Feuilleton

„Tolstoi ist unsterblich, weil seine Werke unsterblich sind“

Vladimir Tolstoi, Ur-Ur-Enkel des Dichters und Leiter der Gedenkstätte „Jasnaja Poljana“, über seinen großen Vorfahren und dessen Bedeutung heute. Von Oliver Maksan
Vladimir Tolstoi, Ur-Ur-Enkel des Dichters und Leiter der Gedenkstätte „Jasnaja Poljana“
Foto: Foto: | Vladimir Tolstoi, der Ur-Ur-Enkel des Schriftstellers

Graf Tolstoi, Ihr berühmter Ahn wurde im Kommunismus verehrt wegen seiner Ablehnung des Eigentums. War das eine unrechtmäßige Vereinnahmung?

Im Prinzip wollte keine Macht Tolstoi wegen seiner Ansichten, auch nicht die Diktatur der Bolschewiken. Denn keine Macht kann seine scharfen politischen, sozialen und religiösen Ansichten akzeptieren. Aber die Größe von Tolstoi war jedem politischen System bewusst, und jeder hat versucht, ihn den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Das war besonders deutlich zur Sowjetzeiten, als Lenin sieben oder acht Artikel über Tolstoi verfasst hat. Es war ihm sehr wichtig, aus Tolstois Ansichten Nutzen für die neue Macht zu ziehen. Tolstois Nachlass war so groß (90 Bände), dass ihn alle Seiten für ihre Parolen vereinnahmen konnten. Und alles, was kein Nutzen brachte, wurde beiseitegelegt. Die Bolschewiken haben Tolstois Gedanken von sozialer Ungerechtigkeit sowie seine Stellungnahme zur Kirche benutzt, weil sie Atheisten waren. Viele andere wichtige Gedanken wurden außer Acht gelassen. Heute wird Tolstoi aber auch nicht gemocht. Die Regierung unterstützt die Position der orthodoxen Kirche, benutzt Druck und Gewalt, die Tolstoi abgelehnt hat. Würde er noch leben, wäre er keine angenehme Person für den Staat. Aber solche Menschen wie Tolstoi sind unsterblich, weil sie unsterbliche Werke hinterlassen. Die heutige Regierung bevorzugt es jedoch, Tolstois Stellungnahme zum Staat außer Acht zu lassen.

Welche Bedeutung spielt Tolstoi heute in Russland? Ist er ein Klassiker, den keiner liest? Oder inspiriert er noch immer die russische Literatur?

Seinen Namen kennen alle – vielleicht kennen aber nicht alle seine Werke gut. Nach einer statistischen Erhebung lesen elf Prozent der Erwachsenen in Russland Tolstois Texte. Zum Vergleich: Puschkin wird von 13 Prozent gelesen. Aber das ist nichts Außerordentliches. Ich glaube, in jedem Land liest nicht mehr als 15 Prozent der Bevölkerung Texte der Klassiker. Tolstoi bleibt einer der größten Persönlichkeiten in der russischen Literatur. Wenn man Russen bittet, ein paar Namen russischer Klassiker zu nennen, wird die Reihenfolge genannt: „Puschkin, Tolstoi, Tschechow, Dostojewski“. Ob Tolstoi die moderne russische Literatur inspiriert? In dieser Hinsicht kann man nicht umhin, den Literaturpreis „Jasnaja Poljana“ zu erwähnen. Damit werden heutige russische Schriftsteller seit 2003 ausgezeichnet. Der Preis wurde vom Museum und Landgut „Jasnaja Poljana“ und Samsung Electronics gestiftet und wird in zwei Nominierungen zugesprochen: „Moderne Klassik“ und „21. Jahrhundert“. Damit werden Autoren ausgezeichnet, deren Werke die humanistische Tradition in Tolstois Prosawerken widerspiegeln mit den Idealen der Menschenliebe, Barmherzigkeit und Sittlichkeit.

Das Verhältnis Tolstois zur orthodoxen Religion war zwiespältig. Einerseits lehnte er die Kirche ab, andererseits bekannte er sich zur Lehre Christi in der Bergpredigt. Gibt es seitens der Orthodoxie noch immer Vorbehalte gegen Tolstoi?

Ja, der Konflikt zwischen Leo Tolstoi und der russisch-orthodoxen Kirche ist noch nicht gelöst, obwohl eine Seite dieses Zwiespaltes nicht mehr lebt. Tolstoi hat seine Stellungnahme zur Kirche zu seinen Lebzeiten geäußert, und kann dem nichts mehr hinzufügen. Aber die Kirche, die sich seit 1901 entwickelt hat, könnte heute ihre Ansichten revidieren. Es wäre nicht nötig, die Resolution des Heiligen Synods außer Kraft zu setzen, weil sie bereits veraltet ist. Die Kirche aber könnte eine neue Stellung gegenüber Tolstoi beziehen. Ihren Kindern erklären, dass Tolstoi kein Feind ist. Ja, manche Gedanken Tolstois sind für einen Orthodoxen unannehmbar – sowohl damals wie auch heute. Sie widersprechen den Dogmen der Kirche, ihren grundsätzlichen Postulaten. Aber der sich vor hundert Jahren irrende große Schriftsteller hat sich geirrt, weil er seinen Weg zu Gott suchte. Heute bietet er keine Gefahr für die Orthodoxen, die selbst in der Lage sind, in seiner Lehre Wahrheit von Irrtum zu scheiden. Die Kirche kann einige Auszüge aus Tolstois Werken nie annehmen. Aber es sind nur einige Auszüge aus seinem riesigen literarischen Erbe, die christliche Moral thematisieren – dazu gehören auch seine späteren Werke, seine „Volkserzählungen“, der berühmte „Tod des Iwan Iljitsch“ und „Hadschi-Murat“.

Ist die Rezeption Tolstois im Westen eine andere als in Russland selbst? Interessieren den westlichen Leser andere Aspekte als den russischen?

Wahrscheinlich, ja. Die Länder des Westens haben keine Erschütterungen und wesentliche Veränderungen im öffentlichen Leben und in der Wirtschaft erlebt wie Russland im Laufe der letzten 25 Jahre. Dank des ruhigen Lebens hat der Westen mehr Zeit für Literatur. Momentan steigt dort das Interesse für Tolstoi. Menschen, die in Russland leben, kümmern sich in der letzten Zeit viel mehr um ihr eigenes Leben und widmen viel Zeit der Lösung ihrer eigenen Alltagsprobleme. Und die meisten bevorzugen die modernen, in den Medien propagierte Formen des Kulturlebens. Ich glaube, je länger Russland stabil existiert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Interesse für Tolstoi wieder steigt.

Was macht Tolstoi zu einem Klassiker nicht nur der russischen, sondern der Weltliteratur überhaupt?

In erster Linie ist es das außerordentliche Können des Schriftstellers. Zweitens seine Kenntnis der menschlichen Natur. Eines meiner Lieblingswerke ist „Anna Karenina“. Ich bin entzückt, wie glänzend es in künstlerischer Hinsicht gemacht ist, wie genial – man kann es nicht anders sagen – dieser Text „gewoben“ ist, was für lebendige Figuren es dort gibt. Man versteht beim Lesen: diese Menschen sprechen und handeln ganz gemäß ihrer Natur, ihrem Charakter. In einem Kapitel dieses Romans bin ich ganz betroffen von den feinen Beobachtungen, in einem anderen von der Naturbeschreibung. Die Natur bei Tolstoi ist kein unpersönlicher Hintergrund, sondern ein Element, eine Kraft, die in vollem Klang mit dem Menschlichen steht. Wäre Tolstoi nur Schriftsteller gewesen, könnte man doch von seiner Genialität und seiner Größe sprechen. Der Maßstab seiner Persönlichkeit ist darum noch größer, weil er in ganz verschiedenen Lebenssphären eine unauslöschliche Spur hinterlassen hat. Der Ökologe, Bürgerrechtler, religiöse Denker und Pädagoge, Ankläger des Staates – alle diese Gebiete hat er im voraus tief erforscht. Daraus folgt die Wahrheitstreue seiner Werke, weil er sich nie über Dinge, die er nicht kannte, geäußert hat. Er hat sehr viel gewusst und versucht, es auch uns mitzuteilen. Deswegen ist Tolstoi so groß.

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