Flop oder Top

Twin Peaks ist ein wunderbarer, seltsamer Ort

Vor 30 Jahren startete „Twin Peaks – der Film“ in den deutschen Kinos. Lange galt David Lynchs Vorgeschichte zur gleichnamigen Kultserie als Flop – heute bewerten Kritiker den Film als Meisterwerk.
Sheryl Lee & Kyle Maclachlan Characters: LAURA PALMER, SPECIAL AGENT DALE COOPER Film: Twin Peaks: Fire Walk With Me (US
Foto: Imago | Worüber Laura Palmer (Sheryl Lee) im „Red Room“ mit Dale Cooper (Kyle MacLachlan) lacht, ist nur eines zahlreicher „Twin Peaks“-Geheimnisse.

Das Erste, was man in „Twin Peaks – der Film“ sieht, ist ein weiß-bläuliches Flackern: Der Filmvorspann setzt ein und erst nach einiger Zeit entpuppt sich dieses Flirren als ein Bilderrauschen in einem TV-Gerät, das wohl keinen Empfang hat. Begleitet von elegischen Jazz-Tönen lesen wir noch in weißen Lettern „Directed by David Lynch“, da weitet sich das Blickfeld und die Kamera zoomt heraus. Jemand zertrümmert mit einem Knüppel das Gerät. Es fliegen Funken, das Flackern erlischt. Dann ein markerschütternder Schrei.

„Viele akzeptierten erst später, dass Lynch kein Regisseur ist,
der sich um die Erwartungshaltung der Zuschauer kümmert “

Wer hier um sein Leben fleht, wird erst später aufgelöst. Was Regisseur David Lynch mit dieser Szene gleich zu Beginn klarstellen wollte? Verabschiedet Euch von den romantischen Geschichten, die Ihr aus Seifenopern im Fernsehen kennt! Verabschiedet Euch auch von der „Twin Peaks“-Nostalgie mitsamt dem „verdammt guten“ Kaffee und dem Kirschkuchen, an die Ihr Euch gewöhnt habt! Denn „Twin Peaks – der Film“ oder „Twin Peaks: Fire Walk With Me“, wie er im englischen Original heißt, erzählt zwar die Vorgeschichte der ABC-Serie, die von 1990 bis 1991 auf den heimischen Bildschirmen für Unterhaltung sorgte, Millionen in ihren Bann zog und das Format der Fernsehserie als solches revolutionierte – und ist jedoch etwas vollkommen anderes, als es die Mystery-Serie jemals gewesen ist.

In der Serie „Twin Peaks“, diesem wunderbar-seltsamen Hybrid aus Krimi, Seifenoper und Surrealismus dreht sich letztendlich alles um eine einzige Frage: „Wer hat Laura Palmer ermordet?“ Denn Laura Palmer, die 17-jährige Ballkönigin und beliebte Cheerleaderin, wird eines Morgens in der fiktiven und geheimnisvollen Kleinstadt Twin Peaks ermordet aufgefunden – und sowohl Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) als auch eine weltweit stetig anwachsende Kultanhängerschaft machten sich Woche für Woche gemeinsam auf die Suche nach Laura Palmers Mörder. Bis dieser auf Druck des Fernsehsenders von den beiden Co-Autoren Lynch und Mark Frost Mitte der zweiten Staffel offenbart wurde – woraufhin aufgrund der „Schlachtung der goldeierlegenden Gans“ (Lynch) die Quoten der Serie rapide fielen und ABC die Show schließlich absetzte.

Ein Horror

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Doch die Absetzung der Serie bedeutete nicht das Ende von „Twin Peaks“: Ohne seinen „Twin Peaks“-Co-Autoren Frost erzählte David Lynch in „Twin Peaks – der Film“ die Vorgeschichte zur Serie, in der Dale Cooper den Mord an eben jener Laura Palmer aufzuklären versucht. Zu Beginn ermitteln die beiden FBI-Agenten Chester Desmond (Chris Isaak) und Sam Stanley (Kiefer Sutherland) den Mord an der Jugendlichen Teresa Banks. Als Desmond während der Untersuchungen plötzlich verschwindet, übernimmt Dale Cooper den Fall. Beide Fälle scheinen zusammenzuhängen – beide Mädchen führten ein Doppelleben. Im Falle von Laura Palmer hieß das: liebreizende High School-Königin am Tag, verruchte Prostituierte bei Nacht. Drogenabhängig. Promiskuitiv. Und Lynch inszenierte den tragischen Niedergang eines Mädchens, der mit ihrem Tod endet und für viele Fans zu hart und zu brutal war.

Um es klar zu sagen: „Twin Peaks – der Film“ ist ein Horrorfilm. Ein harter Psychothriller mit teils schwer zu dechiffrierenden Mystery-Elementen. Die schrulligen Figuren und der groteske Humor – beides in der Serie noch zuhauf zu finden – sind zwar nicht ganz verschwunden, doch Lynch streut die komischen Elemente nur noch vereinzelt ein. Die Komik weicht einer immer größer anschwellenden Tragik, die einen am Ende fast erdrückt. Diese Andersartigkeit hört man an der Musik, die „Twin Peaks“-Veteran Angelo Badalamenti melancholischer inszeniert als noch in der Serie.

Laura Palmer wird von einem Engel erlöst

Dies sieht man auch in expliziten Szenen, in denen die Highschool-Schülerin Laura Palmer ihren Körper verkauft. Oder wenn David Bowies Figur Phillip Jeffries, ein verschollener FBI-Agent, ins Büro zu Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) und seinem Chef Gordon Cole (David Lynch) stolpert, das Bilderrauschen wieder einsetzt und Jeffries panisch gebietet, nicht von einer gewissen „Judy“ zu sprechen. Das ist kryptisch, das ist absurd - es ist aber vor allem Lynch in Reinform und in hohem Maße angsteinflößend.

Und doch haben das Grauen und das Absurde in „Twin Peaks – der Film“ nicht das letzte Wort: Denn es ist buchstäblich ein Engel, der zum Schluss des Films erscheint und das Opfer Laura Palmer von ihrem Leiden erlöst, um es in eine bessere Welt mitzunehmen. Ob gerade diese zutiefst religiös anmutende Szene dem Publikum von „Twin Peaks – der Film“ möglicherweise noch den Rest gab?

Ein einsames, trauriges und wunderschönes Mädchen

 

 

Sicher ist: Lynch wollte diesen Film realisieren – unbedingt. Nicht zuletzt, weil ihn die Produzenten ein Jahr zuvor zwangen, die Serie nach 30 Folgen zu beenden und das abrupte Ende, welches zudem noch ein Cliffhanger war, für viele Fans und Lynch selbst nicht befriedigend war. Im Film wollte er das in Ordnung bringen: Er wollte sich auf die Figur Laura Palmer konzentrieren, die in der Serie nur in Rückblenden oder im mysteriösen „Red Room“, einem Ort jenseits von Raum und Zeit, zu sehen war. Er wollte dem Publikum zeigen, was Laura Palmer für ihn bedeutete: Laura, das einsame, traurige, wunderschöne Mädchen mitten im dunklen Wald von Twin Peaks mit seinen majestätisch anmutenden Douglas-Tannen, das ins Licht will und diesem zunächst auch immer näherkommt, das dann aber nicht anders kann, umdreht und unter den Rufen der Eulen und dem sanften Rauschen des Windes für immer zwischen den Bäumen verschwindet.

Bis „Twin Peaks – der Film“ fertiggestellt war, vergingen nur neun Monate – Rekord für Lynch, dessen Eigensinn und Arbeitsweise in der Vergangenheit nicht selten zu Verzögerungen im Produktionsprozess führten. Der Film feierte am 16. Mai 1992 auf dem Filmfestival in Cannes, wo Lynch noch zwei Jahre zuvor für „Wild at Heart“ die Goldene Palme erhielt, Premiere – doch der Film fiel sowohl beim Publikum als auch bei der Presse durch. Angeblich sollen sogar Buhrufe gefallen sein, was Co-Autor Robert Engels jedoch bis auf den heutigen Tag vehement bestreitet. Die „New York Times“ schrieb gar, dass es sich zwar nicht um den schlechtesten Film aller Zeiten handle, es komme einem aber so vor. Die Vorwürfe: Lynch vernachlässige sein Publikum und lasse es absichtlich auf verworrenen Pfaden im Dunkeln tappen.

Bester Film der 2010er Jahre

Doch die Rezeption wandelte sich mit der Zeit: Denn viele akzeptierten erst später, dass Lynch kein Regisseur ist, der sich um die Erwartungshaltung der Zuschauer kümmert – diese Herangehensweise an Kunst und Schaffen stellte er auch mit der vor fünf Jahren erschienen, späten dritten Staffel der Serie, „Twin Peaks – The Return“, die auf dem US-Kabelfernsehsender Showtime und hierzulande bei Sky ausgestrahlt sowie von der Kritik stürmisch gefeiert wurde, zur Schau. Darin wendete er einen Kunstgriff an, der seinen 1992 erschienenen Film 25 Jahre später noch einmal aufwertete: Denn manches Geschehen im Film, das Anfang der 1990er-Jahre noch Unverständnis hervorrief und so manchem Kritiker bitter aufstießen ließ (beispielsweise, wer denn nun die mysteriöse „Judy“ sei, die David Bowies Charakter Phil Jeffries erwähnt), erhielt durch die dritte Serien-Staffel Erklärungen und somit auch Substanz.

Zufall, sagen manche – das kann er doch nicht alles geplant haben! Wer weiß? Denn auch das ist David Lynch: Jemand, der nicht endgültig zu entschlüsseln ist und mit „Twin Peaks“, der Serie und dem Film, etwas geschaffen hat, das nachwirkt und die Popkultur bis heute prägt. Übrigens: 2019 wählte das British Film Institute „Twin Peaks – der Film“ zum viertbesten Film der 1990er-Jahre – und die dritte „Twin Peaks“-Staffel von 2017 erkor das renommierte französische Filmmagazin „Cahiers du Cinéma“, bei welchem spätere Regiegrößen wie François Truffaut und Jean-Luc Godard als Filmkritiker anfingen, gar kurioserweise zum besten „Film“ der 2010er.

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