Über Meinungen muss diskutiert werden

Die Debatte um den Schriftsteller Uwe Tellkamp zeigt, wie schnell man geächtet wird. Von Stefan Meetschen und Alexander Riebel
Kulturpreis für Uwe Tellkamp
Foto: dpa | Uwe Tellkamp.
Kulturpreis für Uwe Tellkamp
Foto: dpa | Uwe Tellkamp.

Ach, so läuft das mittlerweile in der Bundesrepublik? Wenn man gewisse Zweifel an der Einwanderungs-Motivation von Migranten äußert, die Politik der offenen Grenzen kritisiert und linke Gewalttaten anspricht, vertritt man „Positionen der AfD und der islam- und ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung“? Gut zu wissen, bevor man selber ungerechtfertigterweise mit derartigen Etiketten beehrt wird. Für den Schriftsteller Uwe Tellkamp („Der Turm“) dürfte es in der Hinsicht aber bereits zu spät sein. „Spiegel-Online“ gewährte ihm derartige Zuschreibungen, weil der 49-Jährige bei einer Diskussion im Dresdener Kulturpalast mit seinem Schriftstellerkollegen Durs Grünbein derlei regierungs- und flüchtlingskritische Einwände zur Sprache brachte. „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.“ Außerdem warnte Tellkamp vor einer „Gesinnungsdiktatur“ und konstatierte die Aushöhlung der Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik. Was man ja machen kann – unabhängig davon, ob man Romane schreibt oder nicht, und unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht. Meinungsfreiheit und Redefreiheit setzen nicht voraus, dass derjenige, der von ihnen Gebrauch macht, immer recht hat. Doch vielleicht liegt Tellkamp mit seiner forschen Einschätzung insgesamt gar nicht so daneben? War es doch fast wie ein Versehen, als der Unions-Bundespolitiker Stephan Mayer vor wenigen Tagen im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk zur inneren Sicherheit nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz plötzlich sagte, es kämen im Durchschnitt noch immer täglich 500 Menschen illegal nach Deutschland; Medien haben das nicht weiter aufgegriffen, vielleicht in der Hoffnung, dass sich die Illegalen beim nächsten Amt melden. Wer will aber Tellkamps Zahl begründet widersprechen? Und was zählt der Widerspruch von FAZ-Autor Simon Strauß, dass Tellkamp aus der Position des Ostdeutschen argumentiere und damit die Mauer wieder hochziehe? Darf man nicht als Ostdeutscher denken, während die Gesetzgebung selbst noch nicht die Gleichheit der Deutschen in Gehältern und Rente hergestellt hat?

Die bisherige Debatte über die Diskussion in Dresden zeigt, dass noch kein Argument gegen Tellkamp gefunden wurde. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) findet die „schon wieder beginnende Stigmatisierung“ ärgerlich: „Ich wünsche mir, dass wir in der Sache diskutieren. Wenn ein Streitgespräch zur Verurteilung einer Person führt, darf man sich nicht wundern, wenn keine offene Debatte mehr geführt wird.“

Der Suhrkamp-Verlag, dessen Hausautor Tellkamp ist, sah sich schon bald nach dem Auftritt veranlasst, in einem Twitter-Tweet auf Distanz zu gehen. „Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln. #Tellkamp“. Diese öffentliche Distanzierung bei Twitter im Stil des Weißen Hauses brauche die Gegenwart nicht, kommentierte ganz richtig die „Neue Zürcher Zeitung“. Nicht nur, weil dieser Tweet nicht gerade wie ein Zeichen von loyaler Rückendeckung rüberkommt, die bei künstlerischen Berufen enorm wichtig ist, sondern auch, weil diese knackige Kurzbotschaft so gar nicht als nachträgliche Widerlegung von Tellkamps „Gesinnungsdiktatur“-Vorwurf taugt. Sondern fast schon wie eine Bestätigung wirken kann. Doch natürlich hat ein Verlag die Freiheit, sich von seinem Autor zu distanzieren, wenn er dies für richtig hält. Genauso, wie er die Freiheit hat, bei einer Buchmesse teilzunehmen oder durch Abwesenheit zu glänzen.

Wie linke und rechte Verlage samt Lesern bei der heute beginnenden Leipziger Buchmesse miteinander umgehen werden, ist nach den Ausschreitungen auf der Frankfurter Buchmesse 2017 eine der spannenderen Fragen hinsichtlich der Veranstaltung. Damals hatte sich die Leitung der Frankfurter Buchmesse ausdrücklich in einer Pressemeldung zur Meinungsfreiheit bekannt, die man auch weiterhin verteidigen wolle: „Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs. Das ist die unveränderliche Haltung der Frankfurter Buchmesse und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels“ (DT vom 16.10.2017); offenbar gibt sich der Suhrkamp Verlag nicht als Ort der freien Meinung zu erkennen, obwohl hier wie sonst selten so viele Autoren des Diskurses und des Dialogs vertreten sind. Aber wer bei welchem Diskurs gern gesehen ist, dass bestimmen die Herren des runden Tischs lieber selber.

Sollte es in Leipzig ähnlich ideologisch-engstirnig und aufgeladen-aggressiv weitergehen, wie derzeit um Tellkamp, hätte der wohl bald genug Stoff für einen neuen Roman zusammen. Eine gegenwartsnahe Fortsetzung des „Turms“. Für einen Deutschland-Roman ohne Mauer und Stacheldraht, aber mit viel angestautem Hass auf Andersdenkende und auf Abweichler. Von der Einheit zur neuen Spaltung quer durch die Gesellschaft.

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