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Mein Leben als Persona non grata

Auftrittsverbot aufgrund von „Entfremdung“ von der Kulturszene. Von Guiseppe Gracia
Guiseppe Gracia
Foto: Archiv | Guiseppe Gracia ist Schriftsteller und Kommunikationsberater.

Seit 30 Jahren publiziere ich als Schriftsteller und bin Kolumnist für verschiedene Medien. Während der Zeit meiner Romane „Riss“, „Kippzustand“ und „Santinis Frau“ (1992 bis 2008) wurde ich regelmäßig zu literarischen Anlässen eingeladen, mit Förder- und Anerkennungspreisen ausgezeichnet und in den Feuilletons besprochen. Im Jahr 2011 trat ich meine Stelle als Mediensprecher des Bischofs von Chur an. Seither werde ich vom Literaturbetrieb gemieden, sei es von Veranstaltern, Kritikern oder Literaturverlagen. Wer für den Bischof von Chur arbeitet, muss mit der Exkommunikation aus dem Kreis genehmer Schriftstellerinnen und Schriftsteller rechnen. Dementsprechend wurde kürzlich von der Präsidentin eines Kulturvereins, die auch im nationalen Parlament für die Sozialdemokraten politisiert, entschieden, dass ich nicht an einem Adventsanlass in meiner Heimatstadt St. Gallen auftreten darf. Der Wirt, der für diesen Anlass sein Lokal zur Verfügung stellt, hatte mich für eine Lesung gebucht (Weihnachtsgeschichten). Das Auftrittsverbot wurde in einigen Medien dahingehend kommentiert, ich sei aufgrund meiner „Entfremdung“ von der Kulturszene inzwischen eine Persona non grata, ja ein „unbeliebter Autor“. Und natürlich ist es so, dass ich wohl für viele ehemalige Kultur-Kollegen mit meiner Arbeit fürs Bistum Chur das katholische Reich des Bösen vertrete. Ganz so, als wäre ich der Kommunikationschef von Kim Jong-un. Dagegen kann ich nichts machen, außerdem ist die Schweiz bekanntlich ein besonders demokratisches, freies Land. Hier dürfen alle in ihrer geistig-weltanschaulichen Echokammer verweilen, solange sie wollen. Das Ganze erinnert an mein neues Buch „Das therapeutische Kalifat“. Eine Passage daraus lautet: „Die weltanschauliche Toleranz unter Kulturschaffenden ist in etwa so ausgeprägt wie die Selbstlosigkeit in Hollywood. Wenn diese Kreise von Toleranz, Vielfalt oder Diversity sprechen, dann meinen sie die Vielfalt von Hautfarben, Nationalitäten und sexuellen Vorlieben. Sie meinen nicht die Vielfalt des Denkens und der Ideen. In der Abteilung Weltanschauung herrscht im Gegenteil eine geistige Monokultur.“ Nun durfte ich diese These sozusagen mit der eigenen Person empirisch prüfen und verifizieren. Und das Beste dabei ist, dass mir wieder einmal der Wert der Exkommunikation im kirchlichen Sinn klar wurde: Diese ist eine Beugestrafe mit dem Ziel, dass der Mensch, der vom Weg zu Gott abkommt, bereut und umkehrt, bevor es zu spät ist. Es wäre zu prüfen, ob die linksgrüne Variante der Exkommunikation aus der Literatur- und Kulturgemeinschaft wesentlich unbarmherziger ist – und unumkehrbar. Vielleicht teste ich es einmal aus, indem ich einen reumütigen antikatholischen Roman schreibe. Oder indem ich lyrische Hymnen zur Frauenordination und zum Recht auf Abtreibung komponiere. Poetische Verse, in denen offene Grenzen gepriesen, Israel und die USA verdammt sowie Gendervielfalt und Kopftücher besungen werden, vor dem Hintergrund eines progressiv-umweltbewussten, multikulturell-transhumanistischen Europa. Wer weiß, vielleicht winkt am Schluss noch der Literaturnobelpreis?

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