Skepsis als Lebensstil

Skepsis als Lebenshaltung: Sebastian Haffner, Golo Mann und Arnulf Baring. Von Stefan Ahrens
Golo Mann vor 100 Jahren geboren
Foto: IN | Die Deutschen führen „ein unruhiges Leben in Extremen“, meinte der Historiker Golo Mann.
Golo Mann vor 100 Jahren geboren
Foto: IN | Die Deutschen führen „ein unruhiges Leben in Extremen“, meinte der Historiker Golo Mann.

Das ist das erste, was man über die (…) Deutschen wissen muss: Sie haben ein sehr geringes Wahrnehmungs- und Unterscheidungsvermögen und wenig gesunden Menschenverstand…. Das Hausmädchen und der Universitätsprofessor neigen gleichermaßen dazu, eher eine überzeugend vorgetragene Behauptung zu glauben, als ihren fünf Sinnen und ihrem Urteilsvermögen zu trauen.“

Eine provokante und definitiv wenig schmeichelhafte Charakterisierung der Deutschen – formuliert von einem der ihren, im britischen Exil, im Jahre 1940: Sebastian Haffner (1907–1999). Das Buch, in dem dieser Satz zu finden ist („Germany: Jekyll & Hyde“; erst 1996 in Deutschland veröffentlicht) wurde damals von Winston Churchill an sein Kriegskabinett ausgeteilt, um Nazi-Deutschland und auch die Deutschen sowohl militärisch als auch propagandistisch besser bekämpfen zu können. Doch wer einmal einen unbefangenen Blick auf die Mentalität der deutschen Gegenwartsgesellschaft wirft, der wird feststellen, dass bestimmte deutsche Charakterzüge auch mit dem Ende des Deutschen Reiches keineswegs als verjährt zu gelten haben – im Gegenteil: Auch im Jahr 2019 tendiert eine große Anzahl der Deutschen (wieder) dazu, eher der eigenen Gesinnung zuträglichen „Fake News“ auf den Leim zu gehen, anstatt sich unbequemen Wahrheiten und Grundtatsachen zu stellen.

Schonungslos klare Blicke in die deutsche Seele

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen musste der spätere Autor von historischen Bestsellern wie „Anmerkungen zu Hitler“, „Preußen ohne Legende“ oder „Von Bismarck zu Hitler“ weder Psychologe noch Meinungsforscher oder Soziologe sein, denn all das war er nicht, nicht einmal studierter Historiker– sondern ein Jurist mit einer guten Beobachtungsgabe. Als er nämlich merkte, mit was für Landsleuten er es wirklich zu tun hatte und dass es für ihn und seine jüdische Verlobte (und spätere Ehefrau) in Nazideutschland keine Zukunft geben würde, emigrierten beide 1938 nach England – wo schließlich seine Karriere als glänzender Journalist und historischer Publizist begann.

Haffner, der im Alter ein großer Verehrer Preußens und von Bismarcks Gleichgewichtspolitik wurde, war zeitlebens ein politischer und historisch-philosophischer Skeptiker – nicht nur gegenüber Deutschland, sondern auch gegenüber den sogenannten „Großen Ideen“ und politischen Heilsversprechungen. Er teilte diese Lebenshaltung mit Golo Mann (1909–1994), dem erfolgreichsten deutschsprachigen Historiker des 20. Jahrhunderts, Autor großer Werke wie der „Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“, der Monumentalbiographie „Wallenstein“ und seinen autobiographischen „Erinnerungen und Gedanken“. Aufgrund seines buchstäblichen Erleidens deutscher Geschichte hasste auch Golo Mann alles Extreme und jegliche Formen von „Ismen“, wie er 1965 in einem Interview mit Günter Gaus zu Protokoll gab. Und genauso wie Sebastian Haffner fand Golo Mann 1958 in seiner „Deutschen Geschichte“ deutliche Worte über das Wesen der Deutschen: „Wer sich in die Geschichte der deutschen Nation vertieft, der hat leicht den Eindruck eines unruhigen Lebens in Extremen ... Einmal erreichen deutsche Gestalten die höchsten geistigen Höhen, auf denen je Menschen gelebt haben, indessen gleichzeitig trübe Mittelmäßigkeit den öffentlichen Ton beherrscht… Es ist weltoffen, kosmopolitisch, mit Bewunderung dem Fremden zugeneigt; dann verachtet und verjagt es das Fremde und sucht das Heil in übersteigerter Pflege seiner Eigenart. … Ihr eigener Philosoph, Nietzsche, hat sie das ,Täusche-Volk‘ genannt, weil sie die Welt immer wieder mit Dingen überraschen, die man gerade von ihnen nicht erwartet.“

Auch diese Aussage des vor Adolf Hitler ins Exil geflohenen (und erst 1959 wieder nach Deutschland zurückgekehrten) Golo Mann über die deutsche Neigung zu ruckartigen, Freund und Feind gleichermaßen vor den Kopf stoßenden außenpolitischen Kurswechseln gilt nicht nur mit Blick auf das wilhelminische Kaiserreich – einer Ära, in der es den Deutschen wirtschaftlich gut ging, man (selbst-)zufrieden auf sich und die scheinbare eigene Kraft (und auf andere herab) blickte und gerne außenpolitisch auftrumpfte. Gerade in der Ära Merkel gibt es – trotz gegenteiliger Beteuerungen und vernebelt durch multilaterale Begrifflichkeiten – von deutscher Seite aus ebenfalls einen klar erkennbaren Hang zu politischen „Sonderwegen“: wie beispielsweise die durch die Reaktorkatastrophe in der Präfektur Fukushima quasi über Nacht herbeigeführte Energiewende 2011, den nationalen Alleingang in der europäischen Flüchtlingspolitik 2015, das Festhalten (gegen amerikanische, französische, polnische und ukrainische Widerstände) an der geplanten Gaspipeline Nord-Stream 2 mit Russland oder der im Zuge der Khashoggi-Affäre erfolgte Rückzug aus europäischen Rüstungsunternehmungen (mit England und Frankreich als Leitragenden).

Nervöse Politik der Selbstzufriedenheit

Die hierbei zutage tretende Ruchlosigkeit, mit der von deutscher Seite aus bestehende Verträge und längerfristig angedachte multilaterale Projekte unter dem Deckmantel scheinbar plötzlicher hypermoralischer Beweggründe beiseitegewischt (oder andersherum forciert) werden, offenbart, dass Deutschland mittlerweile nicht nur geneigt ist, seine politische und ökonomische Führungsmacht innerhalb Europas offen auszuspielen (etwas, das es unter dem Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, nicht gegeben hätte; unter Gerhard Schröder schon eher), sondern wie schon „zu Kaisers Zeiten“ im Stil einer nervösen Großmacht politisch Andersdenkenden nicht nur den eigenen Willen, sondern ihnen gegenüber auch ein politisch-moralisches Leitbild durchzusetzen will – meist ökologisch-kosmopolitisch eingefärbt. Ob Golo Mann dieses erneute Auflodern des „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ unter der Kohl-Nach-Nachfolgerin Merkel bereits ahnte, als 1990 die Deutsche Einheit bevorstand? Jedenfalls notierte er am 21. Juni 1990 in sein Tagebuch: „Keine Freude an der deutschen Einheit. Sie werden wieder Unsinn machen, wenngleich ich es nicht erlebe.“

Deutschland als überaltertes Industriemuseum

In eben diese Riege der Skeptiker, die noch bis vor wenigen Jahren ebenfalls aus historischer Erfahrung einen kritischen Blick auf das später wiedervereinigte Deutschland warfen, ist der am 2. März verstorbene Publizist, Sozialwissenschaftler und Historiker Arnulf Baring (1932–2019) einzureihen. Der Autor hochgelobter Standardwerke über die Entwicklung der bundesrepublikanischen Demokratie wie „Im Anfang war Adenauer“ sowie „Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel“ (der als Jugendlicher 1945 nur knapp den Dresdner „Feuersturm“ überlebte) legte in den 1990er und 2000er Jahren mit seinen Büchern „Scheitert Deutschland? Der schwierige Abschied von unseren Wunschwelten“, „Es lebe die Republik, es lebe Deutschland!“ und in seinem FAZ-Artikel „Bürger auf die Barrikaden!“ den Finger in die Wunde eines weiteren Charakterzuges der Deutschen – nämlich den des deutschen Hanges zu politischer und ökonomischer Selbstzufriedenheit, Reformunwilligkeit und Weltflucht: „Wir sind heute in Deutschland im Begriff, ein Altersheim in einem Industriemuseum zu werden… Die Wirklichkeit nimmt keine Rücksicht auf unsere Feigheit oder unsere Illusionen. Die Wand ist immer härter als der Kopf… Wir verhalten uns vielfach so, als ob mit unseren Generationen die Welt an ihr Ende gelange.“

Zeitlose Worte Barings, die heutzutage angesichts der großen Überlegenheit von Tech-Konzernen wie Amazon oder Google, denen Deutschland zwar starke mittelständische Familienunternehmen („Hidden Champions“) und seine Automobilindustrie entgegensetzt, aber langfristig gesehen dagegen ankämpfen muss, zur „Werkbank der Welt“ (Peter Altmaier) zu verkommen, eine neue Bedeutung erhalten. Seit Gerhard Schröders Reformen wie der Agenda 2010 und der Hartz 4-Gesetzgebung passierte trotz wirtschaftlicher Boomphase hierzulande nicht mehr viel. Möglicherweise ist bald einmal wieder ein politischer und ökonomischer Turnaround des „Täusche-Volks“ (Nietzsche) fällig.

Sebastian Haffner, Golo Mann und Arnulf Baring waren intime Kenner der deutschen Seele. Sie wussten zudem, dass die Welt insgesamt unvollkommen, der Mensch durch „große Ideen“ gefährdet und das Böse durchaus real ist. Sie plädierten für zeitnah erfolgende maßvolle Reformen anstatt verspäteter großer Umwälzungen und politische Verlässlichkeit nach innen und außen.

Wer so manche politische, ökonomische und ökologische Irrationalität sowohl in der Vergangenheit als auch im heutigen Deutschland verstehen und sich gleichzeitig gedanklich gegen sie für die Zukunft wappnen will, dem sei das zeitlose Werk dieser großen Skeptiker sehr zur erneuten Lektüre empfohlen. Es dürfte kaum Werke geben, in denen scheinbar ausschließlich von der Vergangenheit die Rede ist, die aber umso mehr beschreiben, wie die deutsche Gegenwart zu deuten ist – und wie man sie wohl immer betrachten sollte.

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