Krisenbewältigung

Sinn suchen und finden

Was gibt Menschen die Kraft, Krisen und lebensbedrohliche Umstände durchzustehen und das Leben wieder aufzunehmen? Es ist ein Sinn, den man nicht in sich selbst und im Leben an sich finden kann.
Ukraine-Krieg - Irpin
Foto: Rodrigo Abd (AP) | Oksana weint während der Beerdigung ihres Sohnes Anatoliy, der während Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine getötet wurde.

Mykola Kalymchuk ist einer von 300 Bewohnern der ukrainischen Stadt Yahidne, nordwestlich von Kiew, die wochenlang im Keller eines zerschossenen Schulgebäudes vor den russischen Besatzern Zuflucht suchten. "Alles, was ich dachte war, dass ich für meine Tochter und für meine Enkelin überleben muss", sagte er später, als die Besatzung vorüber war. Zwei Wochen hatte er nur im Stehen geschlafen, an die Sprossenwand des Turnsaals gebunden, so eng war es angesichts der vielen Schutzsuchenden. Zwölf Menschen überlebten die Tortur nicht, doch er schaffte es. Warum?

Mykola Kalymchuk dachte an seine Tochter und an deren Tochter, er spürte eine Verantwortung für beide, wollte für sie überleben und nach all dem Horror weiterleben. Vielleicht dachte er zurück an schöne Tage der Vergangenheit, an die Geburt und Kindheit seiner Tochter, an die ersten Augenblicke mit seiner Enkelin. Vielleicht träumte er davon, mit der Kleinen durch den Wald zu streifen und ihr dabei Bäume und Tiere zu erklären, ihr abends am Bettrand sitzend Märchen aus alter Zeit zu erzählen. Vielleicht wusste er, dass die Tochter seine Hilfe brauchen würde. Wir wissen nichts über ihn und seine Familie – außer diesen einen Satz. Aber wir ahnen: Er überlebte, weil er inmitten der Sinnlosigkeit des Krieges einen Sinn in seinem Leben sah und sieht, nämlich für die Tochter und die Enkelin da zu sein.

Keiner kommt hier lebend raus

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Der weltberühmte jüdisch-österreichische Psychiater Viktor Frankl machte im KZ eine ähnliche Erfahrung: Was ihm über die Grauen des Alltags im Konzentrationslager hinweg Lebenskraft und Lebenswillen gab, war der Vorgriff auf eine erhoffte Zukunft: "Plötzlich sehe ich mich selber in einem hell erleuchteten, schönen und warmen, großen Vortragsaal am Rednerpult stehen, vor mir ein interessiert lauschendes Publikum in gemütlichen Polstersitzen   und ich spreche; spreche und halte einen Vortrag über die Psychologie des Konzentrationslagers." Frankl weiter: "Mit diesem Trick gelingt es mir, mich irgendwie über die Situation, über die Gegenwart und über ihr Leid zu stellen, und sie so zu schauen, als ob sie schon Vergangenheit darstellte."

Wie Mykola Kalymchuk für eine spätere, glücklichere Zeit mit Tochter und Enkelin überleben wollte, so wollte Frankl für eine Öffentlichkeit überleben, der er den Lebenssinn als Kraftquelle erschließen würde. In beiden Fällen liegt der Sinn, der die beiden Männer über Leid und Krise hinweg trug, außerhalb ihrer Selbst, und jenseits von Vermögenswerten. Wir dürfen wohl mutmaßen, dass der Gedanke an späteren Wohlstand, an Wertpapiere und Aktienkurse nicht den gleichen Effekt gehabt hätte. Mehr noch: Der bloße Wille, zu überleben, gibt dem Leben noch keinen Lebenssinn. Dazu Frankl: "Denn ein Leben, dessen Sinn damit steht und fällt, dass man mit ihm davonkommt oder nicht, ein Leben also, dessen Sinn von Gnaden eines solchen Zufalls abhängt, solch ein Leben wäre nicht eigentlich wert, überhaupt gelebt zu werden." Zumal es bekanntlich für jeden tödlich endet. Was immer wir über das Leben denken mögen, eines ist unbestreitbar: Keiner kommt hier lebend raus.

„Frankl dreht die Perspektive um: Nicht unsere Erwartungen an das Leben sind relevant,
sondern die Erwartungen des Lebens an uns“

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Deshalb wächst oder sinkt unsere Zufriedenheit nicht parallel zu Wohlstandskurven. Die Nachkriegsgeneration, die nach dem Motto arbeitete, "die Kinder sollen es einmal besser haben", lebte sinnvoll   für sich und die nächste Generation. Doch dann wurde dieser natürliche Eltern-Impuls ideologisiert: Jahrzehntelang wurde Kindern und Jugendlichen suggeriert und vorgelebt, im Leben gehe es um Selbstverwirklichung. Das aber ist so paradox wie die Vorstellung, jemand sei bereit, für mehr Wohlstand zu sterben.

Selbstverwirklichung ist nicht nur das fragilste aller Lebenskonzepte, weil sie stündlich von allzu offensichtlichem Scheitern und Verfehlen bedroht ist. Sie schafft schon als Ziel zwangsläufig Neid und Frustration: Andernorts ist der Himmel höher und das Meer blauer, der Porsche des Nachbarn röhrt eleganter, das Bankkonto des Profifußballers oder der Amateur-Influencerin ist praller, der Job des Kollegen bequemer. Selbst jene Minderheit der Menschheit, die nicht um das tägliche Überleben kämpfen muss, sondern volle Kühlschränke und funktionierende Heizungen als selbstverständlich betrachten darf, wird auf dem Selbstverwirklichungs-Trip nicht zu einem "Leben in Fülle" gelangen.

Das Glück finden Menschen nicht in sich selbst

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Selbstverwirklichung als Lebenszweck ist ein Buffet, an dem wir permanent völlern   ohne je satt zu werden. Das wusste schon der alttestamentliche Kohelet: "Nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll" (Koh 1,8). Wonach er auch strebt, "alles ist Windhauch": Wissen, Freude, Leistung, Eigentum, Lust. "Wer das Geld liebt, bekommt vom Geld nie genug; wer den Luxus liebt, hat nie genug Einnahmen" (Koh 5,9). So dringt er zur Erkenntnis vor: "Nicht im Menschen selbst gründet das Glück" (Koh 2,24). Der heilige Augustinus, selbst lange ein Suchender, wusste um das permanent unruhige   also unerfüllt sehnende   Herz.

Leo Maasburg, der viele Jahre als Reisemanager und Beichtvater für Mutter Teresa tätig war, erzählt in seinem Buch über die Heilige von Kalkutta, wie ein amerikanischer Journalist Mutter Teresa dabei beobachtete, einen Kranken mit üblen Geschwüren zu versorgen. Nach einer Weile sagte der Journalist angeekelt, das würde er nicht für eine Million Dollar tun. "Ja, für eine Million Dollar würde ich es auch nicht tun", soll Mutter Teresa schlagfertig geantwortet haben.

Im Trommelfeuer immer neuer Krisen

Wofür dann? Richtiger gefragt: Für wen? Mutter Teresa tat es, wie Maasburg anekdotenreich belegt, für Jesus, den sie   gemäß seiner eigenen Worte (Mt 25,40)   in den Ärmsten der Armen, in den Geringsten seiner Brüder erkannte. Mutter Teresa fand den Sinn ihres Lebens, weil sie gerade nicht nach Selbstverwirklichung strebte, sondern nach Dienst am Nächsten. Augustinus fand die ersehnte Ruhe des Herzens, als er aufhörte, um den eigenen Willen zu kreisen und begann, nach dem Willen Gottes zu leben.

Nicht erst die Krisenhaftigkeit unserer Tage hat die Seifenblase der Selbstverwirklichungsillusionen platzen lassen. Das permanente Streben nach Selbstverwirklichung, das ab dem Wirtschaftswunder propagiert wurde, war in sich nicht stimmig, sondern frustrierend. Seit geraumer Zeit jedoch sind auch die äußeren Stützpfeiler weggebrochen. Seit Jahren reiht sich Krise an Krise   von der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 über die Migrationskrise 2015/16 und die globale Corona-Krise ab 2020 bis zum aktuellen Krieg vor unserer Haustüre.

Das „echte Leben“ hat mit Ideologie oder Unterhaltungsindustrie nichts zu tun

All diese Krisen erinnern daran, wie das menschliche Leben diesseits ideologischer Träume und aller Ablenkungen der Unterhaltungsindustrie tatsächlich ist: Sicherheit ist menschheitsgeschichtlich immer der Ausnahmefall, nie der Normalzustand. Für eine in weltanschauliche Watte gepackte, verwöhnte Generation (unsere nämlich) führt der Zusammenbruch der Illusionen im Trommelfeuer immer neuer Krisen unweigerlich in Zukunftsängste und Pessimismus.

Von Kohelet, Augustinus und Mutter Teresa, auch von Viktor Frankl und Mykola Kalymchuk können wir lernen, dass wir den Sinn unseres Seins nicht bei der Jagd nach Selbstverwirklichung finden, auch nicht im noch so tiefen Hineinhören in uns selbst. Sondern nur in der Selbstüberschreitung, im Blick auf andere   und auf den Anderen. Die größten Hindernisse für ein sinnerfülltes Leben sind zugleich die größten Schwächen unserer Zeit: Egozentrik, Oberflächlichkeit und Gottvergessenheit. Die Egozentrik – der Psychiater Raphael Bonelli spricht präziser von Ichhaftigkeit – hält uns im eigenen Selbst gefangen und entfremdet uns vom Du.

Welche Erwartungen hat das Leben an uns?

Die Oberflächlichkeit blockiert den Tiefenblick in das, was Klügere und Nachdenklichere vor oder um uns erkannten und lehrten. Die Gottvergessenheit wirft uns auf diese Welt und auf unsere eigene Lebenszeit zurück. Diese drei Einengungen unseres geistigen und psychischen Radius machen aus dem spannenden Abenteuer Leben einen spießigen Slalom zwischen Lustmaximierung und Frustration. Und sie verhindern den mutigen Sprung von der Selbstverwirklichungsmentalität in die Sinnsuche.

Aber lässt sich angesichts von Kriegen, Krisen und Katastrophen überhaupt ein Sinn finden? Mykola Kalymchuk würde das bejahen. Viktor Frankl auch: "Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, lässt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten." Das schrieb der Psychiater im Dezember 1945, in einer sehr persönlichen Bilanz seiner Zeit im Konzentrationslager. Frankl dreht die Perspektive um: Nicht unsere Erwartungen an das Leben sind relevant, sondern die Erwartungen des Lebens an uns. "Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde."

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