Film & Kino

Regisseur wird Taxifahrer, um die Zensur zu umgehen

Ob dokumentarisch oder nachgestellte Realität: „Taxi Teheran“ liefert einen Einblick in die iranische Gesellschaft. Von José García
Filmszene aus  „Taxi Teheran“
Foto: Weltkino | Der iranische Regisseur Jafar Panahi (rechts) umgeht das von der Regierung gegen ihn verhängte Berufsverbot, indem er sich ans Steuer eines Taxis in Teheran setzt.

An einer Ampel in Teheran steht ein Taxi. Durch dessen Windschutzscheibe beobachtet der Zuschauer in einer statischen Einstellung vorbeigehende Passanten und vorbeifahrende Autos. Endlich fährt das Taxi los. Bald darauf zeigt die Kamera die Fahrgäste, einen Mann und eine Frau, die sich über die Scharia streiten. Der Mann ist für noch mehr Hinrichtungen zur Abschreckung. Die entsetzte Frau antwortet, dies führe kaum zu weniger Kriminalität. Dann steigt ein Mann mit einer Tasche voller DVDs ein. Nach einem Kameraschwenk wird erkennbar, wer am Steuer sitzt: Der „Taxifahrer“ ist kein Geringerer als der Filmregisseur Jafar Panahi. Der Mann mit den verbotenen Filmen ruft aus: „Ich habe Sie erkannt“. Nicht umsonst würde er in „derselben Branche“ arbeiten. Später schleift eine Frau einen nach einem Motorradunfall blutüberströmten Mann ins Taxi, der noch schnell sein Testament machen will. Kurz darauf folgen nacheinander eine Menschenrechtsanwältin, die von einer Klientin erzählt, die ein Fußballspiel besuchen wollte, sowie zwei ältere Frauen, die ihre Goldfische im Glas bis zwölf Uhr zu einer Quelle bringen müssen – sonst, so ihr Aberglaube, müssten sie sterben.

Jafar Panahi darf im Iran keine Filme drehen. Er wurde 2010 wegen „Propaganda“ verhaftet und zu zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt. Wie etwa auch der chinesische Künstler Ai Weiwei befindet sich der iranische Regisseur im Hausarrest. Ähnlich dem chinesischen Künstler, über den der dänische Dokumentarfilmer Anders Johnsen „Ai Weiwei – The Fake Case“ (DT vom 6.5.2014) drehte, lotet Panahi die Möglichkeiten aus, trotz Berufsverbots, etwa mittels in einem Auto festmontierter Kameras doch noch einen Film fertigzustellen. In den vergangenen Jahren war es ihm bereits gelungen, zwei Filme – „Dies ist kein Film“ (2011) und „Pardé“ (2013) – aus dem Hausarrest heraus in den Westen zu schmuggeln. Nun fährt er sogar am Steuer eines Taxis auf den belebten Straßen Teherans.

Natürlich spielt Jafar Panahi damit auf das Berufsverbot an, als habe er sich einen neuen Beruf aussuchen müssen. Wenn aber auch der Eindruck entsteht, bei seinen Fahrgästen handelt es sich um „echte“ Fahrgäste, so setzt sich doch die Einsicht durch, dass „Taxi Teheran“ nach einem festgelegten Drehbuch entstanden ist. Besonders deutlich wird es, als Jafar Panahi zu einer Schule fährt, um seine Nichte Hana abzuholen. Sie soll als Schulaufgabe einen Kurzfilm drehen. Hana erzählt von den Regeln, die dafür von der Lehrerin aufgestellt werden: Es darf die Realität, aber keine Schwarzmalerei („sordid realism“) abgebildet werden, dazu soll die islamische Kleiderordnung sowie das Verbot von Berührungen zwischen Männern und Frauen beachtet werden. „Wie soll ich die Realität abbilden, ohne sie zu zeigen?“, fragt das Mädchen. Der Schluss liegt selbstverständlich nahe: Die Zensurbestimmungen im iranischen Film haben mit der gesellschaftlichen Realität nichts gemeinsam.

Die im Laufe des Filmes von den „Fahrgästen“ angesprochenen Themen zeugen ebenfalls davon, wie das Leben im Iran staatlicherseits zensiert werden soll ... und wie die Bevölkerung solche Verbote zu umgehen weiß. „Taxi Teheran“ gibt einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse im heutigen Iran. Dazu findet Jafar Panahi nicht nur einen offenen Umgang mit diesen Fragen, er behandelt sie mit Leichtigkeit und immer wieder auch mit augenzwinkerndem Humor. So versteht etwa der Filmpirat –„ich habe sogar Muster von Filmen, die noch im Dreh sind“ – seine Tätigkeit als „kulturelle Arbeit“. Denn ohne ihn wären etliche Filme zum Beispiel von Woody Allen im Iran nie zu sehen. Deshalb gibt er bei einem Kunden Panahi als „seinen Partner“ aus. Situationskomik findet etwa in dem Straßenräuber statt, der sich als „Freiberufler“ vorstellt.

„Taxi Teheran“ wurde größtenteils mit festmontierten Kameras aufgenommen. Nur für kurze Zeit verlässt Panahi selbst hin und wieder das Auto. Dann führen die mit einer Handy- oder Digitalkamera aufgenommenen Bilder eine zweite visuelle Ebene ein. Das korrespondiert darüber hinaus auf dramaturgischer Ebene mit der Frage des Verhältnisses von dokumentarischen und Spielfilmelementen. Unabhängig davon scheint Panahi mit den unterschiedlichen Menschen, die in sein „Taxi“ einsteigen, verschiedene Situationen der iranischen Gesellschaft abbilden zu wollen. Mit den verschiedenen Episoden, in denen jeweils sozusagen ein Vertreter einer anderen gesellschaftlichen Gruppe im Mittelpunkt steht, bringt Jafar Panahi dem westlichen Zuschauer den Alltag in Teheran nahe. Dadurch, dass immer wieder die Grenzen der Zensur beziehungsweise die Möglichkeiten angesprochen werden, sie zu unterlaufen, spielt der Regisseur gleichzeitig auf seine eigene Situation an. Sein Film „Taxi Teheran“ ist gewissermaßen die beste Antwort darauf, dass auch unter solchen Umständen kreatives Arbeiten möglich ist.

Denn Panahis Film ist nicht nur wegen der politischen Umstände, unter denen er entstand, und wegen der Einblicke in die heutige iranische Gesellschaft ein aufschlussreicher Film. Auch aus filmischer Perspektive ist dem iranischen Regisseur ein bemerkenswerter Film gelungen, der mit einfachen Mitteln die Grenzen zwischen dokumentarischer und nachgestellter Realität erkundet und ästhetisch unterschiedliche Ebenen miteinander vermischt.

„Taxi Teheran“ nahm am diesjährigen Wettbewerb der Berlinale teil. Panahis Film wurde mit dem höchsten Preis, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet.

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