Feuilleton

Spätfolgen der Stasi

Eine neue Ausstellung in Berlin zeigt die repressiven Zersetzungsmethoden der Staatssicherheit der DDR. Von Katrin Krips-Schmidt
Die Methoden der Stasi veranschaulicht eine Ausstellung in Berlin
Foto: KS | Die Methoden der Stasi veranschaulicht eine Ausstellung in Berlin.

Zersetzung – was ist das eigentlich? Im chemischen und biologischen Sinne versteht man darunter die Auflösung einer Substanz oder eines Elements durch physikalische, chemische oder biologische Kräfte in kleine und kleinste Einzelteile. Analog dazu lässt sich Zersetzung auch als Repressionsmethode des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR verstehen, Menschen voneinander zu isolieren, sie aus ihrem bisherigen persönlichen und beruflichen Umfeld herauszulösen. Zu diesem Zweck hatte sich die Stasi eine Menge einfallen lassen: ausgefeilte Überwachungsmethoden sollten zur psychischen Zerstörung von Oppositionellen führen, persönliche Bindungen und Beziehungen aufgelöst werden. Wie erfinderisch und heimtückisch zugleich sie dabei vorging, lässt sich an einer soeben eröffneten Sonderausstellung im Berliner Stasimuseum, in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit, in Kooperation der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) e.V. mit dem Stasimuseum/ASTAK e.V. (Antistalinistische Aktion) erfahren. Anlass ist das 30-jährige Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung.

Die Ausstellung bietet mehrere „Roll-Ups“ (Tafeln mit einer Aufrollvorrichtung zur einfacheren Transportierbarkeit bei Wanderausstellungen) sowie in Vitrinen präsentierte, für die konspirativen Wohnungsdurchsuchungen eingesetzte, Gegenstände, wie etwa Foto- und Abhöranlagen. Der Brandenburger Landtagsabgeordnete der CDU und Vorsitzender der UOKG, Dieter Dombrowski, sowie der Leiter des Stasimuseums Jörg Drieselmann – beide Opfer der Stasi - eröffneten am Freitag in Berlin-Lichtenberg die Schau, die sich hervorragend einpasst in die Dauerausstellung, die vier Etagen des Gebäudes in der Ruschestraße einnimmt. Das ganze Ausmaß der Methodik des staatlichen Vorgehens gegen jeden, der sich nicht in das sozialistische DDR-System eingliedern lassen wollte, lässt sich in ihrer Perfidie an zehn Schautafeln freilich nur erahnen, die unter Titeln wie „Zersetzung gegen Gruppen“, „Subtiler Terror“, „Justizieller Terror“ oder „Zersetzungsmaßnahmen“ ein teils noch immer ahnungsloses Publikum, vor allem aus dem Westen, informieren - und es erschaudern lassen. Einen exemplarischen Einblick in den Eingriff in das Privat- und Berufsleben, die Zerstörung, ja nachgerade Verwüstung von Existenzen erlaubt die prägnante Kurzdarstellung von Einzelbiographien.

Zu den Zersetzungsmaßnahmen gehörten etwa die Inszenierung beruflicher Misserfolge, die Verhinderung von Fortbildungs- und Aufstiegschancen oder der Ausschluss aus Berufsverbänden. Oder auch die Diskreditierung des Ansehens und die tiefe Verunsicherung von Betroffenen, zum Beispiel, indem ein vermeintlicher Ehebruch des Ehepartners durch Vortäuschung von Beweisen suggeriert wurde. Das Privatleben wurde durch ständige Telefonanrufe, eine demonstrative Beobachtung bei Tag und Nacht oder eine verdeckt aktiv vorangetriebene Entfremdung der Kinder von ihren Eltern zerstört. Und selbst nach einer Ausreise aus der damaligen DDR konnte der Stasi-Terror weitergehen. Dombrowski berichtet davon, wie er nach seinem Freikauf durch die Bundesrepublik (für 96 000 DM), nachdem er, zu vier Jahren verurteilt, 20 Monate in Haft, 16 Monate davon im Cottbuser Stasi-Gefängnis verbracht hatte, auch noch im Westen von 15 verschiedenen MfS-Mitarbeitern observiert wurde.

„Die Folgen“ – wie sie einer der Ausstellungstafeln zu entnehmen sind, waren für die Betroffenen oftmals ein Martyrium, unter dem noch heute viele leiden. Die Medizin bezeichnet die Symptome als „Komplexe Traumafolgestörungen“, die sich in vielschichtigen psychischen Reaktionen äußern, „beginnend bei innerer Unruhe und Unzufriedenheit, mangelndem Selbstwertgefühl über Depressionen bis hin zu Selbstmorden.“

Weshalb, so fragt man sich, konnte sich das System in der DDR relative lange stabil halten? Dombrowski macht an einem Vorfall exemplarisch verständlich, dass die Staatssicherheit sich nicht nur auf ihre offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter verlassen konnte. Ein ganzes Heer an bereitwilligen Kollaborateuren unter den DDR-Bürgern diente sich dem Staat als willfährige Helfer an: So ließ ein stellvertretender Direktor der EOS „Heinrich Hertz“ drei eines Tages bei ihm vorstellig werdende Stasi-Mitarbeiter gewähren, als diese die Schultasche eines Schülers durchsuchten und Abdrücke seiner Hausschlüssel machten. Der Schüler befand sich gerade im Sportunterricht, die Stasi-Leute konnten im Umkleideraum ihrer Tätigkeit ungestört nachgehen, denn der betreffende Pädagoge stand davor Wache. So wie er handelten viele und unterstützten damit das repressive System. Mit den nachgemachten Hausschlüsseln und/oder mit Dietrichen verschafften sich die Späher anschließend Zugang zu den Wohnungen Observierter. Hier fotografierten sie alles, was sie für sachdienlich hielten.

Natürlich waren nicht alle in das System eingebunden. So erinnert sich Dombrowski an das unterschiedliche Verhalten von Katholiken und Protestanten in der ehemaligen DDR. Bei den Katholiken, so betont er, habe es keine inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi gegeben: „Die Mitgliedschaft in Parteien und Massenorganisationen ist für katholische Christen nicht mit unserem Glauben vereinbar“, tönte es damals von der Kanzel katholischer Gemeinden. Die katholischen Bischöfe wiesen ihre Gläubigen zudem an, den Kontakt mit staatlichen Stellen auf ein Mindestmaß zu begrenzen. Die evangelische Kirche hatte diese Berührungsängste in diesem Maße nicht. Ihre Vorstellung einer „Kirche im Sozialismus“ forderte von den Gäubigen, aktive Veränderungen zu betreiben und gegebenenfalls mit dem Staat, auch als IM, zu kooperieren.

Die äußerst informative Ausstellung des Vereins Denkstätte Teehaus Trebbow e.V. kann noch bis zum 15. März 2019 besichtigt werden. Sie wird gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, die Landeszentrale für politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern sowie die Ehrenamtsstiftung MV.

„Zersetzung – Repressionsmethode des Staatssicherheitsdienstes“ im Stasimuseum – Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße, Haus 1 (3. Etage), Ruschestraße 103, 10365 Berlin

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Am Elbufer in Magdeburg entsteht auf dem Gelände der „Ökumenischen Höfe“ der erste Klosterneubau Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung.
08.08.2022, 11  Uhr
Oliver Gierens
Die Schriftstellerin Monika Maron über Deutschland, die Wiedervereinigung und den neu zu erlebenden Versuch, aus einer Utopie die Wirklichkeit erzwingen zu wollen.
29.09.2022, 15  Uhr
Ute Cohen
Themen & Autoren
CDU DDR Dieter Dombrowski Evangelische Kirche Heinrich Kommunismus Ministerien Wiedervereinigung

Kirche

Nach bald 20 Jahren der Erneuerung ist die „Kirche im Gebirge“, die Diözese Innsbruck, an einem Punkt angekommen, wo die Verwirrung größer ist als die Vision.
02.10.2022, 15 Uhr
Martin Kolozs
Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Kirchenlehrer Franz von Sales (1567–1622) war Bischof von Genf und reformierte die Kirche, indem er die Menschen zum Gebet hinführte und geistliche Schriften verfasste.
01.10.2022, 19 Uhr
Uwe Michael Lang C.O.