondern sie stand stets unter dem Diktat nationalpolitischer, konfessionspolitischer, sozialpolitischer, wirtschaftspolitischer, militärpolitischer, völkischer, kirchlicher oder anderer pragmatischer Interessen. Für die Lehrer hatte daher stets das Wirkungsinteresse über dem Wahrheitsinteresse zu stehen. Und selbst für die heftigsten Schulkritiker gab es als einzige Alternative zur Schule immer nur eine andere Schule.

Dass der Vorrang des Wirkungsinteresses über das Wahrheitsinteresse auch für die Universität gelten soll, kann man sich schwerlich vorstellen, wenn der Wahlspruch „veritati“ (= der Wahrheit dienend), der bis heute so viele Universitätsgebäude ziert, nicht zu einer lächerlichen Farce verkommen soll. Dass das Universitätsstudium die Studierenden nicht mit Wissensmassen abfüttern und sie auch nicht – wie es den Lehrlingen in den technischen, kaufmännischen und Handwerksberufen angemessen sein mag – mit praktischen Kompetenzen ausstatten soll, sondern sie in erster Linie zu wissenschaftlichem Denken zu befähigen hat – und das heißt noch immer: selbstständig, kritisch und kreativ zu denken –, erscheint den Geburtshelfern der deutschen Universität, zumindest in der Theorie, unstreitig gewesen zu sein.

Aus heutiger Sicht erscheint eine Feststellung besonders wichtig, die niemals grell im Vordergrund stand, aber heute eine grundsätzliche Bedeutung gewonnen hat. Und Schleiermacher hat diese Differenz deutlich benannt. Wenn eine Schule auch noch so schlecht würde und am Ende womöglich sogar jämmerlich schlecht wäre, bliebe sie doch immer noch eine Schule. Wenn aber eine Universität sich auf das Niveau einer Schule begibt, also „verschult“ wird, dann hört sie auf, eine Universität zu sein. Dass in einer Zeit, in der Hochschulen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind und … beinahe jede gesellschaftliche Gruppe und fast jede weltanschauliche Vereinigung ihre eigene „Universität“ gründen und betreiben kann, ergibt sich ein bildungspolitisches Problem, an dem gemessen andere und in der Öffentlichkeit breiter diskutierte geradezu gering erscheinen müssen.

Professor Winfried Böhm war von 1974 bis 2005 Ordinarius für Pädagogik an der Universität Würzburg und lehrte an renommierten Universitäten in Italien, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten.

Weitere Artikel
In einer Stellungnahme distanziert sich das Rektorat der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) von der politisch motivierten Benennung als „Woelki-Hochschule“.
02.09.2022, 10  Uhr
Meldung
Nicht nur beim Militär braucht die Bundesrepublik eine Zeitenwende. Ein Plädoyer für ein geistig-moralisch vorbildliches, innovationsfreudiges Deutschland.
13.05.2022, 09  Uhr
Stefan Ahrens
Immer weniger wissenschaftliches Personal muss immer mehr Studenten betreuen. Darunter leidet die hohe Präzision akademischen Arbeitens.
09.08.2022, 11  Uhr
Marius Menke
Themen & Autoren
Edith Stein Friedrich Schleiermacher Hans Sachs John Henry Newman Julius-Maximilians-Universität Würzburg Wilhelm von Humboldt

Kirche

Karl-Heinz Menke analysiert den „Orientierungstext“ des Synodalen Wegs. Dieser sei „durchzogen von nicht nur tendenziösen sondern auch falschen Behauptungen“.
26.09.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung
Wie ich beim Sommerfest der KISI — God? singing Kids – im österreichischen Altmünster Christus begegnete
26.09.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt