Sting

Sting als spiritueller Brückenbauer

„The Bridge“: Der britische Sänger und Songwriter Sting meldet sich mit einem neuen Album zurück aus dem Lockdown.
Sting, britische Sänger und Songwriter
Foto: IMAGO / CTK Photo

Anfang Oktober ist der britische Sänger und Songwriter Sting 70 Jahre alt geworden, nun hat er ein neues Album vorgelegt, das den ebenso schlichten wie prägnanten Titel „The Bridge“ trägt. Je nach Edition sind es 10, 13 oder 14 Songs, die während des Lockdowns komponiert und aufgenommen wurden und die, wie bei dem früheren Englisch-Lehrer mit der geballten katholischen Sozialisierung üblich, nicht nur musikalisch, sondern auch textlich einiges zu bieten haben.

So schaut Sting, der in Newcastle als Sohn eines Milchmanns und einer Friseurin zur Welt kam, in den Songs “Harmony Road“ und „Waters of Tyne“ etwas nostalgisch zurück auf seine bescheidene Herkunft. In den Songs „If it?s love“, „Loving You“ und „For Her Love“ untersucht er – nicht zum ersten Mal – die heilenden und fordernden Nebenwirkungen der Liebe. Die christliche Prägung ist unüberhörbar: „Wir haben in der Kirche ein Gelübde abgelegt / Die Sünden des anderen zu vergeben.“

„In einer Zeit, da viele Menschen zu Hysterie neigen, zeigt Sting mit „The Bridge“,
wie man besonnen bleiben kann, menschlich und spirituell, um Brücken zu bauen“

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Sünde, Schuld, Vergebung und wieder Sünde? Dieses schon von Graham Greene, mit dem Sting den Geburtstag teilt, beherrschte katholische Reim-Schema wird auch in dem Song „The bells of St. Thomas“ erkennbar, in dem Sting, der eigentlich Gordon Matthew Thomas Sumner heißt, von einem Mann erzählt, der nach einem „one-night-stand“ im belgischen Antwerpen über ein Rubens-Gemälde des Ungläubigen Thomas sinniert und sich selbst mit den abgebildeten Personen in Beziehung setzt:

„Ich gehe zur Kirche, obwohl sie inzwischen leer ist
Das Dach wie ein umgestürztes Schiff, und ein Bug
als Kanzel, und da steht er an der Wand
Der heilige Thomas, der für uns alle die Wunden untersucht.“

Hemmungslose Nutzung religiöser Metaphern

Dabei geht dem sensiblen Ehebrecher das Geheimnis der Wundmale Christi neu auf:

„Die Wunden, die wir alle teilen
Und doch brauchen wir den Beweis
Du kannst deine Gleichgültigkeit vortäuschen
So tun, als wärst du distanziert
Aber die Wunden, die wir leugnen, sind immer noch da
Und die Glocken von St. Thomas beginnen wieder zu läuten.“

Wenn die Barmherzigkeitslehre des derzeitigen Papstes noch einer anschaulichen künstlerischen Darstellung bedurfte – hier ist sie. Und dass Sting dem Gemälde im Booklet des Albums einen Ehrenplatz spendiert, spricht für sich selbst.

Überhaupt hat Sting auch auf „The Bridge“ keine Hemmungen, wenn es darum geht, religiöse Metaphern zu gebrauchen: „heaven“, „heaven?s gate“, „forgiveness“ und „hell“, „devil“ und „curse“. Sting erweist sich erneut als außerordentlich bibelfester Popstar. Zum Beispiel auch in „The book of numbers“: hier lässt Sting den Erfinder der Atombombe, J. Robert Oppenheimer, den er bereits 1985 im Song „Russians“ poetisierte, als ruheloses Gespenst durch die Wüste Neu-Mexikos streifen und ihn vom alttestamentarischen Buch Numeri absorbiert sein, das Sting, der großes Interesse an den Werken Werner Heisenbergs und E.F. Schumachers hat, als Grundlage der Mathematik und Wissenschaft deutet.

 

Großes Interesse an Okkultem

In „The Hills on the border“ hat das lyrische Ich an der nebeligen Grenze zwischen England und Schottland eine Begegnung mit einer nicht weniger mysteriösen Gestalt, einem Fremden, der hellsichtige Fähigkeiten besitzt:

„Er setzte sich an den Straßenrand
Als der Nebel sich um ihn legte
Holt ein paar Karten aus seiner Tasche
Die er auf dem Boden ausbreitete
Er sagte: ,Diese Karte ist eine Frau
Du wirst sie lieben, aber nicht besitzen
Und diese Karte ist ein Mann, den du töten wirst
Aber du wirst es nie zugeben‘“

Dabei verweist Sting in der Reflexion über den Song auf die seltsamen Gestalten, welche die Hügel bewohnen: „Schattenwesen, die zwischen den Welten der Lebenden und der Toten gefangen sind. Trickbetrüger, Gespenster, Erscheinungen und ihre okkulten Geschäfte – Geschäfte, die sie mit dem ahnungslosen Reisenden abschließen.“ Typisch Sting, könnte man sagen, denn für okkulte Phänomene hat sich der Brite, dem selbst Gespenster erschienen sein sollen, stets interessiert. Ebenso für esoterische Zukunftsprognosen und die Integration des Schattens nach der Methode C.G. Jungs.

Es fließt eine Menge Wasser

Was sich ebenfalls in reichem poetischem Maße auf dem Album befindet, ist das Element Wasser. Wie Sting selbst weiß: „Apropos Wasser: In diesem Album fließt eine ganze Menge davon: reinigend, säubernd, heilend: in Form von Regen und ,Rushing water‘ und gerechten Tränen. Wasser als Sakrament, als Therapie – die eigentliche Essenz des Geistes, und klar wie Kristall.“

In dem Song “Rushing water“ findet sich – neben einem Hinweis auf den Propheten Jona – ein interessanter theologischer Ausdruck: es wird von Sting nicht der christliche „Sohn Gottes“, also Jesus, ins Spiel gebracht, sondern „God's own daughter“.

„Das ist das Geräusch von rauschendem Wasser
Das mein Hirn durchflutet
Das ist der Klang von Gottes eigener Tochter
die deinen Namen ruft.“

So ungewöhnlich diese Bezeichnung für Christen der westlichen Sphäre auch ist, in der orthodoxen Kirche wird so der Heilige Geist bezeichnet, der dem Gläubigen durch die Taufe verliehen wurde. Er drückt das weiblich-sanfte Element der Dreieinigkeit aus. Diesen Aspekt des Songs hat Sting in einem „Tagesspiegel“-Interview aber geschickt relativiert, indem er seine Gewohnheit des morgendlichen Bads erläuterte. Mit der ihm eigenen provozierenden Ironie präsentierte Sting sich als spirituell autonomer Schwimmer: „Es ist eine Art Taufe. Ich taufe mich quasi selbst. Jeden Morgen wache ich auf, und springe in das kalte Wasser. Das Schwimmen darin ist meine Therapie.“

Er hatte viel Zeit, um zu reflektieren und zu arbeiten

In Interviews berichtet Sting aber auch von der Art und Weise, wie er die Ausnahmesituation des Lockdowns erlebt hat – als eine Zeit verstärkter Selbstreflexion und disziplinierter Arbeit im Studio. Den Album-Titel „The Bridge“ erklärte er mit der außergewöhnlichen Lage während der Pandemie: „Ich glaube, das Thema des Albums ist, Brücken zwischen Trennungen zu bauen. So habe ich nicht angefangen – ich habe einfach nur Songs geschrieben – aber irgendwann im Prozess habe ich gedacht: ,Oh, darum geht es hier‘.“

Dass die Pandemie noch nicht vorbei ist, bestreitet Sting nicht. So gibt er gegenüber der „Los Angeles Times“ zu Protokoll: „Ich bin ein großer Befürworter von Impfstoffen. ... Daran hatte ich keinen Zweifel. Ich bin alt genug, um mich an die Kinderlähmung zu erinnern – Kinder in meiner Straße, die durch eine Krankheit verkrüppelt wurden, die durch Impfstoffe sehr schnell ausgerottet wurde. Ich habe mit Leuten, die an der Wirksamkeit der Impfstoffe zweifeln, nichts zu tun.“ Im Booklet des Albums schreibt der Stigmata-sensible Sting dazu noch die nachdenklich machenden Worte: „Vielleicht ist die Liebe also wie ein Impfstoff, der eine Krankheit nachahmt, das Serum, das uns heilen kann.“

Besonnenheit in Zeiten der Hysterie

In einer Zeit, da viele Menschen zu Hysterie neigen, zeigt Sting mit „The Bridge“, wie man besonnen bleiben kann, menschlich und spirituell, um Brücken zu bauen. Auch Brücken zwischen Licht und Schatten, die in jedem Menschen vorhanden sind und die man nicht einseitig verdrängen darf, weil sonst leicht der Nächste stigmatisiert wird. Ein empfehlenswertes Album und ideales Weihnachtsgeschenk in fragiler Zeit, da die Vergänglichkeit den Menschen neu vor Augen steht.

Dass „The Bridge“ eines Corona-freien Tages noch mit richtigem Schlagzeug produziert wird, um den jetzt lediglich mit einem Drum Computer eingespielten Songs noch mehr Kraft und Natürlichkeit zu geben, bleibt zu hoffen. Doch: das war wohl aufgrund der Einschränkungen in den Musikstudios nicht anders möglich. Offensichtlich hat der Perfektionist Sting, der diesmal auch zum Synthesizer greift, ein musikalisches Opfer gebracht. Vorbildlich.

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