Phiolosophie

Platon sah den einen Gott

Für den griechischen Philosophen war die mündliche Lehre der Kern seines Denkens. Hier beginnt sich auch der Logos vom Mythos abzulösen.
Figur des Plato
Foto: Andreas Neumeier, imago | Was Platon in den Gärten seiner Akademie lehrte, war nicht für das lesende Publikum bestimmt.

Was der heutigen Gesellschaft das Wichtigste ist, zeigt sich an ihren Tabus. Dazu gehören die Sprach- und Schreibverbote, die die Diversity-Kultur den Bürgen auferlegt. Die Übersetzung von discrimen heißt Unterscheid, man will keine Unterschiede mehr, weil niemand mehr diskriminiert werden soll. Mit der verbotenen Sprache und Schrift soll sich vor allem die Mentalität ändern; neue Menschen sollen geschaffen werden, die ihre dunkle Vorgeschichte der Diskriminierungen am besten vergessen.

Umgekehrt gab es aber auch schon einmal eine Lehre, die ihre eigenen Gedanken vor der Öffentlichkeit abgeschirmt hat, gerade weil sie nicht diskriminiert werden wollte. Das war die Philosophie Platons, die fast zweieinhalbtausend Jahre missverstanden wurde, weil man sich nur auf die schriftlich überlieferten Dialoge stützte und sie daher in ihrem Kern nicht erkannte. Seit wenigen Jahrzehnten haben sich besonders die Mailänder Schule um Giovanni Reale an der Universita Cattolica und die Tübinger Schule um Thomas Szlezák mit dieser Frage befasst. Szlezák, emeritierter Professor für griechische Philosophie an der Universität Tübingen, hat nun sein zentrales Werk „Platon – Meisterdenker der Antike“ veröffentlicht.

„Platon aber wollte es nicht aufschreiben,
weil er das höhere Wissen vor der Kritik Unwissender schützen wollte“

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Seine Grundthese ist, dass Platon eine ungeschriebene Lehre hatte, die er nur in seiner Akademie vertrat, aber nicht aufgeschrieben hat. Platon war also ein entschiedener Kritiker von Büchern, auch seiner eigenen aufgeschriebenen Dialoge. Ja letztlich entscheidet sich am Vorrang der mündlichen Lehre, wer Philosoph ist und wer nicht. Im Dialog „Phaidros“ gibt Platon Hinweise auf seine Schriftkritik, wonach nur der Redende Verantwortung vor Gott hat, nicht die Bücher. Man soll gottgefällig handeln und reden. Auch stärke die Schrift nicht die Erinnerung, sondern fördere das Vergessen – Bücher machen Schüler nur scheinweise. Vor allem aber können sich Bücher nicht verteidigen, wie es der Redende im Dialog kann.

Der Tyrann Dionysios II. plagiierte Platon

Die Schrift „kullert“ überall herum, wie Platon sagt, bei den Verständigen wie bei den nicht Verständigen. Und der Redende weiß, zu wem er reden oder wann er schweigen muss. Sokrates weist im Dialog „Politeia“ die Brüder Adeimantos und Glaukon in ihre Schranken, indem er nichts darüber sagt, was sie über das Wesen des Guten wissen wollen und so lässt Platon den Sokrates sagen: „Du könntest nicht mehr folgen, lieber Glaukon.“ Neuzeitlich wäre dieses Zurückhalten von Informationen unzulässig und würde als Diskriminierung eingestuft werden. Platon aber wollte es nicht aufschreiben, weil er das höhere Wissen vor der Kritik Unwissender schützen wollte. Unverständlich ist die Haltung Platons nicht, denn wer will schon einem Lernenden die Quantentheorie erklären, wenn der noch keinen Zugang zu den Grundlagen hat?

Ein unangenehmes und sogar gefährliches Erlebnis war Platons Aufenthalt bei dem Tyrannen Dionysios II. auf Sizilien. Der Tyrann, bei dem Platon kurze Zeit weilte, hatte es auf die Lehre Platons abgesehen und veröffentlichte das vom Philosophen Gehörte schließlich in einem Buch unter seinem eigenen Namen. Der Altertumsforscher Helmut Berve fasst die Sicht Platons in „Die Tyrannis bei den Griechen“ so zusammen: „Bei einem in die Tiefe gehenden Gespräch mit ihm gewann er jedoch die Überzeugung, dass Dionysios weder fähig noch willens sei, die Mühe einer ernsthaften Beschäftigung mit den wesentlichen philosophischen Fragen auf sich zu nehmen, sondern sich mit der bloßen Reproduktion halb verstandener Gedanken des Meisters zu begnügen.“ Das Buch war zudem eine Verfälschung der Lehre Platons.

Philosophie ist nicht jedermanns Sache

Platon steht hiernach also in unversöhnbarem Gegensatz zur Gegenwart, die alles transparent machen und schriftlich fixieren will; eine Bewegung, die nach Szlezák schon mit der französischen Revolution einsetzte. Platon betont, dass die Philosophie nicht jedermanns Sache ist, ja dass viele keinen Zugang dazu haben. Das wahre Wissen ist aber die Einweihung in die letzten Dinge. Szlezák: „Der lebendige und beseelte Logos des Wissenden meint also die metaphysisch orientierte Dialektik insgesamt, die letztlich auf die Natur des Ganzen zielt. Nicht gemeint sein können irgendwelche Darlegungen empirischen Fachwissens, denn Vertreter solcher Disziplinen würde Platon nicht Wissende nennen noch ihnen zubilligen, dass sie mit Wissen in die Seele des Rezipienten zu schreiben vermögen.“

Wichtige Anhaltspunkte für die mündliche Lehre gibt auch der sogenannte 7. Brief Platons an sizilianische Griechen, in dem Platon auch über die charakterlichen Bedingungen für das Erfahren der Wahrheit schreibt. Solch ein philosophisches Naturell nennt der Brief „göttlich“, weil er sich durch sein Verhalten Gott angeglichen hat. Der ideale Adressat muss nach Szlezák „der Sache würdig und ihr innerlich verwandt sein; er ist sofort begeistert vom Gehörten und von der Philosophie entflammt wie von einem Feuer; er wird sein ganzes Leben umstellen und nicht nachlassen in seinem Erkenntnisstreben, bevor er nicht ans Ziel gekommen ist“. Hier ist schon angedeutet, worum es Platon geht. Die Erkenntnis entsteht „plötzlich, wie von einem überspringenden Feuer entzündetes Licht, in der Seele und nährt sich nunmehr von selbst“. Und diese nicht begriffliche Begeisterung lässt sich schriftlich nicht vermitteln. Den Gedanken einer systematischen Abhandlung dagegen unter Ausschluss des Dialogs erklärt Szlezák für ungriechisch und als eine moderne Erfindung für den Professorenstand.

Platon verstärkte die Frage nach dem Göttlichen

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Was aber ist die ungeschriebene Lehre? Wer die geeigneten ethischen und intellektuellen Qualifikationen hatte, konnte als Philosoph, der per Definition seine schriftlichen Äußerungen durch mündliche in den Schatten stellen konnte, zu den letzten Prinzipien, den archaí, gelangen. Da galt es in der damaligen Lebenswirklichkeit, die Abhängigkeit des Mythos vom Logos zu erkennen. Platon stellte sich nicht gegen den Mythos, denn die nichtphilosophischen Bürger Athens sicherten mit ihrem Halt in der Religion den Fortbestand der Polis Athen. Zwar bekämpfte Platon die seiner Auffassung nach falschen Vorstellungen der Götter seit Homer und Hesiod, aber wie schon Sokrates hielt er an der traditionellen griechischen Religion fest, besonders an den Musen und Apoll. Platon verstärkte sogar wieder die philosophische Frage nach dem Göttlichen und befand sich so in der entgegengesetzten Bewegung wie die Moderne seit dem 19. Jahrhundert.

Entscheidend ist aber, dass Platon über den Göttern den einen Gott sah. „Er ist als Ursache von Leben ,Herrscher und König von allen‘“, heißt es bei Szlezák, und damit ist Gott auch über den Ideen. Der eine Gott ist also über den Ideen und über den Göttern, die Platon als einer der ersten mit Xenophanes wegen ihrer Unmoral kritisiert hatte. Diese Sicht Gottes über den Göttern wird es in der griechischen Kultur nicht mehr geben, schreibt hierzu Giovanni Reale. Nach Reale habe Platon Gott auch personal aufgefasst, mit Vernunft und Willen. Sogar die Ebenbildlichkeit beschrieb Platon schon im „Timaios“, wenn er über den „Schöpfergott“ sagt: „Er war gut; wer aber gut ist, für den gibt es niemals und nirgends einen Grund zum Neid: Völlig unberührt von ihm wollte er, dass alles ihm selbst so ähnlich wie möglich sei.“

Gesichertes Wissen als Gewinn an Frömmigkeit

So wird der Gewinn an gesichertem Wissen zugleich zu einem Gewinn an Frömmigkeit. Den einen Gott nennt Platon das „Maß aller Dinge“, der als das Gute und Vollkommene das eigentliche Maß der Wirklichkeit ist. Der so verstandene Gott steht nach Szlezák sogar über dem als Nus verstanden Gott des Aristoteles: „Während Aristoteles‘ Gott der Nus ist, der sich selbst denkt (jedenfalls in der uns bekannten Fassung seiner Theologie im 12. Buch der Metaphysik 1070b13-30), steht Platons Gott darüber.“ Der eine Gott Platons habe auch die von ihm geschaffenen „jungen Götter“ auf ihren minderen Status hingewiesen.

Sein Gottesbild hat Platon nicht ausformuliert, es kann aber durch die Andeutungen erschlossen werden. Wie sich überhaupt das Platon-Bild wandelt, wenn man die dramaturgischen Hinweise in den Dialogen in den Blick nimmt. Durch diese Technik ist auch längst die Vorstellung vom platonischen Dialog revidiert worden, der zu Erkenntnissen führe. So lässt Platon etwa seinen Sokrates auf dem Weg zum Gastmahl allein nachdenken, schickt seinen Freund voraus und kommt dann mit fertigen Ergebnissen zum Gastmahl. Auch dieses einsame wortlose Erkennen ohne Bücher und Kollegen widerspricht dem heutigen Zeitgeist. Platon bleibt in vieler Hinsicht ein Gegenbild zur Gegenwart.


Literaturtipps:

– Thomas Szlezák: Platon – Meisterdenker der Antike.
C.H. Beck Verlag 2021, 777 Seiten, EUR 38,–

– Rafael Ferber: Warum hat Platon die „ungeschriebene Lehre“ nicht geschrieben?
C.H. Beck Verlag 2007, 176 Seiten, EUR 8,95

– Giovanni Reale: Zu einer neuen Interpretation Platons.
Eine Auslegung der Metaphysik der großen Dialoge im Lichte der „ungeschriebenen Lehre“. S
chöningh Verlag 2000, 640 Seiten, EUR 72,–

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