Berlin

Tagesposting: Von der Freiheit des Alters

Im fortgeschrittenen Alter wird man frei: frei vom Zwang sich einzufügen, frei vom Zwang eine ökonomische Existenz aufzubauen, frei von modischen Konventionen. Man kann, so Norbert Bolz, Sprachtabus brechen und eine Bewegung der vermeintlich Anständigen als das bezeichnen, was sie ist: ein Krampf.
Schriftzug Gender* auf DUDEN
Foto: Christian Ohde, imgo-imges | Ein sehr schlechter Scherz: "Gästin" oder auch "Bösewichtin" sollten demnächst im Duden zu finden sein. Norbert Bolz meint, diese "Lachnummer" sei nur noch durch Ignorieren zu ertragen.

Ich habe nie an die Weisheit des Alters geglaubt. Die moderne Welt wandelt sich so schnell, dass man mit den Lebenserfahrungen, die man vor Jahrzehnten gesammelt hat, heute kaum mehr etwas anfangen kann. Ich habe allerdings auch nie daran geglaubt, dass Altern ein Problem ist, obwohl es ganze Bibliotheken gibt, die versprechen, hierbei Abhilfe zu leisten. „What a drag it is getting old“, sangen die Rolling Stones. Rein physiologisch betrachtet ist das sicher richtig.

Aber die Klage ist doch unbegründet, denn die Gewinne, die das Alter bringt, wiegen die Leiden auf. Das wird gerade heute besonders deutlich. Um es auf eine Formel zu bringen: Freiheit wird vor allem durch das definiert, was man nicht tun muss. Diese Freiheit eröffnet sich in erster Linie den Pensionären und Rentnern. Sie brauchen keine Angst mehr zu haben vor der Zensur und der Inquisition der politisch Korrekten. Und in der Regel sind sie zu unbedeutend oder zu wenig sichtbar, um noch den Medienpranger fürchten zu müssen.

„Dass es eine ‚Bösewichtin‘ und eine ‚Gästin‘ gibt,
klingt wie ein sehr schlechter Scherz“

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Charakteristisch für einen freien Bürger sind Selbstvertrauen, Risikobereitschaft und der Mut, für die eigene Meinung einzutreten. Thomas Mann charakterisierte ihn einmal als „locker, tolerant, zweiflerisch“. Aber das zu leisten, ist heute schwieriger denn je, denn wer zweifelt, gilt heute als Leugner. Man riskiert sehr viel, wenn man bezweifelt, dass der Klimawandel „menschengemacht“ ist; wenn man bezweifelt, dass der Rechtsradikalismus eine ernsthafte Bedrohung für unsere Demokratie darstellt; wenn man bezweifelt, dass die Corona-Politik der Bundesregierung genau richtig ist. Und so fort. Den Mut, für die eigene Meinung einzustehen, können die Alten sehr viel leichter entwickeln als die Jungen. So erzählt Cicero, der Tyrann Peisistratos habe Solon gefragt, im Vertrauen worauf er ihm so tapfer widerstehe. Und Solon soll geantwortet haben: „Im Vertrauen auf mein Alter.“

Die Freiheit des Alters zeigt sich heute zum Beispiel darin, dass man den „Kampf gegen rechts“ als Krampf gegen rechts bezeichnen kann; oder dass man sich über die politische Korrektheit öffentlich lustig machen kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Die meisten Menschen aber müssen die Sprachtabus respektieren, Wörter vermeiden, die von den neuen Jakobinern auf den Index gesetzt wurden – und natürlich „gendern“. Das gilt in erster Linie für die Politik und die öffentlich-rechtlichen Medien, aber auch für die Bildungsinstitutionen. Vor allem die Schüler und Studenten müssen das Gendern lernen – so wie man die Sprache einer Besatzungsmacht lernt, um „durchzukommen“. Das gilt aber zunehmend auch für Wissenschaftler und Journalisten, die Karriere machen wollen. Überall herrscht die große Angst, nicht „woke“ genug zu sein.

Ein sehr schlechter Scherz

Was daraus resultiert, lässt sich kaum noch parodieren. Dass es eine „Bösewichtin“ und eine „Gästin“ gibt, klingt wie ein sehr schlechter Scherz. Es ist aber die todernst gemeinte Behauptung des Duden. Früher war er eine Autorität, heute ist er nur noch eine Lachnummer. Die Freiheit des Alters besteht darin, derartiges nicht mal zu ignorieren.

 

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