Streit um die Kirchenmusik

Welche Musik ist für Gottesdienste geeignet? Wenn Wort und Ton zusammenspielen, kann es auch Popmusik sein. Von Barbara Stühlmeyer

Fehlentwicklungen in der musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten sind keine Erfindung unserer Tage. Ein wichtiges Faktum, an das zu erinnern notwendig ist. Denn beim Nachdenken über die Frage, welche Musik für den Gottesdienst geeignet ist, haben einige offenbar das Gefühl, dass es ausschließlich der Bereich der Popmusik ist, an dem sich die Kritik entzündet. Dass dieser Eindruck täuscht, zeigt ein Blick in die Geschichte der Irrwege und Korrekturen im Bereich der Kirchenmusik.

Als das Konzil von Trient tagte, standen viele wichtige Themen auf dem Programm. In den Jahrzehnten nach der Reformation ging es zum einen um Selbstvergewisserung, um die Hoffnung auf eine mögliche Einigung der gespaltenen Christenheit und natürlich um die Feier des Gottesdienstes. In musikalischer Hinsicht galt es hier, einige gravierende Fehlentwicklungen zu korrigieren. Denn die Musik hatte sich in der Zeit vor dem Konzil an vielen Orten verselbstständigt. Der Grund für diese Entwicklung liegt in dem Drang zu künstlerischer Entfaltung. Er ist an sich gut, führt bei einigen Musikern aber dazu, dass sie sich an vorgegebenen Ordnungen zu stoßen beginnen. Von ihren Ideen beflügelt, schweben sie leichthin über Grenzen hinweg und landen ehe sie sich besinnen in Gefilden, die mit dem Ort, von dem aus sie gestartet sind, kaum noch in Verbindung stehen. So geschehen beispielsweise bei den isorhythmischen Motetten.

Diese Kompositionen sind so komplex, dass der liturgische Text, dessen Klangleib sie eigentlich sein sollen, nicht mehr verstanden werden kann. Dies liegt unter anderem auch daran, dass diese Motetten oft einen weltlichen Cantus firmus, also einen gar nicht liturgiegeeigneten Text zur Grundlage haben, sodass verschiedene Texte gleichzeitig erklingen, was die Textverständlichkeit noch mehr erschwert. Die Konzilsväter reagierten auf diese Fehlentwicklung, indem sie das Gespräch mit solchen Musikern suchten, denen die Einhaltung liturgischer Ordnungen als Quelle der Inspiration galt. Einer von ihnen war Giovanni Pierluigi da Palestrina. Der Stil seiner Musik wurde deshalb prägend für die Musik nach dem Tridentinischen Konzil.

Streit um die Kirchenmusik gab es auch am fürstbischöflichen Hof in Salzburg. Denn der Hirte des Bistums hatte seinem Musiker, Wolfgang Amadeus Mozart, dringend nahegelegt, seine Kompositionen für die Eucharistiefeier so zu gestalten, dass sie den Rahmen des Gottesdienstes nicht sprengten.

Der Komponist hielt dies für eine Zumutung. Er glaubte, ein Recht auf die freie Entfaltung seines Genies zu haben und fand es enervierend, sich den liturgischen Erfordernissen beugen zu müssen. Vorgegebene Rahmenbedingungen werden nicht von allen künstlerisch begabten Menschen als inspirierend erlebt. In der Liturgie ist ihre Einhaltung aber notwendig. Und dies betrifft alle Bereiche der heiligen Feier, ganz egal, ob es sich dabei um das Anspiel einer Kindergruppe, die Predigt oder die Wahl der Musik handelt. Das Beispiel der Auseinandersetzung zwischen Wolfgang Amadeus Mozart und dem Salzburger Erzbischof zeigt aber deutlich, dass die Grenzen des Machbaren im Laufe der Geschichte immer wieder neu austariert werden müssen.

Eine Kontroverse um die Kirchenmusik gab es auch im Zuge der Liturgiereform während des Zweiten Vatikanischen Konzils. Eine ganze Reihe von Kirchenmusikern fühlte sich durch die Forderung nach einer konsequenten Umsetzung der Participatio actuosa in ihrem kreativen Wirken eingeschränkt. Vor allem die Tatsache, dass die überlangen Messkompositionen nun im Gegensatz zu den Erfordernissen der Liturgie standen, empfanden sie als sehr schmerzlich.

Denjenigen, die mit der nachkonziliaren Liturgie und ihren Möglichkeiten aufgewachsen sind, erscheint dies unverständlich. Denn „Sacrosantum concilium“ nimmt die Musik in der Liturgie in einem tiefgreifenden Sinne ernst. Das Kyrie, das Gloria, den Antwortgesang zu singen, ist nicht schöne Umrahmung, es ist Liturgie. Das ist wundervoll, herausfordernd – nicht mehr und nicht weniger als eine Gnade. Und deshalb gab es auch Priester und Musiker, die es als Chance sahen, sich an den untrennbaren Zusammenhang zwischen liturgischer Feier und sakraler Musik zu erinnern, wie er im gregorianischen Choral so vorbildlich verwirklicht ist.

In einer Gemeinde in Bremen nutzten Pfarrer Heinrich Schepers, der in Rom im Fach Liturgiewissenschaft promoviert hatte, und sein Kantor Karl Friedrich Ascher die Gelegenheit, um eine neue Vertonung des Ordinariums zu texten und zu komponieren. Die aus ihrer Zusammenarbeit entstandene Jazzmesse war liturgiegerecht und in ihr hatten Chor, Solisten und Gemeinde ihre je eigenen Rollen. Die Einstudierung, für die sich die Gemeinde über mehrere Wochen hinweg jeden Sonntag 20 Minuten Zeit nahm, wurde zu einem Generationen verbindenden Projekt, an dem alle Freude hatten.

Das Beispiel zeigt: Bei der Debatte um liturgiegerechte Musik geht es nicht darum, einen bestimmten musikalischen Stil durchzusetzen. Es geht immer um dieselbe Grundfrage: Ist der Text für eine Wiedergabe im Gottesdienst geeignet, ist das Wort-Ton-Verhältnis stimmig und ist das jeweilige Werk in Kongruenz mit den Erfordernissen des jeweiligen liturgischen Orts, also der Ordinariums- oder Propriumsteile. An diese Parameter zu erinnern ist wichtig. Denn wer die liturgische Ordnung aus Unkenntnis zerstört, nimmt denen, die an der Liturgie partizipieren, die Erfahrung ihres heiligenden und damit auch heilenden Aspektes.

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