Feuilleton

T.S. Eliot: Die Welt vor Selbstmord erretten

Vor 50 Jahren starb der christliche Dichter T.S. Eliot – Er galt schon zu Lebzeiten als bedeutende ästhetische und moralische Instanz Von Clemens Schlip
Dichter T.S. Eliot (1888 -1965)
Foto: dpa | Modern, klassisch und katholisch: Der Dichter T.S. Eliot (1888–1965).

Vor 50 Jahren verstarb der Dichter und Literaturnobelpreisträger T.S. Eliot. Als einer der wichtigsten Lyriker des 20. Jahrhunderts hat er nicht nur die englische Dichtung nachhaltig beeinflusst. Sein 1922 erschienenes Langgedicht „The Waste Land“ („Das wüste Land“) ist vielleicht das einflussreichste Poem der modernen Literatur. In der englischen Literaturgeschichte wird er der Gruppe der „modernist poets“ zugerechnet, zu der etwa auch der mit ihm befreundete Ezra Pound gehörte. Ein „modernistischer Dichter“ also – in seinen kulturellen, religiösen und politischen Überzeugungen allerdings war Eliot ganz und gar nicht modern. Sein Credo definierte er einmal so: „Klassizist in der Literatur, Royalist in der Politik, und Anglo-Katholik in der Religion“. Wer war T.S. Eliot? Thomas Stearns Eliot wird am 26. September 1888 in St. Louis in Missouri (USA) als Sohn eines Bankiers geboren; er wächst als Mitglied der dogmatisch sehr liberalen „Unitarian Church“ auf. 1906 beginnt Eliot sein Studium an der Universität Harvard. Eliot besucht Kurse in zahlreichen Fächern, widmet sich hauptsächlich aber der Philosophie. In Harvard lernt er die Gedichte des französischen Symbolisten Jules Laforgue kennen, aus denen er die Handhabung des „freien Verses“ und die poetische Behandlung des modernen Großstadtlebens lernt. Ebenfalls folgenreich wirkt sich seine Lektüre der „Divina Commedia“ Dantes aus, der für ihn zeitlebens ein Leitstern bleibt. Von ihm lernt der junge Amerikaner nach eigenem Bekunden „die Pflicht, an der Entwicklung und Veredelung seiner Sprache zu arbeiten, die Weite des Empfindens“ und das „Europäertum“. Ab 1914 nimmt Eliot seinen Wohnsitz in Großbritannien, wo er nach Beendigung seiner philosophischen Studien schließlich als Bankangestellter arbeitet. Rasch macht Eliot sich als Dichter einen Namen, beginnend mit „The Lovesong of Alfred J. Prufrock“, der einen nie gehörten Ton in die englische Dichtung bringt: „Let us go then, you and I,/ When the evening is spread out against the sky/ Like a patient etherised upon a table“ („Komm, wir gehen, du und ich,/ Wenn der Abend ausgestreckt ist am Himmelsstrich/ Wie ein Kranker äthertaub auf einem Tisch“). Eliot ist befreundet mit führenden Vertretern der Avantgarde wie Virginia Woolf und Ezra Pound.

Unkonventionell verbreitet T. S. Eliot die Ideen des Christentums

1922 gelingt Eliot mit „The Waste Land“ der Durchbruch. Das komplizierte und voraussetzungsreiche Gedicht, das eindrücklich die Verkommenheit und Sinnlosigkeit der modernen Welt demonstriert, gelangt zu erstaunlicher Popularität. Noch stärker kommt die innere Leere des modernen Menschen in dem Gedicht „The Hollow Men“ zum Ausdruck; die „hohlen Männer“, das ist der spirituell ausgelaugte Gegenwartsmensch: „We are the hollow men/ We are the stuffed men/ Leaning together/ Headpiece filled with straw“ („Wir sind die hohlen Männer/ Die Ausgestopften/ Aufeinandergestützt/ Stroh im Schädel“). Ab 1925 ist Eliot Verlagsdirektor in dem einflussreichen Verlag Faber & Faber. Der „Papst von Russel Square“, wie man ihn ironisch, aber durchaus respektvoll nennt, wird eine der höchsten Instanzen im literarischen Leben der Insel. 1927 ist das entscheidende Wendejahr in Eliots Biographie: er wird Mitglied der anglikanischen Kirche, genauer: in deren „anglokatholischem“ Teil, der sich als den legitimen Vertreter der Katholischen Kirche in England versteht. Seine Konversion zu einem (seiner Ansicht nach) katholischen Christentum findet Ausdruck in dem Langgedicht „Ash-Wednesday“ (Aschermittwoch, 1930). Im christlichen Glauben findet Eliot den Ausweg aus dem „Wüsten Land“ einer glaubens- und grundsatzlos gewordenen Zivilisation.

1935 betritt Eliot die Theaterbühne mit einem religiösen Versdrama „Mord im Dom“, das als Auftragsarbeit für die Kathedralfestspiele in Canterbury entsteht. Das Stück stellt das Martyrium des heiligen Thomas Beckett dar, der als Erzbischof von Canterbury 1170 in seiner Kathedrale ermordet worden war, weil er die Rechte der Kirche gegen die Willkür des Königs verteidigt hatte. Das Stück wird ein großer Erfolg, und ist nach dem zweiten Weltkrieg auch in der Bundesrepublik lange eine beliebte Schullektüre. Wenngleich Eliot den Ideen des Christentums auf solche Weise weite Verbreitung verschafft, ist er sich bewusst, dass die westliche Welt insgesamt sich unaufhaltsam in eine falsche Richtung bewegt. Den Christen seiner Zeit ruft er deshalb zu: „Die Welt ist mit dem Versuch beschäftigt, eine Kultur ohne Christentum zu schaffen. Dieser Versuch wird nicht gelingen; aber wir müssen sein Scheitern mit Geduld erwarten und inzwischen die Zeitlichkeit erlösen: sodass der Glaube in den dunklen Jahrhunderten, die vor uns liegen, lebendig bleibt, um die Kultur zu erneuern und wieder zu bauen und die Welt vor Selbstmord zu erretten.“ Auch heute noch lesenswert sind seine Essays „Idea of a Christian Society“ (Idee einer christlichen Gesellschaft) und „Catholicism and International Order“ (Katholizismus und internationale Ordnung).

Nicht nur im religiösen Bereich sieht Eliot Fehlentwicklungen: Aus seiner Skepsis gegenüber der Demokratie macht er, der der Masse kein Denkvermögen zubilligt, nie einen Hehl; die Ideen der progessiven Erziehungsbewegung bekämpft er und verteidigt den Primat der humanistischen Studien vor technischer Ausbildung. Schon zu Lebzeiten muss er dafür starke Kritik auf sich nehmen. Doch seine Position als geistige und moralische Autorität leidet darunter nicht: Auf zahlreichen Vortragsreisen entfaltet Eliot seine Ideen. Mit dem Gedichtzyklus „Four Quartets“ (1943) krönt und beschließt er seine Laufbahn als Lyriker.

Seine vier weiteren Theaterstücke, die zwischen 1939 und 1958 entstehen, bleiben dagegen sprachlich und auch an dichterischem Gehalt leider weit hinter dem Meisterwerk „Mord im Dom“ zurück. 1948 erhält Eliot den Literaturnobelpreis. Im Vorjahr hatte Eliot in Rom Pius XII. in einer Privataudienz aufgesucht und vom Papst einen Rosenkranz als Geschenk erhalten. Am 4. Januar 1965 stirbt Eliot an den Folgen einer langwierigen Lungenerkrankung in London.

Sogar in einer päpstlichen Enzyklika wird Eliot zitiert

Zu seinen begeisterten Lesern außerhalb der im strikten Sinne literarischen Welt gehören Zelebritäten wie etwa Margaret Thatcher – und offensichtlich auch der emeritierte Papst Benedikt XVI.: eine der unzweifelhaft ratzingerianischen Passagen der 2013 erschienenen Enzyklika „Lumen Fidei“ zitiert Verse aus den von Eliot verfassten Chören des Festspiels „The Rock“ von 1934, dessen Erlös dem Kirchenbau in den Londoner Vororten dienen sollte. In der Enzyklika heißt es: „Wenn der Glaube schwindet, besteht auch die Gefahr, dass auch die Grundlagen des Lebens dahinschwinden, wie der Dichter T.S. Eliot mahnte: „Muss man Euch denn sagen, dass sogar so bescheidene Errungenschaften/ mit denen Ihr angeben könnt nach Art einer gesitteten Gesellschaft,/ kaum den Glauben überleben werden, dem sie ihre Bedeutung schulden?“ Die Zitation in einer päpstlichen Enzyklika ist vielleicht die höchste posthume Ehrung, die Eliot bisher zuteil geworden ist.

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