Feuilleton

Ein schwedischer Oskar Schindler

Danny Smith zeichnet die Rettungstaten Raoul Wallenbergs in Budapest nach, versucht aber auch, Licht in die Zeit nach dem Krieg zu bringen. Von José García
Raoul Wallenberg, der ehemalige schwedische Diplomat und Retter
Foto: dpa | Raoul Wallenberg, der ehemalige schwedische Diplomat und Retter von etwa 100 000 bedrohten Juden.

Der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg, der am 4. August 100 Jahre alt geworden wäre, rettete von 1944 bis 1945 in Budapest etwa 100 000 Juden. Der Sohn einer prominenten schwedischen Bankiersfamilie fand immer neue Möglichkeiten, Menschen vor den Deportationen abzuschirmen, etwa mit Hilfe eines „Schwedischen Schutzpasses“: Wer in dessen Besitz kam, war vor dem Holocaust geschützt. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Budapest wurde der 32-jährige Wallenberg von den Sowjets als vermeintlicher Spion verhaftet und in die Sowjetunion gebracht, wo sich seine Spur verliert. Nicht einmal sein Todesdatum ist bekannt. Dank seines Eingreifens stellen die geretteten Budapester Juden den einzigen größeren jüdischen Rest dar, der den Zweiten Weltkrieg in Europa überlebte.

Im Jahre 1986 veröffentlichte der amerikanische Buch- und Drehbuchautor Danny Smith „Lost Hero“, eine Biografie Wallenbergs, die in einer überarbeiteten und leicht aktualisierten Ausgabe voriges Jahr neu erschien. Der Brunnen Verlag veröffentlicht nun die deutsche Übersetzung „Raoul Wallenberg – der Mann, der 100 000 Juden rettete“ zum 100. Geburtstag Wallenbergs. Mit einem flüssigen, essayistischen Stil erzählt Smith zunächst parallel zu Wallenbergs Jugend auch die Vorgeschichte der Massenvernichtung durch die Nazis bis zur Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942. In diesem Zusammenhang geht er auch auf die Untätigkeit der Alliierten nach der berüchtigten Konferenz ein: „Während nur zehn Kilometer von Auschwitz entfernte Orte bombardiert wurden, konnte angeblich kein Flugzeug freigestellt werden, um die Krematorien zu zerstören und damit der Vernichtung Einhalt zu gebieten...“ Warum die sogenannten „großen Drei“ – Großbritannien, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion – kein Interesse zeigten, der Judenvernichtung entgegenzuwirken, erklärt im Vorwort „Amnesty International“-Gründer Peter Benenston: „Die Briten fürchteten, jeder Versuch, die Juden zu retten, würde zu einem Massenansturm auf ihr Mandatsgebiet in Palästina führen und damit sowohl das wackelige Gleichgewicht mit den dortigen Arabern als auch das allgemeine Klima im von den Briten beherrschten Nahen Osten stören. Die US-Regierung, deren Land einst als Zufluchtsstätte für Freiheitssuchende gegolten hatte, lehnte es ab, Einreisegenehmigungen in größerer Zahl zu erteilen, und ordnete stattdessen eine strikte Einwanderungskontrolle an. Erst 1944 startete Franklin Roosevelt, der für seine Wiederwahl die Stimmen der Juden brauchte, eine Kampagne zur Rettung der europäischen Juden. Nicht nur die Nationalsozialisten, auch Stalin verabscheute die Juden. Unter der sowjetischen Diktator wurde jeder, der sich für sie einsetzte, zum Schweigen gebracht. Von dieser Seite konnten Juden also auch nicht auf Hilfe hoffen.“ Danny Smiths Einschätzung, Kirchenproteste hätten die Judenverfolgung gestoppt, wofür er das eine oder andere Beispiel anführt, stimmt allerdings nicht ganz. Denn als am 26. Juli 1942 der Bischof von Utrecht gegen die Deportationen von Juden protestierte, weiteten die NS-Machthaber die Aktionen gegen getaufte Juden, darunter Edith Stein, aus.

Im Jahr 1944 waren die meisten europäischen Juden bereits ermordet oder deportiert. Allerdings lebten in Ungarn noch 900 000 Juden. Deshalb wurde im März 1944 Adolf Eichmann nach Budapest geschickt. Die Deportationen der ungarischen Juden begannen am 27. April. Als der mit einem geheimen Auftrag von Präsidenten Roosevelt ausgestattete Wallenberg im Juli in Budapest eintraf, waren bereits 437 402 Personen in die Konzentrationslager deportiert worden. Der amerikanische Präsident hatte den „War Refugee Board“ (Kriegsflüchtlingsrat) ins Leben gerufen. In Budapest stellten zu dieser Zeit die größte Bedrohung die „Pfeilkreuzer“ dar, eine fanatische faschistische Gruppe, deren erklärtes Vorbild die Nazi-Partei war. Der schwedische Diplomat erfuhr, dass das Schwedische Rote Kreuz Hunderte „Schutzbriefe“ ausgestellt hatte, die tatsächlich wirkten. Wallenberg stellte Tausende solcher Schutzbriefe aus, die Juden unter schwedischen Schutz stellten. Er fuhr zu den „Todesmärschen“, den 240 Kilometer langen Fußmärschen nach Hegyeshalom an der österreichischen Grenze, um die mit einem Schutzbrief ausgestatteten Juden da rauszuholen, was er dank seines Charismas auch tat: „Es erscheint unvorstellbar, aber niemand zweifelt seine Befehle an.“ Smith gibt einige Berichte von Geretteten wieder, um dann zusammenzufassen: „Es gibt zahlreiche Zeugenberichte über Wallenbergs persönlichen Mut, sein Charisma und seine Kühnheit, mit der er sich manchmal in die gefährlichsten Situationen wagte.“

Vor diesem Hintergrund kann es nur als dramatisch bezeichnet werden, dass Raoul Wallenberg am Kriegsende von den Russen für einen Spion gehalten und in die Sowjetunion verschleppt wurde. „Aus dem Mann, der als einer der größten Helden des Holocausts geehrt werden sollte, wird eine anonyme, einsame Gestalt, die durch die Gefängniswelt des Archipel Gulag irrt.“ Die zweite Hälfte in Smiths Buch beschäftigt sich mit der Spurensuche, insbesondere aber auch mit der Frage, warum die schwedische Regierung so wenig für die Rettung Wallenbergs tat. Tauschten andere Staaten Spione aus, so weigerte sich die schwedische Regierung, diesen Weg zu gehen. Irgendwann einmal verliert sich Wallenbergs Spur im unendlichen Archipel Gulag. Nicht einmal sein Todesdatum ist bekannt. Wallenbergs tragisches Ende erinnert etwa an Wilm Hosenfeld, der während des Krieges in Warschau zahlreichen Polen und Juden durch falsche Papiere und Scheinanstellungen das Leben rettete, und 1950 von einem sowjetischen Militärgericht zu einer Freiheitsstrafe von 25 Jahren verurteilt wurde. Von Wilm Hosenfeld ist allerdings das Sterbedatum bekannt: 57-jährig verschied er am 13. August 1952 in einem Hospital bei Stalingrad.

Danny Smith:
Raoul Wallenberg – der Mann, der 100 000 Juden rettete.
Brunnen Verlag, Gießen 2012, 224 Seiten, ISBN 978-3-7655-4167-4, EUR 9,99

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Wenn Sport zur Nebensache wird: Mit der U15-Nachwuchsmannschaft des 1. FC Köln in Auschwitz.
09.05.2022, 15  Uhr
Ulrike von Hoensbroech
Die jiddische Kultur spielte in der Ukraine schon immer eine große Rolle. Ihre Vitalität wirkt weiter.
26.06.2022, 13  Uhr
Bodo Bost
Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt derzeit Ausstellungen über Karl Marx und Richard Wagner – und setzt sich dabei auch mit deren antisemitischen Äußerungen auseinander.
03.07.2022, 15  Uhr
Oliver Gierens
Themen & Autoren
Adolf Eichmann Edith Stein Holocaust Josef Stalin Juden Judenverfolgung Oskar Schindler Schwedische Regierungen US-Regierung

Kirche

Der Vatikan hat die Vorwürfe gegen den Kardinal wegen sexueller Belästigung überprüfen lassen und sieht keine Elemente für die Eröffnung eines kanonischen Verfahrens.
18.08.2022, 18 Uhr
Meldung
Pilgerboom in  Maria Vesperbild:  Der zweite Besuch des  Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Woelki in Maria Vesperbild wird zum Heimspiel.
18.08.2022, 09 Uhr
Regina Einig
Deutsche Bischofskonferenz gibt mit dem Katholischen Medienpreis 5000 Euro für Selbstdemontage der katholischen Kirche aus. Den Bischofsstab haben nun die Medien. Ein Kommentar. 
17.08.2022, 20 Uhr
Dorothea Schmidt