Beziehungsarbeit

Synodales Beziehungs-Aus! Und jetzt?

Auch Minderheiten haben in der Kirche eine Chance verdient – 10 Tipps aus der psychologischen Werkstatt.
Unfallwarnung
Foto: dpa | Meistens taucht das Warndreieck erst nach dem Unfall auf.

Puh, das hatte gesessen. Ein Beziehungsaus aus dem Nichts. Plötzlich, unerwartet und ohne Vorankündigung. Das durfte doch nicht wahr sein! Nach deutscher Meisterschaft im vergangenen Jahr hieß es in der laufenden Saison nach anhaltender Erfolgslosigkeit plötzlich: Der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr. Die Konsequenz: Trainer raus!

„Auf alle Fälle: Mein Respekt, Maria 1.0 und anderen,
die ihre Minderheitenpositionen aus tiefgründiger Überzeugung anhaltend vertreten!“

Was beide Szenarien gemeinsam haben? Nach zunächst jahrelanger positiver Entwicklung kam es zum Totalschaden. Aus und vorbei! Die Beziehungen waren jeweils mit ehrlichen Motiven, hohen Erwartungen, vollem Einsatz und den besten Absichten eingegangen worden. Und dann doch einseitig aufgekündigt worden. Was nun?

Wenn es zum Crash gekommen ist, ist es nicht einfach, diesen unter die Füße zu bekommen. Hilfreich kann eine Schadensbegutachtung in der Werkstatt sein, das heißt, ich gestehe mir die Krise ein und blende sie nicht aus oder verdränge sie. Wie kam es zu dem Ganzen? Natürlich kann es unglückliche Entwicklungen geben. Wenn in einem wichtigen Spiel in der Nachspielzeit das entscheidende Gegentor durch einen abgefälschten Schuss fällt, ist nicht viel machen.

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Wurden Warnsignale übersehen oder ignoriert

Wenn eine Partnerschaft dadurch beendet wird, dass einer der beiden die Partnerschaft aufkündigt, ohne für die Partnerschaft zu kämpfen und dem anderen noch eine Chance zu geben, auch nicht. Manchmal geht es einfach ungerecht zu. Mich selber kann ich fragen: War ich mit zu hoher Geschwindigkeit unterwegs? Habe ich zu viel von meinem Gegenüber verlangt? Habe ich Warnsignale nicht ernst genommen oder ignoriert?

Die eine oder andere Krise lässt sich mit allen Beteiligten aufarbeiten, so dass die Beziehung – sei es eine berufliche oder private – doch noch fortgesetzt wird. Bei anderen Krisen gibt es keine zweite Chance. Dennoch ist es sicherlich hilfreich, sich mit der Krise auseinander zu setzen und nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen, so dass unverarbeitete Enttäuschungen, vielleicht Wut noch im Untergrund schlummern. Um den Wagen wieder instand zu setzen, können womöglich einige Werkstatt-Tipps helfen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben und auch nicht für jeden gleichermaßen zutreffend sein dürften. Konkret könnte eine Auseinandersetzung mit folgenden Fragen oder Themen stattfinden:

Wie weit geht die Selbsterkenntnis?

Erstens: Wie bin ich in eine Beziehung oder eine berufliche Tätigkeit gestartet? Was waren meine Motive, was war meine Grundhaltung, meine eigentliche Motivation? Ging es mir wirklich um das Wohl des der Partnerin/des Partners oder des Vereins, der Spieler oder letztlich doch um mich selber?

Zweitens: Kann ich eigene Schwächen und blinde Flecken erkennen und mir eingestehen? Brauche ich die Hilfe anderer dazu?

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Zum besseren Verständnis hilft ein Perspektivwechsel

Drittens: Andererseits, wie oben schon beschrieben: Ich muss mir nicht jeden Schuh anziehen und alles persönlich nehmen. Manche Entwicklungen hängen einfach mit Personen oder Umständen zusammen, die ich nicht beeinflussen kann und für die ich nicht verantwortlich bin.

Viertens: Inwiefern bin ich in Krisen kompromissfähig?

Fünftens: Wie sieht die ganze Situation aus Sicht meines Gegenübers aus? Durch einen Perspektivwechsel kann ich versuchen, empathisch nachzuvollziehen, was den anderen zu seiner Sichtweise motiviert bzw. was ihn geprägt hat und zu seinem Verhalten geführt hat.

Sechstens: Oft ist die aktuelle Störung nur das Symptom eines Problems, dessen Entstehung schon länger zurückliegt. Die eigentlichen Ursachen für den Konflikt sind andere. Wann und womit hat die Krise eigentlich begonnen? Was war am Anfang?

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Wichtig: eine sachliche und faire Kommunikation

Siebtens: Kann ich, insbesondere in einer Krise, sachlich und fair kommunizieren? Drücke ich mich so aus, dass ich nicht nur gehört, sondern auch verstanden werde? Andersherum: Gebe ich anderen im Gespräch eine Chance oder ziehe ich aus einem ersten Eindruck meine Rückschlüsse?

Achtens: Wie harmoniebedürftig bin ich? Kann ich unterschiedliche Meinungen aushalten?

Neuntens: Welche Ressourcen kann ich aktivieren, um nach einer Krise wieder Fahrt aufzunehmen? Wo sind intakte Beziehungen, eine gute Gesundheit, vielleicht ein aktives Hobby oder ausreichende Finanzen, die ich nach einem Crash aktivieren kann, um meinen Alltag aktiv und so gut es geht zufriedenstellend zu gestalten?

Zehntens: Was kann ich präventiv tun, damit sich das Ganze nicht wiederholt? Was kann ich in weiteren Beziehungen oder beruflichen Engagements anders machen?

Wie mit der Krise angemessen umgehen?

Jetzt ist Zeit für eine Probefahrt, um das Erkannte und Gelernte umzusetzen und um weiter voranzukommen. Da wir uns hier jedoch weder auf dem Terrain eines KFZ-Ratgebers noch eines Psycho-Magazins sondern bei einer katholischen Wochenzeitung befinden, kann zudem gefragt werden: Kann ich als gläubiger Mensch aus Gebet, Glaube, Gottes Wort und Gemeinschaft Kraft und Zuversicht bei persönlichen Krisen und für meinen weiteren Lebensweg schöpfen? Aber nicht nur für einzelne ist ein erfolgreiches Krisenmanagement wichtig, auch die Kirche kann gefragt werden: Kann die Kirche mit Krisen angemessen umgehen?

Mit den Augen des Protestanten

Beim Synodalen Weg ist mein Eindruck, dass die katholische Kirche nicht vor die Wand gefahren ist, dass jedoch ein unterschiedliches Verständnis dahingehend besteht, welche Koordinaten für den kirchlichen Weg maßgeblich sind. Zwei Anmerkungen dazu von mir als evangelischem Zaungast, eine persönliche und eine psychologische: Durch einzelne aus der katholischen Kirche ist mir online durch Predigten, Referate und Texte eine tiefgründige Frömmigkeit, ein echter Glaube mit inspirierender Ausstrahlung begegnet. Richtig gut, mehr davon!

In der Psychologie gibt es die Theorie des sozialen Wandels durch Minoritäten. Demnach kann das dauerhafte, friedliche Austragen von Konflikten dazu führen, dass die Minderheit die Mehrheit beeinflusst, so dass es zum sozialen Wandel kommt. Übertragen auf den Synodalen Weg hieße dies, dass Meinungen einer Minderheit auf Dauer durchaus mehrheitsfähig werden könnten. Wobei wir ja im Bereich der Kirche letztlich nicht auf psychologische Wirkfaktoren vertrauen, sondern auf einen göttlichen. Auf alle Fälle: Mein Respekt, Maria 1.0 und anderen, die ihre Minderheitenpositionen aus tiefgründiger Überzeugung anhaltend vertreten!

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Daniel Reichwald Katholische Kirche Krisenmanagement

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