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Starkes Denken

Die Katholische Hochschule ITI lud zum Thomas-Fest.
Thomas
Foto: Gediminas Dundulis | Der heilige Thomas hat seine Referentin stets im Blick.

Ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ So lautet das Evangelium für den Festtag des heiligen Thomas von Aquin. Man könnte es für feinsinnige Ironie halten, dass die Kirche diesen Text ausgerechnet für den Tag gewählt hat, an dem sie eines ihrer größten Lehrer gedenkt, den sie allen Theologiestudenten ausdrücklich als anleitenden Magister empfiehlt.
Auf eben diesen scheinbaren Widerspruch geht Prof. Wolfgang Klausnitzer, Rektor der Hochschule Heiligenkreuz, bei seiner Predigt anlässlich des besagten Festtages ein, gehalten in der Kapelle des Schlosses Trumau, welches zugleich die Katholische Hochschule ITI beherbergt. Um die Aussage Jesu richtig einzuordnen, müsse man, so Klausnitzer, ihren Kontext beachten.

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Sie fällt im berüchtigten 23. Kapitel des Matthäusevangeliums, in dem Jesus mit voller Wucht gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer vom Leder zieht: „Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen und haben? gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden.“

Das klare Denken

Es geht Jesus also darum, dass man sich nicht über andere erhöhen soll, dass man sein Wissen und seinen Stand nicht zur persönlichen Ehre, sondern zur Ehre Gottes verwenden soll. Klausnitzer: „Im christlichen Kontext kann einer nur als Lehrer oder Meister gelten, wenn er durchsichtig wird, auf Christus hin, wenn er sich selbst nicht wichtig nimmt, wenn er ein Sprachrohr Jesu Christi wird. Und damit sind wir jetzt bei Thomas.“

Im Anschluss an die Messe begibt sich die Versammlung in den Festsaal des Schlosses, um dem eigentlichen Festvortrag zu lauschen. Eingeleitet wird dieser durch Dr. Bernhard Dolna, den Rektor der Hochschule, der darauf hinweist, dass sich das Leben des heiligen Thomas nicht durch aufsehenerregende Taten auszeichnete, sondern dass es dem Kirchenlehrer vor allem auf das innere Richtigsein angekommen sei.

Auf Thomas' Spuren 

Nach den beiden älteren Herren bringt Schwester Emmanuelle Borchardt eine frische Brise auf die Rednerbühne. Die kürzliche Absolventin der Hochschule und derzeitige Doktorandin an der Theologischen Fakultät Fribourg widmet sich dem Thema: „Thomas von Aquin: Die Kunst des klaren Denkens zur Heilung einer verrückten Welt“. Jeder, der schon einmal einen Vortrag über die Theologie des Aquinaten gehört hat, weiß, dass sich der Vortragende dabei vor zwei Fallen hüten muss, nämlich den Vortrag entweder so kompliziert zu gestalten, dass ihn so gut wie niemand versteht, oder aber den Inhalt soweit herunterzubrechen, dass man seinen Zuhörern kaum etwas Neues bietet. Die erste Falle umgeht Schwester Emmanuelle souverän, an der zweiten schrammt sie knapp vorbei.

Vielleicht ist es aber auch nicht zwingend notwendig, stets neue Erkenntnisse zu einem Mann liefern zu wollen, der bereits seit Jahrhunderten intensivst erforscht wird. Der Titel des Vortrags, der an das berühmte Buch von Rolf Dobelli erinnert, lässt bereits erahnen, dass es vor allem um eine persönliche Hilfestellung geht: „Heute Abend wollen wir uns ein bescheidenes Ziel setzen: Wir wollen in Thomas' Fußstapfen treten und versuchen, in unserem eigenen Leben klarer zu denken, uns den Problemen zu stellen, die uns beschäftigen“, erläutert Schwester Emmanuelle.

Es gehe um die Erziehung zum „starken Denken“, eine Formulierung, bei der sie sich auf eine Ansprache von Papst Franziskus bezieht, in der dieser erklärt hatte: „Genau das ist das Drama der Postmoderne: das schwache Denken.“ Der Hinweis auf die „verrückte Welt“ im Titel passt hervorragend dazu. Das Wort „verrückt“ bedeutet ja nichts anderes, als dass etwas im Kopf, also im Denken, an die falsche Stelle gebracht wurde. Dem kann aber durch Training, durch Stärkung, durch Zurechtrücken abgeholfen werden.

Wirklichkeit bleibt

Einer Kultur, die glaubt, durch Veränderung von Sprache Wirklichkeit verändern zu können, lässt sich Thomas als Arznei verordnen, denn dieser hatte erkannt, dass Wahrheit in der Übereinstimmung von Denken und Sein besteht, dass wir unseren Verstand der Wirklichkeit anpassen müssen, nicht umgekehrt. Vielleicht kann die Welt mit dieser Erkenntnis tatsächlich geheilt werden, und sei es nur ein kleines Stück.

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