Feuilleton

Religion als Privatsache?

Man hört sie, man glaubt sie – manchmal benutzt man sie auch: Phrasen, deren Wahrheitsgehalt unumstößlich wirkt. Auch mit Blick auf Glaube und Religiosität gibt es mindestens eine Redewendung, die als geradezu sakrosankt erscheint. Skepsis ist geboten. Oder sogar Widerspruch? Von Alexander Kissler
Gefaltete Hände auf einer Bibel
Foto: (96518148) | Hands of an unrecognizable woman with Bible praying

Eine Phrase ist keine Lüge. Zur Phrase wird ein Spruch, wenn er einen wahren Teilaspekt ausspricht und diesen zur ganzen Wahrheit erklärt. Darum kommt die Phrase bezwingend selbstverständlich daher. Dem Widerspruch nimmt sie die Kraft, weil sie die unmittelbare Einsichtigkeit für sich hat. Sie ist gepanzert mit dem gesunden Menschenverstand und verbirgt so ihren angreifbaren Kern. Die Reaktion, die sie provoziert, ist ein tausendfach erprobtes Kopfnicken. Sie ist der Wackeldackel auf der Hutablage im Debattenwagen. Da sitzt sie und sagt immerzu: Ja, so ist es. So ist es wirklich. Es kann nicht anders sein. Und das ist dann doch eine Lüge.

Vorsicht ist geboten bei Sätzen, denen jeder zustimmen kann. Der stärkste Kandidat für einen gefahrlosen Sofortkonsens ist die Aussage, Religion sei Privatsache. Zu oft haben wir den Satz gehört, als dass wir uns die Mühe machten, die Frage zu stellen: Stimmt das denn? Was zeichnet eine Privatsache vor anderen Sachen aus, vor Staatsangelegenheiten und öffentlichen Affären etwa? Und wessen Religion in welchen Formen ist gemeint? Der Satz will, wie es sich für Phrasen gehört, keine argumentative Hintertür offen lassen. Hier soll jede Religion gemeint sein, ohne Ansehung des Bekenntnisses, und jede Form der Ausübung. Der Satz stellt fest, was „ist“, er fordert nicht, behauptet nicht, er will getreues Abbild der Wirklichkeit sein. Höher kann ein Anspruch kaum sein.

Der Privatpatient grenzt sich ab vom Gros der Kassenpatienten, weil ihm eine besondere Behandlung zuteil wird. Das Private meint Sonderung. Es ist nicht das Allgemeine, nicht das Öffentliche. In manchen Sprachen ist das Private gleichbedeutend mit dem Intimen. Wo es privat zugeht, da schaut keiner zu. Da werden die Vorhänge geschlossen, die Lichter gedimmt. Als Privatmann gibt der Bürger sich so, wie er selbst sich begreift. Er repräsentiert nur sein eigenes Ich, keinen Arbeitgeber, keinen Staat. Der private ist der im Verborgenen geborgene unverbogene Mensch.

Zur Welt hat besonders der ein zwiespältiges Verhältnis, der sie sub specie aeternitatis betrachtet. „Welt, ich muss dich lassen“, ist der religionsverbindende Refrain der Gläubigen. Sie strecken sich aus nach dem, was nicht zu sehen, nicht zu greifen ist – noch nicht, hofft der Gläubige. In allen Religionen gibt es eine Gruppe asketisch gesonnener Spiritualitätsathleten, die die Tür zur Welt schon irdisch verschließen. Betrachtung und Gebet und also Vorbereitung ist ihr Tagewerk. Sie wollen nicht überrascht werden, wenn die andere Welt beginnt, das Jenseits, die Ewigkeit, das Nichts. Religion ist ihnen Hingabe, ist ganz und gar ihre Sache.

Im Fremdenzimmer, das der Gast auf Erden sich selbst aus freien Stücken bereitet, ist Religion Privatsache, ist seine Religion seine Privatsache. Die Ausnahme markiert jedoch keine Regel. Privat ist jene Religion, die souverän im Privaten ausgeübt wird, hinter der sich freiwillig die Pforten zur Welt schließen. Verordnete Privatheit wäre ein weltanschauliches Gefängnis samt Wärterschar und Überwachungskamera. Jemand müsste peinlich darauf achten, dass der Gläubige beim Verlassen der vier Wände nicht als Gläubiger erkennbar wäre. Denn draußen ist es unmöglich, nur privat zu sein, lauert überall das soziale Netz der Rollen und der Repräsentationen, und Religion soll ja Privatsache sein.

Dass der Spruch sich unverändert großer Beliebtheit freut, verwundert nicht und ist doch prekär. Der Berliner SPD-Politiker Michael Müller schreibt, für ihn sei „die eigene religiöse Weltanschauung zunächst einmal Privatsache. Etwas, was man nicht verheimlichen, aber auch nicht vor sich hertragen muss.“ Müller gehört der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz an, ist also Protestant. Bezeichnete er seinen Glauben – hier in der säkularistischen Umschreibung einer „religiösen Weltanschauung“ – dezidiert nicht als Privatsache, geriete er in politische Rechtfertigungsnöte, zumal in der mehrheitlich atheistischen Bundeshauptstadt.

Sein niedersächsischer Parteifreund Stephan Weil flog als Ministerpräsident nach Rom zu Papst Franziskus, will aber über die Bedeutung des Christentums für sein Leben keine Auskunft geben. „Das ist Privatsache“: Mehr war ihm nicht zu entlocken. Verbürgt ist, dass Weil vor langer Zeit aus der katholischen Kirche austrat. Im sogenannten „Kruzifix-Streit“ wandte sich der Spitzenkandidat der bayrischen Grünen, Ludwig Hartmann, gegen die obligatorische Anbringung von Kreuzen in bayrischen Amtsstuben, wie sie Ministerpräsident Markus Söder von der CSU verfügt hatte, und erklärte während des Landtagswahlkampfs 2018, „Religion ist Privatsache“. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner pflichtete ihm da bei. In Lindners Worten: „Das Christentum ist nicht die deutsche Staatsreligion, sondern ein persönliches Bekenntnis der Bürger.“ Gewiss ist das Persönliche nicht mit dem Privaten identisch, doch die Tendenz besagt, dass Religion nicht im Öffentlichen, sondern im abgezirkelt Subjektiven zu finden sei.

Die österreichische Initiative „Religion ist Privatsache“ zieht daraus die politische Forderung, die „weitverbreitete Diskriminierung von konfessionsfreien Personen in Österreich“ müsse beendet werden. Die Gegenwart sei „von einer (noch) christlich geprägten Gesellschaft, einem zunehmend politischen Islam und dazwischen einer ständig wachsenden säkularen Schicht gekennzeichnet; weitreichende gesellschaftliche Umbrüche und gar ein ,Kampf der Kulturen‘ scheinen für das 21. Jahrhundert vorprogrammiert zu sein“. Um ein solches Szenario zu verhindern, müsste der „starke und keineswegs zeitgemäße Einfluss der Religionen auf Politik und Verwaltung“ gedämmt werden. Keineswegs jedoch spreche sich die Initiative „gegen einen etwaigen privaten Herrgottswinkel“ aus, „denn Religion ist Privatsache“. Sie wolle lediglich die „Interessen konfessionsfreier Personen noch im Diesseits“ wahren.

Alle diese Stimmen zehren vom laizistischen Erbe jener Spielart von Aufklärung, die sich im strikten Gegenüber zum Glauben und zur Kirche positionierte. Mit den Bastionen der Monarchen sollten in der Französischen Revolution die Festungen der katholischen Kirche fallen. Machtfragen wurden zu Glaubensfragen, in doppelter Bedeutung. Wer die bestehende Ordnung stürzen wollte, durfte deren religiöse Stützpfeiler nicht schonen – so schien es. Der entfesselte Kampf wider unbeugsame katholische Gläubige, wie er etwa in der Vendée wütete und allein dort über 100 000 Todesopfer forderte, zeigte freilich auch dem glühendsten Antimonarchisten, zu welchen Exzessen ein Kult der Vernunft fähig war. Eine weltanschauliche Rückfallposition war fortan die im Privaten, im Herrgottswinkel geduldete, in der Öffentlichkeit jedoch verpönte Religion.

Dass sich diese Trennung nicht durchhalten ließ, bleibt evident. Ist das Kreuz, das die Katholikin an einer Halskette trägt, wenn sie auf die Straße geht, ein öffentliches Bekenntnis oder ein privates Accessoire? Dürfen Kirchen erhalten bleiben im öffentlichen Raum, auf städtischem Grund, mit weithin sichtbaren Turmkreuzen, Heiligenfiguren, Glockengeläut? Religion kann nicht auf eine Privatsache reduziert werden. Zumindest solange nicht, wie der Mensch sich nicht sortenrein spalten lässt in einen Privatier und einen Citoyen, einen Gläubigen und einen Staatsbürger. Umso mehr gilt diese Unmöglichkeit angesichts eines wachsenden Islam, der traditionell unempfindlich ist für solche weltanschaulichen Entkoppelungsvorgänge. Und der paradoxerweise von politischen Kräften gefördert wird, die bei anderer Gelegenheit das hohe Lied des Laizismus und der Religion als Privatsache singen. Romano Guardini befürchtete 1950, „wo die kommende Zeit sich gegen das Christentum stellt, wird sie damit ernst machen“.

Realistischer als die Reinheitsphantasmen der Privatreligiösen sind die Auslassungen von Angela Merkel und Udo Di Fabio. Bei zwei Anlässen im Reformationsjubiläumsjahr 2017, situativ gebunden vor christlichem Publikum, bekräftigte die Kanzlerin, „wir wollen Religion nicht ins Private verdrängen“ – so auf dem Evangelischen Kirchentag –, und „religiöse Bildung“ sei eine Gemeinschaftsaufgabe für „Kirchen und Religionsgemeinschaften, Regierungen und Bildungseinrichtungen sowie Medien und Zivilgesellschaft“. Der Appell am 31. Oktober 2017, dem Jahrestag der 95 Thesen Martin Luthers, wäre sinnlos, fungierte die Gesellschaft als Türwächter religiöser Gebräuche.

Dieses Grenzenbewusstsein ist beim ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio breit ausgeprägt. Er erinnert in seinem Buch „Gewissen, Glaube, Religion: Wandelt sich die Religionsfreiheit?“ (2008) an einen unausweichlichen Dogmenwechsel im Zuge der Aufklärung. Aus Religionsfeindschaft erwuchs über den Zwischenschritt der Duldung der Religion als einer Privatsache ein neuer öffentlicher Glaubensgrundsatz. Nun war es der Glaube an die ewige Perfektibilität des Menschengeschlechts, der Glaube an unaufhörlichen Fortschritt, wider den zu verstoßen eine Ketzerei wurde. Wenn nicht gar eine antirationale Blasphemie. Nur privat und folgenlos sollte dieses neue Dogma bezweifelt werden dürfen. Auch hier kam es dann ganz anders im 19. und erst recht im 20. Jahrhundert, die der Volksreligiosität und der Esoterik die Tore weit öffneten.

Somit gehört zu den wahren Bestandteilen dieser Phrase eine Erkenntnis, deren Brisanz noch längst nicht ausgeschöpft ist: Religion ist keine Privatsache, sie darf aber nie zur Staatssache werden. Sonst gehen alle drei zugrunde.

Auszug aus: Alexander Kissler, „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“. Erscheint am 25. Februar im Gütersloher Verlagshaus (208 Seiten, gebunden, 18 Euro).

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