Bundestag

Troubadix für die Politik gesucht

Es ist eine Frage, die viele umtreibt: Wird es bald eine „Parlamentspoetin“ im Deutschen Bundestag geben? Vielleicht - doch ein Parlaments-Rapper wäre auch nicht schlecht.
Automatix & Troubadix
Foto: imago-images.de | Lesen, Schreiben und Reden halten ist Arbeit. Die einen haben dafür eine natürliche Begabung, die anderen lernen das früher oder später oder auch nie.

Katrin Göring-Eckardt, neue grüne Vize-Präsidentin im Bundestag, möchte gerne eine „Parlamentspoetin“ realisieren, wie sie stolz nach dem Treffen mit den „Initiator*innen“ dieser Idee berichtete. Die politischen Laien unter den Lesern mögen einwerfen, dass es wohl sinnvoller oder gar dringend nötig wäre, über einen Parlaments-Ökonomen oder -Demographen nachzudenken, anstatt sich die moderne Form eines Hofbarden zu leisten.

Ihnen sei gesagt, dass Sie einfach keine Ahnung haben, was so eine Parlamentspoetin – müsste man das nicht auch mit Gender*Stern schreiben? – leisten kann. Nämlich als „Irritation, als Störfaktor“ dienen, „Brücken bauen“, „Risse in unserer Gesellschaft heilen“, sowie „parlamentarische Diskurse, politische Debatten und Strömungen“ in Poesie und Prosa gießen, „die Politik poetischer und die Poesie politischer“ als auch „die sinnliche Welt des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Metaphernfindens, der Synästhesie in den Bundestag bringen“. Bei so viel Leistung wäre so ein Troubadix für die Politik sicher ein Schnäppchen.

„Vielleicht sollten die Abgeordneten dann aber besser die großen Reden der Weltgeschichte
und vor allem die griechischen Philosophen studieren, aus jener Zeit,
als Rhetorik noch eine große Kunst darstellte,
oder wenigstens einmal durch das Training eines britischen Debate Club gehen“

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Gut, es sollte eine Vorwarnung sein, dass das Zusammenspiel von Politik und Poesie zuletzt gerade in Berlin unter einem schlechten Stern stand. Oder erinnert sich keiner mehr daran, dass dort das harmlose Gedicht „Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“ des Poeten Eugen Gomringer als sexistischer Schund von der Fassade der Alice Salomon Hochschule gekratzt werden musste, weil es manchen aufgeregten Feministinnen als sexistisches Schmierenstück erschien, die Schönheit der Frau zu besingen?

Aber es wäre sicher spannend, wie man das neue Haushaltsdefizit von 160 Milliarden poetisch diskursiv in die sinnliche Welt des Fühlens und Schmeckens ästhetisch an den Mann, die Frau und natürlich alle anderen Geschlechter bringt.

Getanzte Gesetzesentwürfe als Politikvermittlung?

Wir sollen alle auch einfach dankbar sein, dass trotz bunter Ampelregierung und so vielen frischen modernen Ideen zur Bereicherung der Politik, zumindest die Gesetzesentwürfe immer noch in schriftlicher Textform eingereicht und nicht in erster und zweiter Lesung getanzt werden als neue Variante der Politikvermittlung.

Aber eventuell ist die Kunstform der Poesie grundsätzlich die falsche Idee, denn wer versteht heute noch etwas von Gedichten? Während sich meine Schuljahrgänge in der Oberstufe noch durch das komplette „Buch der Lieder“ von Heine quälten und ich dank meiner Deutschlehrerin der 8. Klasse bis heute das Gedicht „Ich saz uf eime steine“ des Walther von der Vogelweide, wenn auch inzwischen holpriger, in mittelhochdeutscher Aussprache zitieren vermag, kann ich mich nicht erinnern, dass man meine vier Kinder jemals mit Poesie in der Schule behelligt hätte. Wie soll ihnen also eine Parlamentspoetin als Übersetzungshilfe der Politik dienen?

In Kanada sollen die Politiker besser Reden lernen

 

Eventuell brauchen wir also eher einen Parlaments-Rapper. Hatte nicht Bushido bereits ein Parlaments-Praktikum hinter sich gebracht (das war, bevor er wegen Körperverletzung verhaftet wurde)? Na geht doch, damit hat er doch bereits mehr Berufserfahrung als so manches Fraktionsmitglied der Grünen. Die Idee vom Parlamentspoeten stammt aus Kanada, wo das Amt des „parliamentary poet laureate“ bereits 2001 eingeführt wurde. Dort heißt es, es ginge darum, dem Parlament das wahrhaftige, das schöne, das kluge Sprechen beizubringen. Vielleicht sollten die Abgeordneten dann aber besser die großen Reden der Weltgeschichte und vor allem die griechischen Philosophen studieren, aus jener Zeit, als Rhetorik noch eine große Kunst darstellte, oder wenigstens einmal durch das Training eines britischen Debate Club gehen.

So manches rhetorische Debakel am Mikrofon des deutschen Bundestages wäre uns dann sicher erspart geblieben. Wie war das noch einmal einst, als die SPD-Arbeitsminister Andrea Nahles ernsthaft das Pippi Langstrumpf-Lied „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ am Rednerpult des Bundestages intonierte? Dann doch lieber einen Rapper. Oder wenigstens Max Raabe. Oder am besten gleich TikTok-Videos.

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