Kulturgeschichte

Persien ist eine Brücke zwischen drei Kontinenten

Moderner Städtebau durch die Eliten. Die Ausstellung „Iran. Kunst und Kultur aus fünf Jahrtausenden“ bringt Europäern den persischen Kulturraum näher.
Bronzebüste eines sasanidischen Königs, 4. – frühes 5. Jahrhundert.
Foto: The Sarikhani Collection / J. Bodkin | Bronzebüste eines sasanidischen Königs, 4. – frühes 5. Jahrhundert. Unter den Sasaniden (224–651 nach Christus) wird das Idealbild des „Königs der Könige“ und aristokratischer Etikette geprägt.

Als ,Kulturautobahn‘ zwischen Asien, Afrika und Europa ist der persische Raum durch eine enorme ethnische und sprachliche Vielfalt geprägt. Immer wieder bilden Migration, die Wanderung von Kulturtechniken entlang der Seidenstraßen und der Wissenstransfer über geographische und soziale Grenzen hinweg die Grundlage von Innovation und Kreativität.“ Ute Franke, vom Berliner Museum für Islamische Kunst, verdeutlicht damit die Bedeutung des Iran im Laufe der Geschichte bei einem Presserundgang durch die Ausstellung „Iran. Kunst und Kultur aus fünf Jahrtausenden“, die bis zum 20. März in der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel stattfindet.

„Der Zusammenhalt des riesigen Reichs von Thessalien bis zum Industal,
von Nordostafrika bis in die eurasischen Steppen basierte auf Föderationen,
Integration, Tradition und der Nutzung bestehender Strukturen“

 

Mit rund 360 Objekten steht damit erstmals in Berlin die Kulturgeschichte des Iran im Mittelpunkt einer großen Ausstellung. „Denkt man an die enorme kunsthistorische Bedeutung des Iran, so ist die Ausstellung überfällig“, sagt Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst.

Die meisten Exponate stammen aus der Sarikhani-Sammlung in London. Zur Entstehung der Sammlung führt Weber aus: „Die Sarikhanis flohen 1979 aus dem Iran. Sie kamen mit zwei Koffern in London an, wo sie ein Geschäft eröffneten und reich wurden. Sie begannen, von anderen iranischen Familien, die ebenfalls nach Europa oder in die USA gegangen sind, Familien aus den alten Dynastien wie den Pahlewis, Kunstobjekte zu kaufen.“ Die Londoner Exponate werden mit Objekten aus den Staatlichen Museen zu Berlin vervollständigt.

Die Herkunft der Artefakte ist mehrfach geprüft und gesichert 

Die aus London angereiste Ina Sarikhani-Sandmann betont insbesondere die gesicherte Provenienz der Exponate. Sie seien auf ihre Authentizität mehrfach geprüft. Bereits an den ältesten Exponaten springe die ausgeprägte Internationalität der iranischen Kultur ins Auge, die eine Brücke zwischen drei Kontinenten – Afrika, Asien, Europa – schlage.

Chronologisch geordnet beginnt die Ausstellung mit dem Kapitel „Erste Städte, Frühe Reiche“. Nachdem in den Randgebirgszonen des Nahen Ostens der Übergang vom Jäger und Sammler zum sesshaften Ackerbauern und Viehzüchter beginnt, existieren um das Jahr 4 000 vor Christus im Nahen Osten Städte und Stadtstaaten. Die verschiedenen städtischen Kulturen, die sich im Iran entwickelten, wurden reich durch einen immensen Bedarf an Rohstoffen und exotischen Gütern für die Repräsentationskultur und Bauprogramme der Könige und Eliten. Städte mit elaborierten Wassersystemen und ein weitreichendes Handelsnetz, das um 2 400 vor Christus die beiden großen Nachbarn des Iran in Mesopotamien und am Indus zu Land und Wasser verband, deckte die Nachfrage. Es sind über die Epochen hinweg die Konstanten der iranischen Kulturgeschichte.

Eine Abfolge verschiedener Reiche und Einflüsse

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Weil sich im Gebiet des Irans im Laufe der Jahrtausende sehr unterschiedliche Reiche entwickelten, helfen zur Orientierung des Besuchers sowohl Schrifttafeln als auch Landkarten. Als erstes großes iranisches Reich gilt Elam, dessen Aufstieg im späten 3. Jahrtausend begann. Zu dessen Objekten gehören fast kubistisch anmutende Tongefäße, kostbare Goldobjekte und Bronzen. Aus dem Schatten der großen Nachbarn Assyrien und Babylonien tritt Iran mit dem Großreich der Achämeniden ab der Mitte des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts heraus. Der Zusammenhalt des riesigen Reichs von Thessalien bis zum Industal, von Nordostafrika bis in die eurasischen Steppen basierte auf Föderationen, Integration, Tradition und der Nutzung bestehender Strukturen. An seiner Spitze stand „Der König der Könige, der König der Länder und Völker“. Es entwickelte sich ein Hofzeremoniell, das über die Perser bis Byzanz verfeinert werden sollte. Von Indien bis zum Mittelmeer bleibt das Achämeniden-Reich politisch, aber auch künstlerisch prägend.

Nach der Eroberung durch Alexander den Großen und die Herrschaft seiner Erben entsteht zunächst das Reich der Parther (247 vor Christus – 224 nach Christus), von dem prächtige skulptierte Trinkhörner und feine Schalen in der Ausstellung zu sehen sind. Ab 224 nach Christus herrschen die Sasaniden bis 651 nach Christus. Das Idealbild des Königtums und aristokratischer Etikette wird geprägt, manifestiert in Felsreliefs, reliefierten Silbergefäßen, Bronzebüsten und Stuckdekorationen und dem „Herrenbuch“. Ausgehend von der Provinz Fars entstand ein Territorialreich mit Teilkönigen und Satrapen, an dessen Spitze der „König der Könige“ stand.

Alt-iranische Traditionen prägen die Kulturen bis heute

Die Eroberung des sasanidischen Reiches (635–651) durch arabische Stammeskämpfer markiert das Ende des Königtums. Die Eroberer bringen Sprache und Schrift des Korans in das iranische Hochland. Außergewöhnliche frühe Koranhandschriften sowie modern und monumental anmutende Schalen mit radialer Kalligrafie verdeutlichen in der Ausstellung die enorme Bedeutung der Schrift. Eine zunehmend persisch-islamische Kultur, geprägt durch die Übernahme altiranischer Traditionen in die arabisch-islamische Geisteswelt, entsteht vom 9. bis 13. Jahrhundert. Durch den Handel mit China kam es im neunten Jahrhundert zu einer regelrechten Keramikrevolution. Das Produktdesign mutet modern an, auch in der Baukeramik.

Der Einfall der Mongolen Dschingis Khans im 12. Jahrhundert brachte Tod, Zerstörung, Flüchtlingsströme und Massendeportationen mit sich und stellt ein tiefes Trauma dar.

„Das Goldene Zeitalter“ wird die Zeit der Safawiden (1501–1722) genannt. Das Land exportierte Luxusprodukte, besonders feinste Seidentextilien und Teppiche sowie Keramik, auch nach Europa, das zunehmend Bezugspunkt wurde. Vor allem die Malerei sticht hervor, ob in kolossalen Manuskripten für die höfische Gesellschaft, als Einzelblätter von Sammelalben für jedermann oder auf Wandmalereien und Fliesen im öffentlichen Raum. Vom Austausch mit Europa zeugen etwa Kunstblätter aus Isfahan.

Der Iran ist mehr als die islamische Revolution

Zu einem Nationalstaat entwickelt sich der Iran unter den Qadscharen (1779–1925). Das Kunstschaffen entfaltet sich dynamisch weiter. Die islamische Revolution 1979 stellt einen bedeutenden Einschnitt dar. „Gerade weil der Iran heute primär über die politischen Ereignisse seit der islamischen Revolution 1979 im kollektiven Gedächtnis verankert ist, erzählt die Ausstellung davon losgelöst die Geschichte und das künstlerische Erbe der Vormoderne: persische Kultur in ihrer transregionalen Bedeutung und Dynamik“, so Ausstellungskuratorin Ute Franke.

„Iran. Kunst und Kultur aus fünf Jahrtausenden“ bietet einen hervorragenden Überblick über die Kulturgeschichte eines Raumes, der in Europa allzu häufig vernachlässigt wurde. Eine ansprechende Ausstellung, die eigentlich doppelt so viel Fläche wie in der James-Simon-Galerie vorhandene erfordert hätte, wo alle Exponate etwas gedrängt ausgestellt werden.


Iran. Kunst und Kultur aus fünf Jahrtausenden. James-Simon-Galerie, Museumsinsel Berlin.
Bis zum 20. März 2002, Di.–So., 10–18 Uhr, Eintritt: 10 EUR. Katalog (Hirmer Verlag), Hardcover,
ca. 400 Seiten mit ca. 540 farbige Abbildungen, ISBN 377743-804-9, EUR 49,90

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