Wiederaufbau von Notre-Dame

„Sie ist ein lebendiges Bauwerk“

General Jean-Louis Georgelin, Sonderbeauftragter Emmanuel Macrons für den Wiederaufbau von Notre-Dame, im Exklusivgespräch.
Notre-Dame de Paris
Foto: davidbordes.com | Notre-Dame de Paris im Dezember 2022: Das Gerüst der Vierung wird bis zur Wiedererrichtung des Vierungsturms eine Höhe von 100 Metern erreicht haben.

Herr General, Sie sind ehemaliger Generalstabschef des Heeres. Wie sind Sie an die Spitze des Wiederaufbaus der Kathederale Notre-Dame de Paris gelangt?

Notre-Dame de Paris ist nicht in erster Linie eine Baustelle: Sie ist ein lebendiges Bauwerk, das als Zeichen der Einheit aller Franzosen einen Platz im Herzen der Nation innehat. Sie ist ein nicht wegzudenkender Zeuge unserer Geschichte, in der sich alles vereint, was unser Land bewegt. Sie ist ein Meisterwerk aller Künste, in dem sich das Genie der Baumeister von gestern und heute widerspiegelt. Das haben wir alle am Abend des 15. April 2019 beim Anblick der brennenden Kathedrale auf diffuse Weise gespürt und genau das spüren wir auch heute noch bei der Restaurierung dieses Monuments für die Zukunft. Aus diesem Grund wollte der Präsident der Republik den Wiederaufbau zu einer nationalen Herausforderung machen und alle Energien mobilisieren, um Notre-Dame innerhalb einer Frist von fünf Jahren wieder für den Gottesdienst und die Besichtigung zugänglich zu machen. Wie alle anderen war auch ich von dem Brand tief erschüttert. Schon am folgenden Tag wurde ich in den Élysée-Palast gerufen. Der Präsident der Republik suchte für die Leitung der Baustelle einen Katholiken, der eine hohe Verantwortung im Staat getragen hatte und einen Ruf als Autorität besaß. Ich sagte ohne Zögern zu. Diese Aufgabe ist eine Ehre, der man nur mit Demut begegnen kann.

"Diese Aufgabe ist eine Ehre,
der man nur mit Demut begegnen kann"

Wie weit sind Sie heute, zwei Jahre vor der Wiedereröffnung der Kathedrale, die für 2024 geplant ist, mit den Bauarbeiten gekommen?

Wir ernten jetzt die Früchte all der Arbeit, die wir seit nunmehr über drei Jahren geleistet haben. Zusammen mit Philippe Villeneuve, dem Chefarchitekten für historische Denkmäler, meinem Team und den Handwerksmeistern kämpfen wir darum, die Kathedrale 2024 wieder für Gottesdienste und Besichtigungen zugänglich zu machen. In seinem jüngsten Bericht vom 6. Oktober stellt der Rechnungshof fest, dass „die Voraussetzungen für eine Wiedereröffnung der Kathedrale im Jahr 2024 heute gegeben zu sein scheinen“. Die Sicherungs- und Konsolidierungsarbeiten an der Kathedrale hatten bereits am Tag nach dem Brand begonnen. Sie wurden trotz aller Unwägbarkeiten, darunter die Bleiverschmutzung, die Gesundheitskrise und die Witterungseinflüsse, gemäß dem festgelegten Zeitplan im Sommer 2021 abgeschlossen.

Lesen Sie auch:

Die eigentliche Restaurierungsphase ist nun voll angelaufen: Die Rekonstruktion des bei dem Brand eingestürzten Steingewölbes im nördlichen Querschiff wurde gerade abgeschlossen. Die Holzbögen zur Rekonstruktion der Steinbögen und des Okulus des großen Gewölbes in der Vierung des Querschiffs sind nun angebracht. Steinbildhauer arbeiten in der großen Skulpturenhalle, die vor der Fassade der Kathedrale errichtet wurde. Die Innenreinigung und -restaurierung im südlichen Arm des Querschiffs ist abgeschlossen und die Reinigung und Restaurierung der Wandmalereien der Chorkapellen und des Kunstmobiliars der Kathedrale ist in vollem Gange.

Wie viele Personen arbeiten an der Restaurierung der Kathedrale?

Fast 300 Handwerksgesellen und -meister, Kunsthandwerker und Vorarbeiter arbeiten derzeit in der Kathedrale. Auf dem Höhepunkt der Restaurierung werden fast 500 von ihnen auf der Baustelle tätig sein. Hinzu kommen die zahlreichen Handwerker und Kunsthandwerker, die überall in Frankreich in ihren Werkstätten an der Arbeit sind: Orgelbauer in den Departements Corrèze, Hérault und Vaucluse, Glasermeister in den Departements Aube, Côte-d'Or, Essonne, Rhône und Sarthe und natürlich die des Kölner Doms, Steinbrucharbeiter in den Departements Oise und Aisne, Gemälderestauratorinnen in Essonne, die die 22 Monumentalgemälde reinigen, Zimmerleute, die in Meurthe-et-Moselle die für das Gebälk des Vierungsturms benötigten Teile und in Maine-et-Loire und Eure die für das Gebälk des Chors und des Kirchenschiffs benötigten Teile herstellen. Wenn die Restaurierungsarbeiten erst einmal in vollem Gange sind, werden in ganz Frankreich über 1.000 Menschen gleichzeitig an der Wiedererstehung dieses Meisterwerks der Gotik arbeiten.

"Wenn die Restaurierungsarbeiten erst einmal
in vollem Gange sind, werden in ganz Frankreich
über 1.000 Menschen gleichzeitig an der
Wiedererstehung dieses Meisterwerks der Gotik arbeiten"

Würden Sie also sagen, dass hier ein typisch französisches „Savoir-faire“ an der Arbeit ist?

Ja, zweifellos gibt es ein französisches „Savoir-faire“! Die Baustelle von Notre-Dame ist auch eine Vitrine der französischen Exzellenz. Seit mehr als drei Jahren werden in ganz Frankreich unsere besten Fähigkeiten und Kenntnisse mobilisiert. Ich freue mich, dass der Wiederaufbau dazu beiträgt, diese ins Rampenlicht zu rücken und damit Menschen für diese Berufe zu interessieren.

Wie konnten die für die Restaurierung der Kathedrale erforderlichen Mittel aufgebracht werden?

Der Brand vom 15. April 2019 hat eine beispiellose Welle der Solidarität ausgelöst. 846 Millionen Euro von 340.000 Spendern aus 150 Ländern wurden gesammelt. Dank dieser entscheidenden Unterstützung können wir die Finanzierung der Bauarbeiten gelassen angehen. Die Großzügigkeit dieser Spender ist der Zement, der dieses architektonische Meisterwerk wieder in seiner ganzen Pracht erstrahlen lässt. Darüber hinaus können wir auf zahlreiche Sach- und Fachbeiträge zählen. So restauriert die Kölner Dombauhütte – in Ergänzung zu acht französischen Glaserwerkstätten, die nach Ausschreibungen ausgewählt wurden, – vier Fenster des Kirchenschiffs. Diese deutsch-französische Zusammenarbeit wurde durch die Mobilisierung der Einwohner Nordrhein-Westfalens im Rahmen einer öffentlichen Spendenaktion ermöglicht, die vom Land Nordrhein-Westfalen und der Deutschen UNESCO-Kommission organisiert wurde. Ich möchte ihnen dafür sehr herzlich danken.

Seit dem Gesetz von 1905 gehört Notre-Dame de Paris dem französischen Staat und nicht mehr der Kirche. Wie arbeiten Sie mit dem Erzbistum Paris zusammen, das Nutznießer der Kathedrale ist?

Warum sollte das kompliziert sein? Die öffentliche Einrichtung, die mit der Erhaltung und Restaurierung der Kathedrale beauftragt ist und deren Vorsitzender ich bin, ist Bauherr der Restaurierungsarbeiten an Notre-Dame. Der Erzdiözese von Paris obliegt die Entscheidung über die liturgische Innenausstattung. Mit dem Erzbischof von Paris, Laurent Ulrich, findet ein ständiger Dialog statt. Vor Kurzem hat er Beratungen eingeleitet, die ihn dabei unterstützen werden, die liturgische Ausstattung auszuwählen, die für die Wiederaufnahme des Gottesdienstes erforderlich ist.
Wir sind gemeinsam mit Entschlossenheit und Zuversicht auf dem Weg, der zur Wiedereröffnung der Kathedrale im Jahr 2024 führen wird.


Zur Person:
Jean-Louis Georgelin, Jahrgang 1948, war von 2006 bis 2010 Generalstabschef der französischen Streitkräfte. Zuvor fungierte er vier Jahre lang als Stabschef von Präsident Jacques Chirac. Jean-Louis Georgelin ist Benediktineroblate, Mitglied der Katholischen Akademie Frankreichs und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

2019 holte Präsident Emmanuel Macron den General zurück aus dem Ruhestand und setzte ihn als Sonderbeauftragten des Präsidenten der Französischen Republik an die Spitze der öffentlichen Einrichtung, die mit der Erhaltung und Restaurierung der Kathedrale Notre-Dame de Paris beauftragt ist.

Weitere Infos:

Soziale Medien
Verfolgen Sie die Neuigkeiten vom Wiederaufbau der Pariser Kathedrale unter @rebatirnotredamedeparis auf Facebook und Instagram.

Neue Ausstellung unter dem Vorplatz von Notre Dame
Ab dem 23. Februar 2023 öffnet die Ausstellung "Notre-Dame de Paris: au cœur du chantier" (Notre-Dame de Paris: im Herzen der Baustelle) ihre Pforten in unmittelbarer Nähe der Kathedrale. Der Rundgang beleuchtet die Abläufe auf der Baustelle und das Know-how, das dort täglich zum Einsatz kommt. Die Besucher erhalten einen Einblick in die wichtigsten Momente des Wiederaufbaus und können ein pädagogisches Modell der Kathedrale besichtigen, das ihnen einen detailgetreuen Eindruck des Baus vermittelt. Sie können auch die Überreste des Brandes und Kunstwerke aus der Kathedrale aus nächster Nähe betrachten. 

Zeitschrift der Restaurierung
-Lesen Sie die vierte Ausgabe der Zeitschrift „La Fabrique de Notre-Dame“ über die Restaurierung der Kathedrale. Erhältlich auf Französisch oder Englisch
116 Seiten - 12 € (der gesamte Erlös kommt dem Restaurierungsprojekt zugute). 
Bestellung: https://boutique.connaissancedesarts.com/produit/la-fabrique-de-notre-dame-n-4 

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Franziska Harter Emmanuel Macron Erzbistum Hamburg Kölner Dom Notre-Dame Wiederaufbau

Weitere Artikel

Der Sonderbeauftragte für den Wiederaufbau der Pariser Kathedrale Notre-Dame, General Georgelin, spricht im Exklusivinterview über den aktuellen Stand der Restaurierungsarbeiten.
14.12.2022, 13 Uhr
Vorabmeldung
Der Wiederaufbau des Pariser Gotteshauses nimmt den Betrachter mit auf eine einzigartige Zeitreise in die Phase der Erbauung gotischer Kathedralen.
13.12.2022, 18 Uhr
Vorabmeldung
Kathedralenbauer am Werk: Zum Fest der Unbefleckten Empfängnis 2024 soll Notre-Dame de Paris in neuem Glanz erstrahlen.
16.12.2022, 07 Uhr
Franziska Harter

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
In der EU zeigt sich ein besorgniserregender Trend: Religionsfreiheit wird mehr und mehr auf Gewissens- und Meinungsfreiheit reduziert.
28.01.2023, 11 Uhr
Stephan Baier