Literaturanalyse

Sind alle Romane letztlich katholisch?

Im Rahmen der Wiener Poetikdozentur „Literatur und Religion“ fragte der Schriftsteller Martin Mosebach: „Was ist der katholische Roman?“
Mosebach: In katholischen Romanen geht es um den gefallenen Menschen und seine Suche nach dem Heil.
Foto: IMAGO / teutopress | Martin Mosebach: In katholischen Romanen geht es um den gefallenen Menschen und seine Suche nach dem Heil.

In seiner Einführung stellte der Theologe Jan-Heiner Tück Martin Mosebach als „keinen Unbekannten im Kontext von Religion und Kirche“ vor und erwähnte im Besonderen dessen Werke „Häresie und Formlosigkeit“ und „Die 21 – Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer“.

Vor deren Hintergrund, sowie in Erinnerung an Gertrud von Le Fort, Evelyn Waugh, Julien Green, Annette von Droste-Hülshoff und andere überraschte die Reaktion Mosebachs auf die ihm für die Wiener Poetikdozentur gestellte Frage „Gibt es einen katholischen Roman?“: „Ich bin Katholik und habe eine Reihe von Aufsätzen über die römisch-katholische Liturgie geschrieben, aber das ist nicht mein Hauptgeschäft; das besteht im Schreiben von Romanen. Dass diese Romane nicht ,katholisch‘ seien, meinen einige Leser hin und wieder verwundert feststellen zu sollen und verbinden dies mit der Anregung, ich könnte doch endlich auch einmal einen ,katholischen Roman‘ schreiben.

„Große Romane durchkreuzen ihre eigenen Theorien, widersprechen ihnen,
ohne sie zu widerlegen, spielen mit ihnen und statten ihre Figuren damit aus,
ohne dass deutlich würde, wann sie sich diese wirklich zu eigen machen“

Es fällt mir nicht leicht, meine Antwort darauf kurz zu fassen … worin genau, das Problem des ,katholischen Romans‘ besteht.“ Worauf Professor Tück ergänzte: „Beim Vorgespräch sagte Mosebach, dass es einen katholischen Roman im Sinne Reinhold Schneiders heute nicht mehr gäbe, aber, dass vielleicht alle großen Romane katholisch seien. Es gehe in ihnen um den gefallenen Menschen und seine Suche nach Heil… Es wäre daher wohl eine besondere Pointe, wenn Rahners These von den ,anonymen Christen‘ im Blick auf den Roman des 21. Jahrhunderts eine Neuauflage erführe, insofern alle großen Romane katholisch sind, selbst wenn die Verfasser und Verfasserinnen anders oder gar nichts glauben.“

„Was ist der katholische Roman?“ – Nach der Definition von Katholisch werden Romane und Erzählungen bezeichnet, „deren Autoren Katholiken sind, die ihre Stoffe unter katholischen Blickwinkeln behandeln“, spannte Mosebach einen Bogen über die Literaturgeschichte, und kam zu dem Ergebnis: „Wenn man heute vom ,katholischen Roman‘ spricht, meint man ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Das mag verblüffen, denn mit dem Renommee der katholischen Kirche sah es in diesem Jahrhundert unter Intellektuellen nicht gut aus. Was dem Ansehen der Kirche unter den Künstlern wohl am nachdrücklichsten schadete, war die Kontrolle, die sie über die Werke der Fantasie auszuüben versuchte“, meinte Mosebach. Besonders abwegig wirkt auf ihn der „Index librorum prohibitorum“ im Hinblick auf die schöne Literatur.

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„Ein Roman oder eine Erzählung ist nun einmal kein konsistentes, philosophisches Lehrgebäude. Seit dem 16. Jahrhundert trat zu Gleichnis und Fabel, Traktat und Hagiografie, Versepos und Anekdote der Roman, der von allen diesen Gattungen Elemente enthalten mochte und dennoch zu keiner von ihnen gehörte. Bei manchen Autoren verschlingt der Roman eine staunenswerte Menge an Gedanken und Thesen und Theorien, ohne dass man sagen dürfte, dass er mit diesen Reflexionen identisch wäre, oder zu ihrem Transport diente, oder, dass sie auch nur für seine Atmosphäre entscheidend sein könnten.

Große Romane durchkreuzen ihre eigenen Theorien, widersprechen ihnen, ohne sie zu widerlegen, spielen mit ihnen und statten ihre Figuren damit aus, ohne dass deutlich würde, wann sie sich diese wirklich zu eigen machen. In einem genuinen Roman widerfährt es den großen Gedanken und Wahrheiten der Menschheit, aber auch den Wahngebilden und Häresien, dass sie ins Säurebad der vielgestaltigen, beinahe schon ungeformten Realität getaucht werden. Und was ihnen darin geschieht, ob sie darin überleben oder zerfressen werden, scheint dem Erzähler gleichgültig zu sein.“

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Mosebach fragte nun, welche Funktion solch eine Anballung von Prosa wie der neue Roman übernehmen könne. „Man ahnt es schon: Er lässt sich nicht in die Pflicht nehmen, von niemandem und von nichts. Belehrung wird sich aus einem reichen Organismus immer ziehen lassen, aber darauf kommt es dem Roman seinem Wesen nach nicht an. Bei katholischen und protestantischen Seelenführern erregten Romane daher schon im 18. Jahrhundert Misstrauen. Mit einer gewissen Berechtigung fragte man erst gar nicht lang, ob die entsprechenden Werke gut oder schlecht seien. Es war schon das freie Schweifen der Fantasie, die moralische Unbestimmtheit, die der ganzen Gattung eigen war und ist, das als gefährlich für das Seelenleben der Schäfchen angesehen wurde.“

Infolge entstand daraus die katholische Literatur des 20. Jahrhunderts, deren Verfasser es vermochten, als „gelernte Katholiken mit der Spannung zwischen dem offiziellen Lehramt und dem eigenen künstlerischen Gewissen zu leben“, gleichwohl damit nicht geklärt ist, ob ihr Œuvre auch echte Romane beinhaltet, weil diese als katholische Romane bestimmten inhaltlichen Beschränkungen unterliegen, die „der künstlerischen Arbeit ein Gewicht anhängen“, insofern festgelegt sei, welches Ergebnis bei einer bestimmten Behandlung des Stoffs herauskommen darf und was nicht.

Schriftsteller rechnen mit Ordnung hinter dem Chaos

Letzten Endes meldete Mosebach noch Zweifel an seinem Zweifel an der Existenz des katholischen Romans an, und fand auch damit Anklang beim Publikum: „Im Bewusstsein, wie fragmentarisch meine Antwort auf die gestellte Frage ausgefallen ist, stelle ich mir die weitere Frage, ob erzählende Literatur ganz allgemein ohne den Glauben, dass die Welt darstellbar sei – und das ist ein religiöser Glaube – überhaupt geschrieben werden kann. Alle erdenklichen Mittel einen Stoff zu erzählen, rechnen mit einer Ordnung hinter dem Chaos.“ Mosebach zitierte nun Nietzsches „Götterdämmerung“ mit den Worten: „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.“

Aber da war Mosebach anderer Auffassung, denn wenn „Nietzsches Verdacht zutrifft, wenn also sein Glaube an die Grammatik sich notwendig mit dem Glauben an Gott verbände, dann würde die katholische Literatur unversehens zu einer Unterabteilung, einem Spezialfall im Riesengebäude der Literatur, freilich in einem ganz anderen Sinn als anfänglich angenommen“.

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