Über den Verrat der Intellektuellen

Dass der Dichter und Büchner-Preisträger Oskar Pastior seine Tätigkeit für den rumänischen Geheimdienst bis an sein Lebensende verschwiegen und er andere Schriftsteller während der kommunistischen Diktatur denunziert hat, erschüttert gerade die literarische Welt. Warum der Intellektuelle aber nicht allein unter den Bedingungen der Diktatur, sondern auch denen der Demokratie für verräterischen Opportunismus anfällig ist, erklärt – ein Intellektueller. Von Richard Wagner
Büchner-Preisträger Oskar Pastior
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Lange vermied er es, seine Herkunft zu thematisieren. Wie viele andere rumäniendeutsche Autoren wollte auch er nicht Sprecher oder gar Alibi der Minderheit sein, sondern sich als deutscher Schriftsteller Geltung verschaffen. Und das ohne wenn und aber.

Mit dem Büchner-Preis schien er sein Ziel erreicht zu haben, mit der postumen Enttarnung als Informant der Securitate ist er in sein ursprüngliches Gehäuse zurückversetzt worden. Oskar Pastior (1927–2006), der als einer der großen unpolitischen Sprachartisten galt, und wahrscheinlich auch manches zum grundsätzlichen Realitätsverweigerungspotenzial des deutschen Poeten der experimentellen Art beigetragen hat, steht nun als öffentliche Figur da, deren abgestrittene politische Seite, die Parteigängerschaft, ihn in peinlichster Weise bloßstellt.

Nicht Überlebenswille, die Eitelkeit treibt an

Damit aber ist er keine Ausnahme. Auch ihn trieb, und das ist die Regel immer und überall, nicht allein der Überlebenswille an, was man in einer Diktatur gerne gelten ließe, sondern letzten Endes die Eitelkeit der intellektuellen Selbstdarstellung. Diese, man muss es so sagen, ist bereits im „J'accuse“ Emil Zolas, der Geburtsstunde des modernen Intellektuellen angelegt. Indem er sagt, ich klage an, meint er nicht nur den Gestus, sondern auch dessen Urheber, also sich selbst.

Dieser Nebenaspekt aber ist es, der bereits in der Hitler-Diktatur den größten moralischen Zusammenbruch nach sich zieht. Der Intellektuelle wird Teil des Spektakels, der Inszenierung der Macht. Worauf er sich dabei auch einlässt, er bleibt Statist des Reiches. Er darf zwar das deutsche Denken voranbringen, aber in ihm hat der Führer zu denken. Was konnte ein Intellektueller am Hordenprinzip der Nazis gut finden? Ein Heidegger, ein Benn, ein Carl Schmitt? Es ist nicht das praktische Denken, es ist der Wille zur Karriere unter allen Umständen, der den Intellektuellen zu den Barbaren treibt. Der Intellektuelle ist zum Weltuntergang bereit, er hätte aber vorher gerne noch den Doktor gemacht.

Unsere moderne europäische Gesellschaft hat in ihren drei Erscheinungsformen des 20. Jahrhunderts den Intellektuellen nicht nur großen Herausforderungen ausgesetzt, sie hat ihm geradezu eine Falle nach der anderen gestellt. Als habe ihm Gott, mit dem er sich gerne mal ausgetauscht hätte, en passant ein Praktikum angeboten.

Alle drei Formen der europäischen Machtausübung – Faschismus, Kommunismus und Demokratie – brauchen den Intellektuellen. Die beiden totalitären Regierungsformen benötigen ihn als vorbildlichen Ja-Sager. Er soll der Bevölkerung den Opportunismus öffentlich plausibel machen, ihn als nachahmenswert präsentieren. Zu den Fatalitäten des Denkers gehört, dass er auch Rhetoriker ist. Nicht zuletzt als Rhetoriker aber werden die Intellektuellen zu den wichtigsten Verbündeten der totalitären Macht, und damit zu deren Clowns und Pausenclowns.

Gleichzeitig schafft sich eine unberechenbare Bevölkerung, die zwar als verführbar gilt, aber den König doch selber ausrufen will, ihren eigenen Kanon, indem sie sich der Autorität der Macht verweigert, wo sie kann, indem sie die Macht plötzlich boykottiert, wie es 1989 in Ostmitteleuropa geschah und, sozusagen aus Verlegenheit, den Intellektuellen die Führung anbietet. So treffen Volksaufstandszorn und Revolutionsästhetik aufeinander.

Solche Fälle kennt man aus beiden totalitären Konzepten: Im sogenannten Dritten Reich waren es die Autoren der inneren Emigration, im Kommunismus die sogenannten Dissidenten. Zum prägenden Kulturbegriff wird bei den Nazis die Emigration, bei den Kommunisten hingegen ist es das Abweichlertum, die Dissidenz.

Wobei es zwischen dem rechten und dem linken Totalitarismus einige gravierende Unterschiede gibt, die nicht zuletzt mit der Tatsache zu tun haben, dass es im „Dritten Reich“ eine weiterhin funktionierende Privatwirtschaft gab, während im Kommunismus alles verstaatlicht wurde, selbstverständlich auch die Verlage. So gab es im „Dritten Reich“ nur Richtlinien, und keine etablierte Vorzensur, während im Stalinismus der Zensurapparat die eigentliche Publikationsbehörde darstellt. So konnte es im „Dritten Reich“ neben Werner Bergengruen, der den oppositionellen Megaroman der dreißiger Jahre „Der Großtyrann und sein Gericht“ 1935 verfasst hat, im Übrigen ein Bestseller, auch eine aufrechte Ricarda Huch geben. Sie wäre in der DDR wahrscheinlich nicht weit gekommen. Das Dilemma ist geblieben: Mal verraten die Intellektuellen die Macht, mal verraten sie das Volk, mal wird ihnen der Verrat an der Macht vorgehalten, mal der Verrat am Volk.

In der Demokratie zensiert die Mehrheitsmeinung

Wie sieht es aber in der heutigen Gesellschaft aus, der Demokratie? Sie fußt bekanntlich auf der Freiheit, und damit auf dem freien Wort, und kennt tatsächlich keine institutionalisierte Zensur. Statt dessen gibt es eine freiwillige Selbstkontrolle, und sie ist vor allem gut gemeint. Dass eine Gesellschaft Tabus pflegt, Verbote, liegt nicht nur daran, dass diese von einer zentralen Stelle ausgesprochen werden würden. Es gibt Verbote, die einem ungeschriebenen Gesetz folgen, es handelt sich um die Geschmacksfrage der Mehrheit. Mehrheitsbildung ist nicht nur die Grundlage des Handelns in einer Demokratie, sondern auch die Quelle von Richtlinien. Zur Demokratie gehört zwar auch das Minderheitenvotum und seine Akzeptanz, aber für die Intellektuellen und das öffentliche Denken gilt das bei weitem nicht.

Dafür gibt es in der Bundesrepublik genügend Beispiele aus der Nachkriegszeit. Zwei davon seien hier angeführt: Die Vergewaltigung deutscher Frauen durch die Rote Armee und der Alliierte Luftkrieg. Sie konnten erst im vereinigten Deutschland nach dem Ende des Kalten Kriegs thematisiert werden. Auslöser der Aufarbeitung aber war nicht das Engagement der Intellektuellen, sondern die Zwangsläufigkeit der kollektiven Erinnerung. Der taktische Umgang mit der historischen Wahrheit hat diese beschädigt, und die zur Volksbelehrung angetretenen Intellektuellen entsprechend delegitimiert. Nun muss man dazu noch sagen: Die Themen waren zwar tabuisiert, aber sie waren nicht ausdrücklich verboten, und trotzdem wirkte es wie ein Verbot. Die Zensuranstalt der modernen Demokratie in Europa in Gestalt der Mehrheitsmeinung ordnet sich die Öffentlichkeit unter. Es ist eine Öffentlichkeit stillschweigender Vereinbarung, an die man sich hält. Man wird sich hüten, bestimmte Wahrheiten zu sagen oder gewisse Zustände anzuprangern, wenn man weiß, dass man dafür bestraft wird. Die Strafe besteht im Ignoriertwerden. Man wird übersehen, und das kommt einem Rufmord gleich. Zu den Grundprinzipien der Mediengesellschaft gehört: Wer nicht genannt wird, existiert nicht.

Um die Wirkung der gesellschaftlichen Tabus zu garantieren, und das ist das Neue am Geschehen, haben sich ausgerechnet in der zivilen Gesellschaft die Kontrolleure organisiert. Die zivile Gesellschaft hatte ursprünglich einen ganz anderen Zweck. Sie sollte die öffentliche Debatte über Unzulänglichkeiten der staatlichen Institutionen vorantreiben. Stattdessen baute sie immer weiter ihre eingetragenen Vereine aus, die sich mit der Aufsicht über die Einhaltung von Tabus beschäftigen. So wurde im Ergebnis auch in der Demokratie wieder die Frage gestellt: Darf man das? Diese Frage ist eine Bankrotterklärung der Demokratie. Man fragt nicht: Darf ich das? Man fragt: Darf man das?

Wo diese Frage auftaucht, hat der Opportunismus bereits gewonnen. Damit ist nicht nur das „Ich“ verloren gegangen, sondern auch der Sinn der Sache. Das macht den Denker zunehmend zum zögerlichen Spieler. Man beobachtet gelegentlich sogar, dass die Ängste vieler Intellektueller unverhältnismäßig groß sind, sie sind zum Teil nicht geringer als in der Diktatur. Dabei kommt man hier wegen der Meinungsäußerung wohl kaum ins Gefängnis. Aber Demokratie muss nicht mit Gefängnis drohen, sie droht mit dem Ausschluss. Wer unangenehm auffällt, der riskiert weniger Aufträge zu bekommen, kurzum er steht vor der Einkommensminderung. So hütet er sich, weil er vielleicht gerade ein Haus gekauft hat, und der Kredit abzubezahlen ist, nicht weniger vor einer Meinungsäußerung als in der Diktatur. Man muss ihm nicht den Mund verbieten, allein die Zusendung des Kontoauszugs und der kurze Blick auf die Kontobewegungen genügt, um ihm regelrecht Angst zu machen, um ihn in Panik zu versetzen. Man braucht keinen stalinistischen Schauprozess mehr, um den Intellektuellen einzuschüchtern, der Hinweis auf die Hypothek genügt.

Die Intellektuellen brauchen wieder ein Ethos

In unserer Gesellschaft hat man den Eindruck, man habe viel zu viel zu verlieren, und vergisst dabei, dass man auf das Meiste, was man verlieren könnte, durchaus auch verzichten kann. Es ist das Kalkül, das alles scheinbar begründen kann, was uns den guten Lebensplan zunichte macht. Wir irren uns nicht mehr, wir verspekulieren uns.

An die Stelle des Kalküls muss von Neuem das Ethos treten, damit der Intellektuelle wieder öfter zum Wort greift und das öffentlich macht, was die Gesellschaft wirklich beschäftigt. Dass die Bevölkerung nicht nur den Opportunismus schätzt, sondern, zumindest ab und zu, auch den Sinn für die Wahrheit, wird oft genug in Form von Überraschungsphänomenen deutlich. Ein Beispiel dafür wäre der Erfolg des Buches von Thilo Sarrazin.

Dieses Buch, sein Erfolg, ist auch ein Lehrstück darüber, dass man die Öffentlichkeit zwar manipulieren kann, sie aber damit noch lange nicht im Griff hat, auch wenn man den Einsatz der Wahrheit als Marketingfaktor zum Gebot gemacht hat. Das Unvorhergesehene ist noch möglich.

Wer aber die Wahrheit nicht mehr ausspricht, weil es auf sie ankommt, sondern weil er denkt, dass er so besser ankommt, macht sich selbst zum Clown. Er hechelt den Standards nach. Im Ergebnis haben wir eine Ideologie der Standards dessen, was „man“ denkt und sagt. Sie untergräbt die Werte. Das aber ist zu bedenken.

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