Alterskarriere

Reinhard Mey: Ein Mann, eine Gitarre, ein Lied

Seit einem halben Jahrhundert liefert Reinhard Mey seinen Landsleuten die Musik und Alltagslyrik, die zu ihnen passt. Auch mit 80 steht er noch auf der Bühne.
Reinhard Mey wird 80
Foto: Swen Pförtner (dpa) | Liedermacher Reinhard Mey steht mit 80 Jahren noch immer auf der Bühne und singt seine melodischen und sanft melancholischen Lieder zu allen möglichen gesellschaftlichen aber auch persönlichen Geschehnissen.

Was war das für ein Völkchen, diese Deutschen in der Zeit von, sagen wir, 1968 bis 2025? Worüber haben sie gelacht und geweint? Woran haben sie geglaubt? Wie haben sie sich in dieser Zeit verändert? Für den Historiker, der eines Tages dieses Kapitel Kulturgeschichte schreiben wird, für den, der einmal verstehen will, wie die Deutschen damals so tickten, für den haben wir schon heute einen hilfreichen Tipp: Er sollte Biographie und Werk von Reinhard Mey studieren.

„Bewundern muss man die Ausdauer und Unbeirrbarkeit,
mit der Mey noch im hohen Alter allein auf der Bühne steht
und darauf vertraut, dass das auch heute noch funktioniert:
ein Mann, eine Gitarre, ein Lied“

Denn in seinen Liedern spiegelt sich genau das, wonach dieser Forscher sucht, also die Mentalität, das Wesen, die Neigungen der Deutschen und ihre Metamorphosen in der Zeit von den Studentenrevolten bis weit ins 21. Jahrhundert hinein. Nirgends in Kunst oder Kultur ist die deutsche Mitte (und ihre kontinuierliche Verschiebung nach links) so gut abzulesen wie bei dem Berliner, der am 21. Dezember 80 Jahre alt wird und seit bald 60 Jahren landauf, landab auf der Bühne steht, zuletzt noch in diesem Herbst.

Wer bei dem Namen Mey nur an Lieder wie "Über den Wolken" oder "Gute Nacht, Freunde" denkt und vielleicht noch an die frühen Ulk-Klamotten wie "Die heiße Schlacht am Kalten Büffet" und "Der Mörder war immer der Gärtner", verkennt die Breite und Tiefe eines künstlerischen Werkes, das heute aus rund 600 Liedern besteht. Privates und Politisches, Liebe und Lust, Kindergeburtstag und Kochleidenschaft - alles, vom Epochalen bis zum Alltäglichen, fand früher oder später Niederschlag in den Songs von Reinhard Mey. Er gewann Fans mit verträumten Liebesliedern ("Herbstgewitter über Dächern") und andere mit mildem Spott ("Elternabend") und wieder andere mit Oden an die Freude des Vaterseins ("Menschenjunges"). Dass er so etwas wie einen deutschen Chanson, eine gesungene Ballade, in den 1960er Jahren erst einmal erfinden musste in einem Land, das auf Deutsch nur Schlager und Volkslied kannte, muss man für die Jüngeren erklären und ihm als Verdienst hoch anrechnen.

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In seinen Liedern ein breites thematisches Spektrum 

Verdienstvoll auch, wie Reinhard Mey mit der deutschen Geschichte umgegangen ist, die in viele Lieder klug eingewoben ist und das Dunkle und Schwierige nicht auslässt, aber auch nicht Luftkrieg und Vertreibung, Nachkriegsalltag und Berliner Mauer. Behutsam hat er sich den historischen Themen angenähert, ohne mit der Arroganz des Nachgeborenen selbstgerecht zu urteilen und zu verurteilen. In "Die Kinder von Izieu" beschrieb er gleichwohl die Deportation und Ermordung jüdischer Kinder und warnte – zu Recht – davor, einen Schlussstrich unter das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte ziehen zu wollen.

Mit seinen Themen und seiner mal robusten, mal romantischen Alltagslyrik traf Mey immer wieder den Nerv der Westdeutschen, die Krieg und Wirtschaftswunder hinter sich und Wiedervereinigung und Säkularisierung noch vor sich hatten. Seine Lieder kamen an, weil auch er gut ankam. Dabei half ihm das Image, das er sich selbst gab und über Jahrzehnte geschickt verteidigte. Er kam rüber als der freundliche Mann aus dem Nachbarhaus, der stinknormale Typ, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und am Wochenende am Auto herumschraubt oder durch den Baumarkt schlendert. Ein rein künstliches Bild ist es wohl nicht, das er da von sich entworfen hat. Aber ein bisschen Berechnung war gewiss auch im Spiel. Seine zutiefst bildungsbürgerliche Herkunft aus dem Haus eines Juristen und Staatsbeamten deutete er lieber um zu "einer Familie, in der fast alle Lehrer geworden sind, nur ich bin aus der Art geschlagen".

Privatflugzeug und Porsche werden zum Nordseeurlaub und zur Rostlaube

Aus seiner Millionenvilla in Kampen auf Sylt machte er in seinen Liedern den "Nordseeurlaub mit der Familie", aus den Flügen mit dem Privatflugzeug zwischen Sylt und Berlin die Leidenschaft eines freiheitsliebenden Hobbypiloten. Und statt seinen Porsche zu besingen, widmete er sich dem "alten Auto, das nur noch mein Glaube und ein Trick, die Liebe und der Rost zusammenhielten". Die Rechnung ging auf. Als deutscher Jedermann wurde Mey geliebt. Und als blickte man in einen deutschen Spiegel, so veränderte sich dieser Jedermann ganz allmählich, er bekam einen Ohrring, eine schwarze Lederjacke und einen Dreitagebart; vulgäre Kraftausdrücke, die sich im deutschen Alltag breit machten, sind längst auch in seinen Liedern am laufenden Band vertreten.

Auch politisch bewegte sich Mey lange im Vagen, gab sich zwar ein bisschen links, doch lieber wetterte er gegen Beamte und die Obrigkeit, als konkret Partei zu ergreifen wie die frühen Weggefährten Hannes Wader und Franz-Josef Degenhardt, die sich zum Kommunismus bekannten und dafür den Preis bezahlten, vom Rundfunk boykottiert zu werden. Mey war gefälliger, was ihm oft vorgeworfen wurde. Doch so wie Deutschland nach 1989 immer weiter nach links rückte, wurde auch Mey linker und schärfer.

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Im Ton vergriffen und das Niveau abgesenkt

Das Lied "Sei wachsam" von 1996 markiert einen Wendepunkt hin zum Politischen, zum Aggressiven. Wie der Titel schon den floskelhaften Antifaschismus bekennt, so wird auch im Lied selbst kein plumpes Klischee ausgelassen, bis hin zu der schwer erträglichen Zeile: "Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:/,Halt du sie dumm, ich halt sie arm. " Schade, dass Mey sich unter Niveau verkaufte und die klassischen Denkfiguren des Antikapitalismus und Antikatholizismus bediente. Die Herde dummer Schafe, die sich vom Bischof das Denken verbieten lässt? Und das im Deutschland des Jahres 1996? Im Ernst?

Es wurde noch schlimmer. 2004 ließ er dem antikatholischen Affekt freien Lauf und besang in "Ich glaube nicht" die Abgründe des Katholischen und des Radikalislamischen – beides warf er in einen Topf; Teile des Katholischen nannte er "abartig". Damit hätte er noch 1980 mindestens die Hälfte seines Publikums verprellt. Heute, da liegt Mey richtig, juckt es kaum noch einen, im Gegenteil, er liegt auch mit seiner Häme gegen alles Fromme und Katholische im Trend, wie stets. Andererseits kann man Mey auch nicht durchweg Opportunismus vorwerfen. In manchen Punkten ging er seinen Weg, auch wenn es unpopulär war und ist: Er predigt Vegetarismus und steht damit für eine Minderheit. Und er bleibt Pazifist – womit er sich gerade in diesem Jahr (er war Erstunterzeichner des Aufrufs gegen Waffenlieferungen an die Ukraine) bei vielen unbeliebt gemacht hat.

 

 

Trotz der Fehlgriffe, erstaunliche und berührende Lieder komponiert

Vielleicht sollte man weniger auf die einzelne Äußerung schauen und nicht zu harsch über die misslungenen Lieder urteilen. Sie bleiben nicht aus, wenn jemand über Jahrzehnte derart kreativ ist. Es sind bei dieser Massenproduktion immer wieder erstaunliche und berührende Lieder entstanden, in denen Mey besungen hat, was sonst in der Musik und Populärkultur gar nicht vorkommt, aber typisch ist für unsere Lebenserfahrung: Der Abschied vom krebskranken Freund am Sterbebett gehört zu diesen zeitlos wahren Liedern ("Nein, ich laß dich nicht allein"), aber auch die Erinnerung an den "Zeugnistag" in der sechsten Schulklasse, wo der Lümmel von der letzten Bank die Unterschrift fälscht und seine Eltern für ihn lügen, damit er nicht bestraft wird. Auch "Atze Lehmann", ein Lied über den Selbstmord eines Kollegen, ist ein Meisterstück in Moll und ebenso "Ab heut  und ab hier" über den Trennungsschmerz einer gescheiterten Beziehung.

Herausragend und unter Fans wohl weit oben auf der Liste der Lieblingslieder in seinem Spätwerk steht "Viertel vor sieben", das einen einfachen Gedanken in Worte und Akkorde fasst: Noch einmal das Kind sein, das abends um viertel vor sieben nach Hause kommt, wenn Mutter und Vater warten, wenn es gleich Abendbrot gibt, wenn der Tag zu Ende geht und man sich gut aufgehoben fühlt bei den Eltern! Wer kennt sie nicht, diese Sehnsucht? Mey hat ihr eine klangvolle Gestalt gegeben, die die Tränen in die Augen treibt.

Den eigenen Tod häufig thematisiert

Über den eigenen Tod hat Mey mindestens ein halbes Dutzend Lieder gemacht (am stärksten: "Eh meine Stunde schlägt"), das hat ihn immer beschäftigt. Doch auch er, der bibelfeste Atheist, der Liebhaber von Bach und Matthias Claudius, landete trotz seiner Ablehnung des Glaubens am Ende bei den ältesten Weisheiten der Bibel: "Ein Leben währet 80 Jahr", zitiert er frei den 90. Psalm, "und wenn es süß und köstlich war, dann ist es Müh  und Last gewesen."
Und schließlich: Bewundern muss man die Ausdauer und Unbeirrbarkeit, mit der Mey noch im hohen Alter allein auf der Bühne steht und darauf vertraut, dass das auch heute noch funktioniert: ein Mann, eine Gitarre, ein Lied. So einfach ist das und so schön. Mehr braucht es gar nicht.

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