Heilschlaf

Sieben Meisterschläfer erwachten in einer neuen Welt

Auch genial: Wenn die Zeit aus den Fugen geraten ist, bietet sich das Modell der Siebenschläfer an.
Schlafen unterm Gipfelkreuz
Foto: dpa | Ruhen am Gipfelkreuz: Wie lang wird dieser Schläfer wohl abtauchen?

Der Siebenschläfer hat keine Schlafprobleme. Mitte September legt er sich mit voll gefressenem Wanst in seine Höhle und fragt nicht, ob sich die Erde im nächsten Jahr noch dreht. So Gott will, erwacht er im Marienmonat Mai und nimmt die Welt wie sie dann sein wird. Hat die Erderwärmung zugenommen, zeugt er keine Nachkommen. Denn er könnte sie nicht ernähren. Nach einer alten Bauernregel gibt er am 27. Juni eine Wetterprognose für die kommenden sieben Wochen ab. Das Wetter des Siebenschläfertages zeigt, worauf sich Landwirte einzustellen haben.

Im Gegensatz zum Siebenschläfer leiden viele Menschen unter Schlafstörungen. Die Ursachen sind in den meisten Fällen bekannt: Fallende Börsenkurse und steigender Alkoholkonsum, eine Tochter, die sich als Junge neu erfindet und ein Partner, der Restlebenszeit mit einem Mann verbringen will. Es gibt Tage, da möchte man sich wie der Siebenschläfer in die Betthöhle legen und die Decke über den Kopf ziehen. Wenn der Siebenschläfer schläft, dann schläft er. Er hört nichts und sieht nichts – auch ohne Oropax. Die kleinen putzigen Graufelle kennen keine Albträume.

Schlafen, um die Identität zu wahren

 

 

Zum ersten Mal wurde die Siebenschläfertherapie durch Bischof Gregor von Tours (538-594) aufgezeichnet. Ihr folgte Jacobus de Voragine in seiner „Legenda aurea“. Die Legende erzählt von sieben Langschläfern, die fast 200 Jahre in einer Höhle bei Ephesus den Zeitgeist verschliefen. So bewahrten sie ihre Identität. Ein Schlaf von dieser Länge galt den Theologen als unglaubwürdig, weshalb die Legende von der genialen Bruderschaft der Extremschläfer als Lügengeschichte verworfen wurde. Im Cyperspace gehören gewaltige Zeitsprünge zur Voraussetzung für Reisen zurück in die Zukunft. Weltraumfahrer werden sich vielleicht eines Tages die Weisheit der Siebenschläfer zunutze machen, um Lichtjahre entfernte Galaxien zu erreichen.

Die sieben Meisterschläfer waren Christen. Unter Kaiser Decius (249-251) gerieten sie in eine Verfolgung Andersdenkender. Anpassung an den Zeitgeist war gefordert. Wer sich dem Mainstream nicht beugte, wurde unter Druck gesetzt, bekam bestenfalls Bedenkzeit und hatte dann die Konsequenzen zu tragen. Die Unterwerfung war ritualisiert. Man hatte öffentlich dem Götzenbild des Kaisers zu opfern. Nur Menschen mit Märtyrersinn widersetzen sich. Die sieben Glaubensbrüder waren keine Helden und sind deshalb unserer glaubensfernen Zeit so nahe. Wie ängstliche Hasen tauchten sie unter, verbargen sich zuerst in ihrem Haus, verließen dann die Stadt und fanden in einer Höhle Zuflucht. Ein Bruder mit Namen Malchus schlich sich unerkannt in die Stadt und besorgte Nahrung. Der Kaiser setzte die Eltern der Siebenergruppe in Sippenhaft und zwang sie zur Preisgabe des Verstecks. Dann ließ er die Höhle zumauern. Aus dem Ort der Zuflucht wurde ein Grab.

„Der Heilschlaf im Tempel (Inkubationsschlaf) ist auch für die Kirche
der heiligen Ärzte Kosmas und Damian in Konstantinopel bezeugt“

„Lebendig begraben zu werden, ist ohne Frage die grauenvollste aller Martern, die je dem Sterblichen beschieden wurde“, bezeugt Edgar Allan Poe in seiner Erzählung „The Premature Burial, 1844). Gott aber hatte einen anderen Plan. Er versenkte die Eingeschlossenen in einen Tiefschlaf.

Eine Nacht über den kleinen Problemen des Alltags zu schlafen, kann heilsam sein. Die Lösung stellt sich in den meisten Fällen wie von selbst ein. Wenn die Zeit aus den Fugen geraten ist, bietet sich das Modell der Siebenschläfer an. Höhlen dienten dem Heilschlaf: Im griechischen Epidauros gab es ein Heiligtum des Asklepios mit einem Labyrinth. An diesen Kraftort kamen Menschen zu einer Schlaftherapie. Der Heilschlaf im Tempel (Inkubationsschlaf) ist auch für die Kirche der heiligen Ärzte Kosmas und Damian in Konstantinopel bezeugt. Manche Wunden heilen sehr langsam. Das gilt besonders für die Erfahrung von Vertreibung und Flucht. Sie prägt noch kommende Generationen. Deshalb ist der Zeitraum von 200 Jahren zur Heilung der Traumata realistisch gewählt. Unter Kaiser Theodosios II. hatten sich die Verhältnisse grundlegend geändert. Ein Ziegenhirte öffnete die Mauer, weil er eine Stallung für seine Herde bauen wollte. Da erwachten die Siebenschläfer und glaubten, sie hätten nur eine Nacht geschlafen.

Der Tod als Heilschlaf

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Nicht nur Zeiten, auch Zahlungsmittel wechseln. Die alten Silbermünzen mit dem Bildnis des Diktators waren ungültig geworden. So fiel Malchus beim Einkauf von Lebensmitteln in Ephesus auf. Geld weckt Gier. Fragen zum Fundort des Schatzes wurden gestellt. Malchus schwieg und hatte bald einen Strick um den Hals. Da war sie wieder, die Angst. Der Erwachte „stand wie ein Irrer (,quasi insanus‘) mitten in der Volksmenge“. Schließlich erkennt er, dass seine Angst durch den Wandel der Zeit gegenstandslos geworden war. Ein Bischof klärt die Situation: „Das ist ein Wunder, das Gott uns an diesem jungen Mann erzeigen will.“ Eine riesige Volksmenge pilgert nun zur Höhle („spelunca“): „Und als sie die Heiligen Gottes in der Höhle sitzen und ihr Antlitz wie Rosen blühen sahen, fielen sie nieder und priesen Gott.“ Selbst der Kaiser beugt die Knie und umarmt anschließend zu Tränen gerührt jeden der Siebenschläfer. In ihnen erkennt er das Wunder der Auferstehung des Lazarus. Jesus hatte ihn auf Bitten seiner Schwestern Martha und Maria wieder ins Leben gerufen.

Zu allen Zeiten gab es Strömungen, in denen sich der Glaube an die leibliche Auferstehung verflüchtigt hatte. Die Legende lehrt den Realismus der Auferstehung. Der Tod ist wie ein Heilschlaf, ein Gesundwerden von den Wunden, die das Leben schlug. Die Kulturgeschichte kennt viele Langschläfer. Nicht alle werden von Gott in einen heilsamen Schlummer versetzt. Das Märchen kennt böse Schwiegermütter, Hexen und eifersüchtige Feen, die unschuldige Jungfrauen in den Tiefschlaf versetzen. Doch in der Welt des Glaubens kann selbst der böse Anschlag zum Guten gewendet werden. Schneewittchen und Dornröschen sind ferne Schwestern der Siebenschläfer. Nur von außen kann ihnen Hilfe zuteil werden.

Schlafen, um Kraft und Kreativität zu tanken

Das Erlösungsmärchen der „Sleeping Beauty“ hat die Präraffaeliten fasziniert. Maler wie Edward Burne-Jones pflegten durch ihre romantisierten Bilder eine Art Heilschlaf im Zeitalter des Triumphs der Technik und der Naturwissenschaften. Zu ihren Helden gehörte auch der schlafende König Artus. Die Fee Morgan hatte ihn auf das Inselreich von Avalon entführt und hier in einem Tiefschlaf versetzt, der noch immer andauert. Der Schlaf schenkt neue Kraft und Kreativität. Adam und Eva sind das Urbild aller genialen Paare. In ihnen entfaltet sich die Einheit zur Zweiheit, damit sie im Mysterium der Begegnung wieder eins werden kann. Bei der Erschaffung von Adam und Eva versenkte Gott den Urmenschen in einen Tiefschlaf. Aus ihm ging das Wunder der Begegnung hervor.

Ein nordischer Bruder des im Kyffhäuser schlafenden Kaisers Barbarossa ist der Däne Holger Danske. Er schläft mit vollem Waffenornat in den Kasematten des Schlosses Kronborg in Helsingborg, jener Festung, auf der Hamlet sein Unwesen getrieben haben soll. Eine dänische Widerstandsgruppe gegen die deutschen Besatzer gab sich den Namen „Holger Danske“. Langschläfer haben ein ruhiges Gewissen, denn die engagieren sich für eine gute Sache. Unholde schlafen nie. Sie wissen, dass ihre Tage gezählt sind, deshalb suchen sie halb Europa in ihren eigenen Untergang hinabzuziehen. Das gilt für die alten und die neuen Diktatoren.

Ein Leben im Wesentlichen

Nicht jeder erwacht aus dem vergifteten Schlaf. Nicht jeder findet sein Refugium in böser Zeit. Die Siebenschläfer haben ein beneidenswertes Schicksal. Aber wie alles, was lebt, mussten auch sie nach ihrer Auferstehung aus der Höhle noch einmal sterben. Ob der ängstliche Malchus dem Bruder Tod gelassener ins Auge geblickt hat? Zu den vielen Varianten der auch im Islam bekannten Legende gehört ein Hund. Wie der Siebenschläfer verschlafen die Hunde den größten Teil ihres Lebens. Sie leben im Wesentlichen und strahlen deshalb für den Menschen im kreativen Müßiggang jene Ruhe aus, die Dürer mit der Bücherhöhle des Heiligen Hieronymus ins Bild gesetzt hat. Auch Siebenschläfer unter dem Dach oder Carport beruhigen die Nerven. Im Gegensatz zu Mardern sind sie stille Hausgenossen.

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