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So aktuell ist Johann Michael Sailer, ehemals Bischof in Regensburg

In der Auseinandersetzung mit der sogenannten Aufklärung und dem Relativismus der Zeit, setzte der ehemalige Bischof von Regensburg deutliche Orientierungspunkte für Katholiken, die aus der Lehre und dem Vertrauen in die gottgegebene Vernunft folgen.
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Foto: Norbert_Piontek (dpa) | Eine Jakobinermütze aus der Zeit der Französischen Revolution (1789). Seither steht die Kirche in zäher Auseinandersetzung mit den vermeintlichen Fortschritten der Aufklärung.

Vor über 200 Jahren wurde die katholische Welt durch die Aufklärung in ihren Grundfesten bedroht und auch damals standen die Zeichen auf Krise. Doch dem Regensburger Bischof Johann Michael Sailer (1751-1832), dem „bayerischen Kirchenvater“, ist es zu verdanken, dass der Kantianismus die Kirche in ihren Grundfesten nicht total erschütterte.

Wie heute war die Zeit aus den Fugen: die Französische Revolution setzte die Vernunft über den Glauben, die Säkularisierung war auf dem Weg, die barocke Frömmigkeit aufzufressen. Die Vermessung der neuen Welt im Sinne der religionskritischen Aufklärung einerseits und der romantischen Transzendentalpoesie andererseits legten das Rasiermesser an den Glauben und an einen transzendenten und persönlich gedachten Gott.

„Nur wenn es dem Menschen wieder gelingt,
aus sich heraus in enger Beziehung zu Gott zu treten,
die Vernunft für das Transzendente zu weiten und sich wider den Zeitgeist aufzurichten,
lässt sich das lebendige Feuer des Glaubens erneut entzünden“

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Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant verkürzte Gott zum „als ob“ und die Religion auf Moral. In dieser bewegten Zeit, der sogenannten „kopernikanischen Wende“, die die Welt buchstäblich auf die Füße der Endlichkeit stellen wollte, war es an Sailer, dem Jesuiten, Hirten, Priester und Wissenschaftler, der Religion ihre spirituelle Kraft zurückzugeben und der Theologie ihr metaphysisches Halteseil über dem Abgrund der Säkularisierung erneut aufzuspannen.

Sailer, dem Theologen aus dem oberbayerischen Aresing, war zu verdanken, den Dualismus von Geist und Leib, den die Aufklärung hinterlassen hatte, aufzuheben und von Gott die Einheit des Menschen neu zu denken. Schon vor seiner Zeit als Regensburger Bischof kritisierte er den ethischen Eudämonismus und die von Gott losgelöste Autonomie des Menschen. Der Mensch verdanke seine Autorität allein durch seine göttliche Begründetheit, durch die „gottvernehmende Vernunft“.

„Alles ist erlaubt“ führt zur Beliebigkeit „zeitgemäßer Lehre“, zum Relativismus

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Auch im 21. Jahrhundert feiern Aufklärung und Globalisierung ihre Triumphzüge und potenzieren sich in Gender- und Transhumanismus-Idolen, die den Religiösen kräftig ins Gesicht blasen, weil sie sein traditionelles Wahrheits- und Glaubensverständnis aus den Angeln zu heben drohen. Im Zeitalter, in dem eine zunehmende Diktatur des „Alles ist erlaubt“ regiert, zeigt uns ein Blick auf das Denken des Regensburger Bischof Sailer: Nur wenn es dem Menschen wieder gelingt, aus sich heraus in enger Beziehung zu Gott zu treten, die Vernunft für das Transzendente zu weiten und sich wider den Zeitgeist aufzurichten, lässt sich das lebendige Feuer des Glaubens erneut entzünden. Eine tiefe Innerlichkeit einerseits und das Zurück zu den Quellen des Glaubens andererseits waren für Sailer der Rettungsanker in einer damals vom Zeitgeist schwer angeschlagenen Kirche in tobend-unruhiger See.

Es ist die Vernunft, die den katholischen Glauben leitet

Unsere Gesellschaft mag zwar ganz anders als die seinige damals gewesen sein, aber auch sie bleibt auf das Heil angewiesen. Von Sailer können wir lernen, dass die katholische Kirche, die im Sturm steht, dann nicht untergehen kann, wenn sie die Einsicht trägt, dass wahrhafter Glaube die Vernunft nicht demütigt, sondern diese für ihn öffnet. Dies bleibt damals wie auch heute der Dreh- und Angelpunkt für jeden Glaubenden, um nicht in der wütenden See eines uferlosen Relativismus zu ertrinken.

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