Pop zwischen Judas und Jesus

Keine Frage: Lady Gaga ist ein Star, der provoziert. Mit ihrem Outfit und mit ihren Auftritten. Ihre katholischen Wurzeln kann die 30-Jährige aber trotzdem nicht verleugnen – vermutlich will sie dies auch gar nicht. Von Kristina Ballova

Lady Gaga  - Es geht auch elegant und züchtig.
Foto: dpa | Es geht auch elegant und züchtig: Lady Gaga zeigt bei ihren aktuellen Auftritten, dass man auch mit weniger Körper-Transparenz eine gute Figur machen kann.

Lady Gaga polarisiert nicht nur, sie regt auch die religiöse Phantasie an: „Die Rechte denkt, Lady Gagas Vorstellung beim Super Bowl war ein satanistisches Ritual“, konnte man etwa am 6. Februar im „Independent“ lesen. Popmusik als satanistisches Ritual? Wirklich? Und das im ehrwürdigen „Independent“, nicht in einem fotokopierten Faltblatt, das einem am Kirchenausgang eine alte Frau mit ernstem Gesicht zusteckt? Wer ist diese „Lady Gaga“ und wieso provoziert sie solche Fragen und Vorwürfe?

Ohne Zweifel gehört Lady Gaga zu den interessantesten und talentiertesten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Popmusik. Jede Performance, jeder Song, jeder Auftritt soll revolutionieren, empören, begeistern. Ähnlich wie Madonna in den Achtzigern scheint sich Lady Gaga vorgenommen zu haben, alle bisherigen Grenzen zu übersteigen. Etwas zu bieten, was noch niemand sah. Die Idee vom Superstar, wie sie bis dahin Britney Spears oder Christina Aguilera dargestellt haben, war mit Gaga vorbei. Sie brachte den Skandal nicht nur auf die Bühne, sondern auch auf den roten Teppich. So war ihr bei den MTV Video Music Awards 2010 getragenes Fleischkleid eines der meistdiskutierten Modeereignisse überhaupt. Von Begeisterung bis zu unerbittlicher Ablehnung reagierte jeder anders auf den neuen Hype „Gaga“. War es alles eine bloße Inszenierung und ein neues Geschäftsmodell in der Musikindustrie – oder doch ein satanischer Plan? Und wer steckt wirklich hinter der Kunstfigur mit Perücke, Sonnenbrille und „Killer-Heels“?

Stefani Joanne Germanotta, so Gagas bürgerlicher Name, wuchs in einer katholischen Mittelschichtsfamilie in Manhattan auf, wo sie auch eine katholische Mädchenschule besuchte. Bereits dort fiel sie durch ihre Rollen bei Musicals wie auch ein unangepasstes und provokatives Benehmen auf. Als Teenager schrieb sie eigene Texte, komponierte und absolvierte ihre ersten Auftritte in der Hippie- und Queerszene. Mit 18 verließ sie das Elternhaus, brach das College ab und machte eine wilde Phase durch. Die nächsten Jahre wurden durch Auftritte in verschiedenen Clubs geprägt. Sie genoss es, sich in Latex-Suits und glitzernden Outfits zu zeigen und glaubte an ihr Superstar-Dasein. Diese Idee ist 2008 durch ihr Album „The Fame“ verwirklich worden, mit dem sie den weltweiten kommerziellen Erfolg erreicht hatte. Sie war nun der Star. Die verrückte und skandalöse Gaga wurde zum Trendsetter und Rollenvorbild für die kommenden Stars. Was einst Bowie oder Madonna erkannten, passte sie den neuen Umständen in der Welt der Mode und Musik an: nämlich, dass es bei der Musik nicht allein um die Musik geht, sondern sich nur die Provokation gut verkauft.

Einen der Schlüssel zu ihrer Person und Kunst kann in der Tat die religiöse Dimension bieten. Lady Gaga galt schon immer in meinem katholischen Umfeld als der Teufel schlechthin. In einer Reihe mit Madonna und Rihanna, aber eben immer ganz vorn in dieser „Liga“. Zu sexualisiert, zu extravagant, zu morbide. Doch das eigentliche Problem stellen die angeblichen satanistischen Symbole dar, die ihre Shows umgeben. Die in erzkonservativen christlichen Milieus üblichen Attribute wie „Illuminati-Marionette“, „Teufelsanbeterin“ oder „Besessene“ werden häufig auf Lady Gaga bezogen. Natürlich polarisieren die mysteriösen Symbole und Handlungen, das ist ja ihr Sinn und Zweck. Ähnlich wie bei Madonna, die ebenfalls aus katholischem Elternhaus stammt, ist der Gaga die religiöse Symbolik und ihre Wirkung bekannt. Ausgesprochen biblische Anspielungen finden wir in den Songs „Judas“ und „Bloody Mary“, in denen Gaga sie in einen eigenen Kontext setzt. Die Botschaft von „Judas“ etwa ist, dass Judas ihr Dämon und Jesus ihre Tugend sei. Lady Gaga spielt bewusst mit solchen religiösen Motiven, und man kommt nicht umhin zuzugeben: ja, sie pervertiert sie teilweise.

Eine katholische Prägung in Kindheit und Jugend geht tief. Sie vermittelt einen reichen Schatz an geistigen Bildern und Symbolen. Ich bin ähnlich wie Gaga in einer praktizierenden katholischen Familie sozialisiert und für einige Jahre in einem katholischen Internat geformt; der Drang zu Protest und Extravaganz sind mir daher vertraut und auch aus meinem Freundeskreis bestens bekannt. Aber auch im Protest bleibt man katholisch, die katholische Geisteswelt lässt einen auch im schlimmsten Protest nie los und übt immer wieder neu ein Faszinosum aus. Wenn sich also katholisch erzogene Mädchen satanistischer Ästhetik bedienen, greifen sie auf Muster zurück, die ihnen schon sehr früh als Ausdruck des Bösen bekannt waren. Was eignet sich dann besser als Protest, nachdem der Glaube verdunstet und die Gewissheiten der Kindheit aufgegeben sind?

Natürlich ist das eine sehr wohlwollende Erklärung. Und auch prosaisch. Wieviel aufregender sind da doch die Mutmaßungen über geheime Pakte mit dem Teufel oder zumindest den Illuminati. Doch die Mutmaßung, dass Celebrities nur dann wirklich erfolgreich werden, wenn sie geheimen Verbindungen angehören oder gar dem „Satan die Seele verkaufen“, bleibt eine düstere Legende, so düster und gaga wie die satanistischen Anspielungen der Gaga selbst. Der unbekümmerte, rein kommerzialisierte Umgang mit all den dunklen, satanistischen Bildern und Symbolen spricht kaum für einen dunklen Glauben, sondern belegt ihren Agnostizismus. Dass diese agnostische Beliebigkeit ein katholisches Fundament hat, ließ sich erahnen, als Gaga letztes Jahr bei Instagram ein Foto mit einem Pater Duffel teilte, ergänzt um den Satz: „Die Eucharistie ist nicht der Pokal für die Perfekten, sondern das Brot, das Gott uns gibt.“ Mir kam dazu ein Bibelwort in den Sinn: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ Wir können nicht wissen, was in einem anderen Menschen vorgeht und über seinen Weg urteilen. Auch nicht bei Lady Gaga.

Die heutige Gaga ist nicht mehr die alle Grenzen sprengende Provokateurin von vor acht Jahren. Ist das eine Entwicklung oder hat sie erkannt, dass Normalität auch provokant sein kann? Hört man sich zum Beispiel ihre Duetts mit Tony Bennett an, fragt man sich, warum sie sich nicht schon immer lieber um die Jazzmusik kümmerte. Auch ihr letztes Album „Joanne“ von 2016 ist eine Bestätigung dafür, dass Lady Gaga sich beruhigt und besonnen hat. Zu Recht fragen sich die vielen Fans, „wo die alte Gaga geblieben ist“. Der Trendsetter Lady Gaga, der einst dafür zuständig war, dass die ganze Modewelt ihrem verrückten Stil nachgejagt ist, dreht jetzt den Spieß um und führt den neuen Trend der Natürlichkeit ein. Ob sie damit auch an den einstigen Erfolg anknüpfen wird, bleibt die Frage. Und zumindest beim diesjährigen Super Bowl bewies sie ja, dass es auch noch wie früher geht.

Wie geht es nun weiter mit der Lady Gaga? Wie es so oft bei Künstlern vorkommt, verschmilzt irgendwann die Kunstfigur mit der Seele und dem Sein des Künstlers. Es gibt zahlreiche positive Beispiele in der Geschichte des Rock und Pop, bei denen die eigentliche Persönlichkeit erst nach vielen Skandalen, Höhen und Tiefen zum Ausdruck kommt und sich in einer ungewöhnlichen Natürlichkeit und Stärke zeigt. Wird das auch Lady Gaga gelingen? Ich wünsche es ihr. Die menschlichen Voraussetzungen dafür hat sie, nun kommt es auf die Gnade an.

Die Autorin studiert Theologie und bloggt als Frau mit Eigenschaften (www.fraumiteigenschaften.de).

Themen & Autoren

Kirche

Auch für die Ukraine kann man das Undenkbare denken. Die Liturgie und der Papst, der Umbau der Gesellschaft und eine Philosophie des Weines finden sich in der neuen Ausgabe der Tagespost.
06.07.2022, 17 Uhr
Redaktion
Eine Franziskanerinnenkongregation aus Kamerun ist bereit, ins Berliner Kloster St. Gabriel einzuziehen. Dadurch würde die Umwidmung der Anlage für säkulare Zwecke verhindert.
06.07.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung
Der heilige Anselm von Canterbury (1033–1109 wollte die Vernünftigkeit des Glaubens der Kirche erweisen. 
06.07.2022, 07 Uhr
Marius Menke
Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt