HAYERS HORIZONTE

Symbole verschleiern die reale Welt

Wofür sollen wir uns nächste oder übernächste Woche schämen? Die Diskurse im Cancel culture-Zeitalter drehen sich im Kreis.
LGBTIQ-Brille
Foto: DPA / John Stillwell | Wer die Welt ausschließlich mit der aufgesetzten Symbolik beispielsweise einer „Regenbogenfahne“ betrachtet, verliert den Blick für die „Natur der Sache“.

Wer trägt die strittige Armbinde und wer schweigt bei der Nationalhymne? Wer benutzt das Gendersternchen und wer streicht noch rechtzeitig alle Wörter aus Abenteuer- und Jugendromanen, die noch koloniale Assoziationen hervorrufen könnten? Wer entfernt schnell genug am besten sämtliche Winnetou-Filme aus seinem Programm? Und wofür sollen wir uns nächste oder übernächste Woche schämen? Wer sich kritisch mit der Cancel culture beschäftigt, kann inzwischen ein bis zweimal pro Monat dieselben Texte aus der Schublade holen und lediglich die Nomen ersetzen, weil sich der Diskurs und Meta-Diskurs beständig im Kreis dreht. Das ewige Gravitationszentrum: Die Symbole und Zeichen. Wer sie ändert oder dekonstruiert, so der Glaube, modifiziert auch unsere Geisteshaltung.

„Vom Wort zum Akt ist es nicht weit,
dazwischen befindet sich jedoch noch ein kleiner Abstand,
der uns daran erinnern sollte, ,auf dem Boden zu bleiben‘“

Aber ist das so? Zurück geht diese Vorstellung auf die sogenannte poststrukturalistische Wende. Sie sorgte dafür, das wir anfingen, unsere Kommunikation auf Spuren ideologischer Altlasten hin zu untersuchen. Zurecht wiesen Intellektuelle wie Judith Butler in den 90er Jahren darauf hin, dass Sprache mitsamt ihren Beiklängen und subtiler Anspielungen immerzu unser Bild von Wirklichkeit zu prägen weiß. Gerade als Literatur- oder Sprachwissenschaftler kann man diese Ansicht eigentlich gar nicht genug feiern, lehrt sie doch, wie sensibel wir mit unseren Formulierungen und Texten umgehen sollten. Verletzungen sind, das wissen wir auch aus dem Privaten, oft unversehens in Welt und damit bisweilen auch nur langsam wieder zu heilen. Diese Erkenntnis erweist sich damals wie heute als wichtig.

Und doch hat das aufmerksame Bewusstsein für unsere Zeichenebene, wozu mitunter auch Bilder und andere performative Ausdrücke gehören, perverse Züge angenommen. Man fühlt an sich an Jean Baudrillards Simulakrum erinnert, wonach Zeichen eine eigene Realität hervorrufen, welche die ,echte‘ zunehmend ersetzt. Wo rührt aber diese Überbewertung des Vordergründigen und Sichtbaren her? Neben einer allgemeinen Veroberflächlichung gesellschaftlicher Debatten dürfte auch die Digitalisierung ihren Anteil daran haben, da unsere Smartphones allesamt von Bildern und Schriftzeichen leben.

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Umkehren kann man diesen Prozess nicht, aber unser Denken und allen voran unser Handeln vermögen wir zu ändern. Wer bei fehlenden Armbinden Tobsuchtsanfälle bekommt, sollte sich zwei Fragen stellen: Was tue ich für Menschenrechte und was tut eigentlich der Fußballer mit seinem astralen Einkommen für Menschenrechte? Wer sich über möglicherweise koloniale Terminologien in kulturhistorischen Dokumenten und Werken ärgert, sollte sich folgende Frage stellen: Was tue ich im Alltag gegen Rassismus?

Sprache manipuliert die Wahrnehmung der Realität, schafft sie aber nicht

Aus der heutigen Rückschau täte man gut daran, das Credo von der wirklichkeitskonstituierenden Sprache etwas zu korrigieren: Sie kann Realität massiv beeinflussen, gewiss! Aber sie kann sie nicht schaffen. Vom Wort zum Akt ist es nicht weit, dazwischen befindet sich jedoch noch ein kleiner Abstand, der uns daran erinnern sollte, ,auf dem Boden zu bleiben‘. Denn allzu leicht scheinen wir in der Gegenwart abzurutschen und im freien Fall unseren Kopf zu verlieren. Am Ende kann uns nur eine materielle Hand auffangen und nicht das wohlfeile Wort.

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