Berlin

Tagesposting: Corona lässt die Jogginghosen verrutschen

Die Politik macht mit dem Lockdown die Freiräume zur „Selbstdarstellung“ kleiner. Um gesellschaftlich wahrgenommen zu werden, schrecken viele Menschen nicht davor zurück, in den Sozialen Medien selbst Privates nach Außen zu kehren. Andere gieren geradezu danach, diesem Spektakel zuzuschauen. Das Gespür für Grenzen scheint abhanden gekommen.
Tagesposting: Riskante Existenz
Foto: Kathrin Harms | Der Autor ist Philosoph und Medienexperte.

Die Massendemokratie, in der wir leben, kann sich Gerechtigkeit nur in der Form von Gleichheit vorstellen. Gleichheit heißt aber Normalisierung, und deshalb wird unsere Orientierung in der Welt zunehmend von Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnungen bestimmt. Beruhigend ist dann immer die berühmte Gaußsche Glockenkurve der Normalverteilung und die Durchschnittlichkeit von Max Mustermann. Hin und wieder gibt es „Ausreißer“, aber die kann man in der Regel wegstreichen. Und was vielleicht auf den ersten Blick als spontane Handlung erscheinen mag, wird von den Soziologen rasch als erwartbares Verhalten entzaubert.

„Je konformistischer unsere Existenz ist,
desto größer wird die Sehnsucht nach ‚Selbstverwirklichung‘“

Doch es gibt auch einen Kampf gegen diese Nivellierung unserer egalitaristischen Gesellschaft. Je konformistischer unsere Existenz ist, desto größer wird die Sehnsucht nach „Selbstverwirklichung“, die höchst unterschiedliche Formen annehmen kann – zum Beispiel die Selbstdarstellung im Protest auf der Straße. Der Philosoph Thomas Hobbes hat das schon zu Beginn der Moderne „vain-glory“ genannt: das Begehren nach öffentlicher Anerkennung und Bewunderung.

Wer einmal in Homers Ilias geblättert hat, weiß, dass das antike Mensch-Sein im öffentlichen Hervorragen bestand. Diese Lebensform ist dann von dem christlichen Verbot der Exzellenz und des Stolzes hart getroffen, ja verdrängt worden. Doch wie alles Verdrängte kehrt auch das Begehren nach Bewunderung wieder, gleichsam als postmoderne Variante des antiken Selbstverständnisses: Ich bin, weil ich von anderen gesehen und gehört werde. Die Amerikaner sagen dazu: „I want to make a difference“, ich will einen Unterschied machen. Ich will eine Spur in der Welt hinterlassen – und sei es auch nur eine Glosse in der „Tagespost“.

Schamloser Exhibitionismus und Voyeurismus 

Daran kann man ermessen, wie groß der soziale Corona-Schmerz sein muss. Denn jetzt ist ja die Öffentlichkeit blockiert, und wir sind zurückgedrängt ins familiär Private. Wer Glück hat und philosophisch begabt ist, geht in seinen Garten und verwandelt ihn in den Garten des Epikur. Allen anderen bleibt nur die virtuelle Öffentlichkeit. Das ist die Welt der Klicks und Likes, die fröhliche Feier von Exhibitionismus und Voyeurismus in den sozialen Medien. Der amerikanische Rechtswissenschaftler Tim Wu hat das „exposure culture“ genannt, die Kultur des sich Exponierens. Das Begehren, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, wird überformt von der Schamlosigkeit, Privates in die Öffentlichkeit zerren. Weniges ist kennzeichnender für unsere Zeit als der Verlust des Gefühls für die Schwelle, die privat und öffentlich trennt.

Der berühmteste Spruch des Modeschöpfers Karl Lagerfeld lautet bekanntlich: Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Da Lagerfeld selbst Jogginghosen entworfen hat, darf man wohl vermuten, dass er meinte: eine Jogginghose in der Öffentlichkeit tragen. Er hatte das Glück, die neue Mode des Corona-Schlabberlooks nicht mehr erleben zu müssen. Und ein Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass es noch schlimmer kommen kann, als Lagerfeld befürchtete, denn viele haben auch schon die Kontrolle über ihre Jogginghose verloren.

 

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