Smarte Schule statt schlaue Schüler?

Eine Grundgesetzänderung ermöglicht Milliardeninvestitionen in die Förderung digitalen Lernens an deutschen Schulen. Kritiker sehen dadurch jedoch die kindliche Entwicklung und das humanistische Bildungsideal bedroht. Von Marleen Büngen
Digitalpakt Schule
Foto: dpa | Individuelleres Arbeiten oder Lern- und Entwicklungsprobleme? Digitale Medien in der Schule sind umstritten.

Der Digitalpakt ist verabschiedet. Vergangenen Freitag hat der Bundesrat für eine Grundgesetzänderung gestimmt, die es dem Bund erlaubt, die Digitalisierung von vierzigtausend Schulen in Deutschland mit vorerst fünf Milliarden Euro finanziell zu unterstützen, zusätzlich zu den Mitteln der Länder. Die Schulen sollen mit neueren Computern, Tablets, digitalen Lerninhalten und grundsätzlich schnellerem Internet ausgestattet werden.

Änderung der Kontrollrechte über die Länder

Eine weitere Gesetzesänderung betrifft die Kontrollrechte der Bundesregierung in Bezug auf die Länder. Von nun an sind diese verpflichtet, der Bundesregierung über die Verwendung der bereitgestellten Gelder zu berichten. Und auf Anforderung Akteneinsicht zu gewähren. „Der Bund unterstützt die Länder aus einem gesamtstaatlichen Interesse heraus, wobei die Verantwortung für das Bildungswesen klar in der Zuständigkeit der Länder verbleibt“, so Albert Rupprecht, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag.

Wie genau die Umsetzung aussehen wird bleibt abzuwarten

Viele Schulen warten bereits ungeduldig in ihren Startlöchern. Und jetzt kann es endlich losgehen mit der Digitalisierung. Sie haben sogenannte Medienkonzepte erstellt und Pläne für den Ausbau der sogenannten Bildungsinfrastruktur ausgearbeitet, die vorerst ihnen selbst überlassen bleiben. Medienkompetenzen können nun bald erlangt und Lernziele erreicht werden. Ob es eigene Technikklassen geben wird, ob jeder Lehrer neben der eigentlichen Arbeit auch IT-Spezialist werden muss, oder ob Computer und Tablets in beinahe jeden Unterricht integriert werden sollen, scheint bisher unklar. Der Dringlichkeit der Forderungen nach mehr Technik in der Schule sollte aber zunächst eine essenzielle Frage vorausgehen: Was haben die Kinder davon?

„Die analoge Kreidezeit in Deutschland geht jetzt zu Ende“

Befürworter der Digitalisierung, wie der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. (Bitkom), stellen diese als unausweichlich dar. Maßnahmen, um die Digitalisierung der Schule voranzutreiben, sind also zwingend erforderlich und bedingungslos zu akzeptieren. Denn die Industrienation Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher. „Die analoge Kreidezeit in Deutschland geht jetzt zu Ende“, heißt es seitens Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom. Dieser möchte die Smartphones nicht aus dem Unterricht verbannen, sondern aktiv in den Unterricht mit einbinden.

„Smartphone ohne Aufsicht erst ab 18 Jahren.“

Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Ulm sieht dies anders. Seine Diagnose lautet: „Smartphone ohne Aufsicht erst ab 18 Jahren.“ Kinder bereits digitalen Medien auszusetzen richte erheblichen irreparablen gesundheitlichen Schaden an. Die Gehirnentwicklung werde von Smartphones massiv beeinträchtigt. Die Folgen sind Sucht, Kurzsichtigkeit, Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen, gestörte Sprachentwicklung und sogar eingeschränkte Willensbildung. Auch Schlafstörungen, erhöhtes Diabetesrisiko und damit verbunden eine größere Wahrscheinlichkeit für Schlaganfälle und Herzinfarkte im Alter.

Digitalisierung von Bildung und Leben als Entfremdung

Auch Matthias Burchardt, Akademischer Rat an der Universität zu Köln und unter anderem Mitbegründer und Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen sowie Mitglied im Bündnis für Humane Bildung, betrachtet die Digitalisierungsentwicklung mit Sorge. Das katholische Lindenthal-Institut widmet sich am 25. März mit einem Colloquium dem Thema „Digitalisierung von Bildung und Leben als Entfremdung“ mit Burchardt als Gastredner.

"Der Überwachungs-Kapitalismus boomt."

Im Gespräch mit „Die Tagespost“ sagte er vorab: „Die Technik ist nicht indifferent in Bezug auf die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und Werteorientierung, sondern sie greift transformierend in diese ein. Sie verändert die Art und Weise wie wir denken, handeln, wahrnehmen, kommunizieren und Beziehungen gestalten. Und das in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Zusammenhang, Demokratie und Kultur erschüttert sind wie wahrscheinlich zu keinem anderen Zeitpunkt nach 1945. Aber Digitalisierung ist eben nicht nur ein technisches Phänomen, sondern auch ein interessengeleitetes Machtphänomen. Die IT-Lobby wittert Gewinne. Der Überwachungs-Kapitalismus boomt. Und die Kontroll- und Steuerungsphantasien der Akteure im Hintergrund laufen heiß. In China wird mit dem Social-Scoring Programm die Orwell'sche Dystopie von 1984 Realität. Wenn wir möchten, dass die jungen Menschen diese Probleme bewältigen, dann muss die Schule eine analoge Oase sein, in der Bildung geschieht und in der wir sie stärken, damit sie die digitale Wüste kultivieren können.“

Lehrer sehen Vorteile und Nachteile

Laut einer von Bitkom in Auftrag gegebenen Studie befürworten 54 Prozent der befragten Lehrer das Einsetzen von digitalen Medien im Unterricht. Nur 13 Prozent beklagen ein „fehlendes pädagogisches Konzept“. Von Vorteil sei für 55 Prozent, dass sie so besser auf einzelne Schüler eingehen könnten und man Lerninhalte und Zusammenhänge anschaulicher darstellen könne (87 Prozent). Als Nachteile sieht mit 86 Prozent eine deutliche Mehrheit der Lehrer eine mögliche Verschlechterung der Schreibfertigkeit der Schüler und 57 Prozent fürchten, dass die Konzentrationsfähigkeit gestört werden könnte.

Es fehlt eine Debatte über Bildungsideale und -inhalte

Es ist zweifelhaft, ob das Ziel der Bildung durch mehr Digitalisierung erreichbar ist und gegenüber dem klassischen Humboldtschen Bildungsideal eine Verbesserung darstellt. Bis jetzt gibt es keine Debatte darüber, inwiefern die Digitalisierung Einfluss auf die vermittelten Lerninhalte haben wird. Dass sie die Schulen irgendwie aus dem durch die Bologna-Reform verursachten Bildungsdilemma herausführen wird, ist unwahrscheinlich.

Am Ende sind die Kinder nur wieder einmal Opfer eines Bildungsprogramms geworden, dessen Konsequenzen sich allerdings nicht auf virtueller Ebene abspielen werden.

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