Kunstbetrachtung

Schönheit und Wahrheit bedingen einander

Die modernen Menschen werden um eine tiefe Erfahrung des Menschseins gebracht, wenn ihnen die Möglichkeit genommen wird, in eine Art Zwiesprache mit großer Kunst einzutreten. Ein kurzes Plädoyer für eine neue Rezeption von Kunstwerken.
Michelangelo Pieta, St. Peter
Foto: Marko Rupena | Michelangelos Pieta im Petersdom im Rom berührt eigentlich jeden Betrachter wegen ihrer Schönheit.

Als die 68er sich anschickten, das „Wahre, Schöne und Gute“ zu verunglimpfen und die „Bildungsbürger“ lächerlich zu machen, dachten sie wohl, dass sie damit den Stein der Weisen gefunden hätten und sämtliche nachfolgenden Generationen ihrer bahnbrechenden Entdeckung widerspruchslos folgen würden. Sie rechneten nicht damit, dass auch unter den Nachgeborenen immer wieder selbstständig denkende und des objektiven Beobachtens fähige Individuen zwischen realen Tatsachen und Behauptungen, und seien diese auch noch so fein ziseliert, würden unterscheiden können. Ideologien machen sich stets die Tatsache zunutze, dass der Mensch nicht nur mit angeborenen Fähigkeiten auf die Welt kommt, sondern auf dieser zunächst eine ganze Menge zu lernen hat, bevor er sich mit einem gewissen Maß an Selbstständigkeit in den Kampf des Lebens stürzen kann.

Diese Phase des notwendigen Lernens ist das Einfallstor für sämtliche Irrlehren, aber natürlich auch für das Sammeln von Erfahrungen und das Übernehmen bisheriger Erkenntnisse der Menschheit, um daraus Schlüsse für ein konstruktives und sinnerfülltes Leben ziehen zu können. Aus diesem Grunde ist dieses jugendliche Lebensalter, in dem der Mensch noch besonders aufnahmefähig, aber mehr oder weniger unfähig ist, langfristige Konsequenzen des eigenen Tuns abzuschätzen, ein heiß umfehdetes Schlachtfeld ebendieser Ideologien.

„Hinter all dieser unfassbaren Schönheit stehen Menschen,
die ihr Leben für das Erlernen und Ausüben ihrer Kunst eingesetzt
und dadurch auch einen Hinweis auf den göttlichen Funken im Menschen geliefert haben,
Menschen, für die der Begriff „Selbstüberwindung“ kein leeres Wort geblieben ist“

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Jede von ihnen möchte einerseits die Begabtesten jeder neuen Generation an sich ziehen und sie andererseits vor tiefen seelischen Erfahrungen abschirmen, damit sie zu ergebenen Erfüllungsgehilfen abstruser Weltanschauungen werden, ohne jemals mit dem wahren Leben und dem eigentlichen Menschsein in Berührung gekommen zu sein. Das war bei den 68ern nicht anders, und die verheerenden Folgen dieser im besten Falle gutgemeinten Ahnungslosigkeit müssen wir bis heute und wahrscheinlich noch für lange ausbaden.

Mir ist eines Tages klar geworden, dass auch die Fähigkeit, das „Schöne“, das grundsätzlich in enger Beziehung zum „Wahren“ steht, als solches erkennen und in Freiheit bewundern zu können, erlernt und nach Möglichkeit gepflegt werden möchte. Wie sonst ließe es sich erklären, dass Museen und Kirchen, in denen unfassbar viel Schönes gehütet und präsentiert wird, immer leerer werden, während die grauenhaftesten pseudo-ästhetischen Absonderungen im Internet Millionen von vor allem jungen Menschen vor die Bildschirme locken? Ich meine, dass es objektive Schönheit gibt und diese nicht immer nur subjektiv „im Auge des Betrachters“ liegt, wie gerne schlagwortartig behauptet wird, auch wenn dieses natürlich, wie bei jeder Form von Kommunikation einen beträchtlichen Anteil an dieser Rezeption hat.

Der "Wert" der Kunst lässt sich nicht am Marktwert festmachen

Diese Schönheit ist eine Art Kristallisation des göttlichen Geistes innerhalb der materiellen Schöpfung, die durch den einzelnen Künstler, der sich dieser Inspiration öffnet, die Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung respektiert und dem die Fähigkeit zur Umsetzung geschenkt ist, sicht-, hör- oder spürbar gemacht wird. Zur mangelnden Sensibilisierung für das Schöne gesellt sich heute aber auch noch eine Vernebelung der Geister, ohne die es nicht möglich wäre, dass der Kanon des Schönen derart umgestaltet oder zurückgedrängt wird. Kann ein gesundes, unbefangenes Gemüt beim Anblick der Pietà Michelangelos in Rom unberührt bleiben, ohne durch deren Schönheit - von der Virtuosität und tiefen Kenntnis menschlichen Leidens des Künstlers ganz zu schweigen - in der Tiefe der Seele erschüttert zu werden?

Stellt sich niemand mehr die Frage, wie es möglich war, dass ein 24-25jähriger Jüngling ein derartiges Werk aus dem Marmor hauen oder „befreien“ konnte, wie er es selbst formulierte? Was ist da im Bewusstsein des Menschen über das, was er ist oder sein kann, verloren gegangen, wenn er sich so leicht einreden lässt, irgendwelche unter hohem technischen und zuweilen auch finanziellen Aufwand geschaffene Nichtigkeiten hätten auch nur entfernt etwas mit Kunst zu tun, während er sich massenweise durch gotische oder romanische Kathedralen schieben lässt, ohne auch nur bei einer einzigen hinreißenden Skulptur zu verweilen, die vor ein paar hundert Jahren von Menschen geschaffen wurde, deren Namen heute niemand mehr kennt?

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Die Kirche hat seit Jahrhunderten eine Geschichte zu erzählen

Kaum jemandem kommt es noch in den Sinn, sich vielleicht einmal eine halbe oder vielleicht sogar eine ganze Stunde vor einen Schnitzaltar von Veit Stoß oder Michael Pacher, oder vielleicht auch nur zwanzig Minuten vor eine geschnitzte Heiligenstatue zu setzen und darüber nachzusinnen, was ein solches Werk uns heute noch über die tiefe Bedeutung des Menschseins zu sagen hätte?

Wo sind die Kinder, die sich trauen, in Museen, die zweifelhaften Künstlern bereits zu Lebzeiten gewidmet werden, laut zu verkünden, dass der Kaiser nackt ist, während man bereit ist, unreflektiert aber dennoch mit dem Brustton der Überzeugung mit ein paar Worten eine Kirche zu verdammen, die seit Jahrhunderten eine Geschichte zu erzählen weiß, die das Innerste des Menschen betrifft und namenlose Künstler sonder Zahl, aber auch einige bis heute berühmte Meister zu Kunstwerken inspirierte, hinter denen sich das Meiste, was heute auf dem zum Markt gewordenen Kunstwesen Millionenpreise erzielt, welthistorisch nur noch verschämt verstecken kann?

Gängigen "Kunstinterpretation" zu widersprechen, bedarf des Mutes

Solche Feststellungen bergen natürlich die Gefahr, mit Häme und Verachtung bedacht zu werden. Sei´s drum, Klarsicht bezahlt man immer mit Peitschenhieben von Zeitgeist und Mainstream. So what? Meinungsfreiheit ist für manche eben eine sehr relative Angelegenheit. Angst aber ist bekanntlich ein denkbar schlechter Ratgeber - war es immer schon. Wenn es seitenlanger Abhandlungen bedarf, um ein Werk als „Kunst“ zu rechtfertigen, dann stimmt da etwas nicht. Zweifellos gibt es unzählige Formen und Inspirationsquellen von Kunst, aber der Kopf allein genügt im Allgemeinen nicht. Gottes verlängerter Arm geht durch das Herz.

Nur weil ich selbst wohl niemals in der Lage sein werde, auch nur annähernd Ähnliches hervorzubringen, kann mich niemand daran hindern, in atemloser Bewunderung vor dem zu stehen, wozu andere Menschen einstmals fähig waren, als noch nicht Maschinen und Computer unser Weltbild um einige Dimensionen ärmer gemacht hatten. Auch wenn es jetzt wahrscheinlich anders klingt, geht es mir weniger darum, den Esel zu prügeln, als vielmehr um das Bedauern, dass Menschen um eine tiefe Erfahrung des Menschseins gebracht werden, wenn ihnen die Möglichkeit genommen wird, in eine Art Zwiesprache mit großer Kunst einzutreten.

Die Einbeziehung Gottes in das Schaffen, gibt der Kunst einen Sinn

 

 

Jeder Künstler sollte sich bewusst sein, dass er für die Schaffung oder für die Interpretation eines Kunstwerkes auf die Kooperation mit immateriellen und sehr oft unvorhersehbaren Dimensionen angewiesen ist. Wer eine einstündige Symphonie für 150 Musiker schreibt, wer diese zur Aufführung bringt, wer sich anschickt, den ersten Stein einer romanischen oder gotischen Kathedrale auf den Boden zu legen, einen monumentalen Flügelaltar zu schnitzen, oder ein Bild zu malen, das tausend Geschichten erzählt, der weiß, dass er ohne das, was ich eher profan als „Genie des Augenblicks“, und zwar des noch kommenden Augenblicks und der unzähligen auf diesen folgenden Augenblicke, bezeichnen möchte, nichts Bedeutendes zuwege bringen wird. Christen nennen dieses Unvorhersehbare und doch unbedingt Notwendige „Gott“.

Das Einbeziehen Gottes und das Vertrauen darauf, dass sich dieser Unfassbare, dieses Alpha und Omega jeden Seins auch morgen und übermorgen noch einbeziehen lässt, ist die Voraussetzung für die Schaffung eines ansonsten vielleicht nicht weiter sinnvoll erscheinenden Werkes, das den Namen „Kunst“ verdient. Dabei ist es gleichgültig, ob sich der Schaffende dieser Zusammenhänge bewusst ist oder nicht. Gott ist auch Demut und erhebt niemals Ansprüche auf Urheberrechte. Das entsprechende Bewusstsein kann die Freude an der Arbeit exaltieren, aber auch ohne dieses ist es natürlich möglich. Großes zu schaffen. Ohne das Bewusstsein, wohlgemerkt, nicht ohne die angesprochene immaterielle Kraft!

Inspiration aus der stetigen Erneuerung des Geistes

Europa ist übersät mit unfassbar vielen und im tieferen Sinne „schönen“ Kunstwerken. Selbstverständlich sind nicht alle biblisch, nicht alle sind Frucht der Katholischen Lehre, aber nicht wenige. In fast jedem Dorf steht noch eine Kirche und wartet geduldig auf Besucher. Nicht selten lassen sich hier Kunstwerke von großer Tiefe entdecken, Altäre, Skulpturen, Bilder, Fresken en masse. Der Kontrapunkt, Merkmal der europäischen Musik, lässt sich als christlich inspiriert interpretieren.

Hinter all dieser unfassbaren Schönheit stehen Menschen, die ihr Leben für das Erlernen und Ausüben ihrer Kunst eingesetzt und dadurch auch einen Hinweis auf den göttlichen Funken im Menschen geliefert haben, Menschen, für die der Begriff „Selbstüberwindung“ kein leeres Wort geblieben ist. Um ein großer Künstler zu sein, muss man sich tatsächlich ganz klein machen, um dadurch auch ein Bewusstsein für die unendliche Größe der Schöpfung zu bekommen. Auch die Angst, es könnte einem die Inspiration ausgehen, ist nicht angebracht, man muss nur eben einen Schritt nach dem anderen gehen, und sobald ein Werk vollendet erscheint, darf man darauf hoffen, dass einem eine neue Idee geschenkt wird, die immer wieder neu auf die stete Erneuerung des Geistes im Menschen hinweist

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