„Sprache ist das, was wir aus ihr machen“

Der kanadische Philosoph Charles Taylor hat ein Leben lang über den Sprachgebrauch nachgedacht. Von Urs Buhlmann
Charles Taylor mit Verve
Foto: IN | Charles Taylor mit Verve.
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Philosophen sind für die großen Themen zuständig, so will es die populäre Anschauung. Die sokratische Methode freilich, die gesprächsbasierte Klärung der Fragen durch ständigen Austausch, lässt sich an allem ausprobieren und trägt gute Früchte. Mag sein, dass dies dem angelsächsischen Denken mehr entspricht als deutscher Katheder-Herrlichkeit. Charles Taylor, der 1931 geborene kanadische Philosoph und Politikwissenschaftler mit katholischen Wurzeln, hat sich mit der Sprache ein scheinbar alltägliches, in Wahrheit fundamentales Thema ausgesucht, dem er ein hochkonzentriertes Buch abgerungen hat, das die Frucht von vier Jahrzehnten Beschäftigung ist. In seinen besten Passagen hat es etwas von einem Zwiegespräch zwischen ihm und dem Leser, dessen vermutete Nachfragen und Zweifel der Autor aufnimmt, wie Meister Sokrates es vorgemacht hat. Mit angelsächsischem Pragmatismus markiert Taylor die Ausgangssituation als Disput zwischen der rationalistisch-empiristischen Linie von Hobbes, Locke und Condillac – von ihm kurzerhand die HLC-Gruppe genannt – und einem anderen Lager, das er „romantisch“ nennt und um Hamann, Herder und Humboldt zentriert, die HHH-Gang also. Für die einen ist Sprache eine Erfindung, um Informationen auszutauschen, den anderen gilt sie für mehr als ein Werkzeug, denn sie beschreibe nicht nur, sondern erschaffe Bedeutung. Sprache könne menschliche Erfahrung formieren, sei damit nicht nur im Zwischenmenschlichen von Bedeutung, sondern gehöre letztlich unserem individuellen Selbst an. Für dieses Lager entscheidet sich der Kanadier in seinem Buch, will dessen Ansatz aber weiterentwickeln.

Taylor weist darauf hin, dass Sprache der Erfahrung folge, die ihrerseits immer im Kontext einer persönlichen und sozialen Geschichte stehe. So weit ausholend gedacht, partizipiert Sprache an den familiären und gesellschaftlichen Zusammenhängen ihrer Benutzer: „Beispielsweise in der Sprache der Blutsverwandtschaft, in der Sprache der unterschiedlichen politischen und sozialen Positionen – Polizeibeamter, Arzt, Präsident –, in der Sprache der diversen Tätigkeiten und Bereiche, etwa des Bereichs der Politik, der Volkswirtschaft, der Religion, der Unterhaltungsbranche usw.“ Schon deswegen sei es sinnvoll, der Sprache gebührende Aufmerksamkeit zu schenken: „Die Sprache der Gesellschaft lernen heißt, sich ein Vorstellungsmuster davon zu eigen machen, wie die Gesellschaft funktioniert und handelt, wie sie sich im Laufe der Zeit historisch entwickelt hat und in welchem Verhältnis sie zu den Dingen steht, die außerhalb liegen, etwa zur Natur, zum Kosmos oder zum Göttlichen.“

Herder hat die sprachliche Dimension als etwas durch den Ausdruck Konstituiertes gesehen. Taylor schließt sich dem an: „Die gesprochene Sprache ist der Ausdruck des Denkens. Aber sie ist nicht bloß ein äußeres Kleid einer Sache, die auch unabhängig existieren könnte. Sie ist konstitutiv für reflektiertes, also sprachliches Denken, mithin eines Denkens, das es mit Gegenständen in der sprachlichen Dimension zu tun hat.“ Ohne Versprachlichung des Gedachten und Gewollten also kein Handeln. Doch kommt noch etwas anderes ins Spiel. Taylor nennt es unbefangen das „Höhere“, bringt es mit dem Göttlichen in Verbindung und stellt auch Verbindungen zum Naturrecht her. „Das Paket der ETHIK umfasst Moral, Ethik, motivationale Hindernisse und Quellen.“ Die Artikulation von Bedeutung verlangt nun nach den passenden Wörtern. Die Freude zum Beispiel oder auch die Reue entwickelt sich, „bei einem vage empfundenen Unterschied ansetzend, allmählich zu einem erkennbar eigenen, von anderen verschiedenen Erlebnis, sobald wir die Wörter dafür finden“. Das könne aus einem Moment gemeinsamen Erlebens hervorgehen oder ebenso aus der Lektüre. Am Ende gilt: „Hier sind die Wörter – die neuen Ausdrücke und Beschreibungen – Träger der konstitutiven Kraft“. Taylor spricht von „metabiologischen Wörtern“, die eine tiefempfundene Relevanz zum Ausdruck bringen. Es folgen profunde Ausführungen zu Fragen der Moralphilosophie, zum Kunstempfinden in Musik, Malerei und Literatur, in denen auch immer wieder die Sphäre des Religiösen berührt wird.

Charles Taylor war bei Abfassung dieses Buches fünfundachtzig Jahre alt. Er zeigt sich in diesem Werk auf der Höhe des Diskussionsstandes, stellt allerdings gelegentlich die Geduld des Lesers durch Wiederholungs-Schleifen auf die Probe. Dahinter steht auch ein umfassender Anspruch; Taylor legt seine These auf die Folie vieler historischer und künstlerischer Ereignisse, probiert sie dabei aus und will ihr so den Rang einer Universal-Theorie zuerkennen.

Philosophen altern anders, scheint es, nämlich langsamer. Die Zirkulation der Ideen im Kopf sorgt für weniger schnelle Zellalterung. So will der Kanadier – Deo volente – noch einen weiteren Band zur Philosophie der Sprache vorlegen, der sich insbesondere mit Dichtung, mit den „künstlerischen Sprachen“, befassen soll. Heute heißt es: „Die Grundthese dieses Buches besagt, dass wir uns einen Begriff von der Sprache nur machen können, wenn wir ihre konstitutive Rolle im menschlichen Leben verstehen.“ Damit meint er, dass die „Verwendung von Wörtern, Symbolen oder expressiven Handlungen von einem Gefühl der Richtigkeit gesteuert wird“, dem es nicht nur auf die zutreffende Beschreibung ankommt. „Die Sprache wird auch gebraucht, um Verbindungen zwischen den Menschen zu schaffen, zu verändern und zu kappen“. Wenn wir jemandem Komplimente machen, drohen, erschaffen wir Wirklichkeit aus Sprache. Zugleich bekommt jeder einigermaßen aufmerksame Zeitgenosse mit, wie Begriffe sich in ihrem Inhalt wandeln: Was etwa „Stolz“, was „Demütigung“ im Zeitalter sozialer Medien bedeuten, ist variabel geworden und kann ohne ein übergeordnetes gesellschaftliches Narrativ, das alle Teilnehmer stillschweigend anerkennen – dass es zum Beispiel begehrenswert sei, tausende „Follower“ auf Facebook zu haben – kaum noch verstanden werden. Sprache also ist viel mehr als reden, es ist sich ausdrücken im umfänglichen Sinne. Sprache ist das, was wir aus ihr machen!

Charles Taylor: Das sprachbegabte Tier, Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 656 Seiten, ISBN 978-3-

518-58702-7, EUR 38,–

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